Einmal wollte ich an einem Ort sein, wo Schnee länger als einen Tag liegen bleibt. Also fuhr ich nach Schweden und starrte ins Weiß. Die Geschichte, die ich mitbrachte, erschien im Februar 2015 in DIE ZEIT.

In Dalarna stehe ich am Rande eines zugefrorenen Sees und starre auf ein erstaunlich genau in den Schnee gefrästes Loch. Es hat die Form einer flachen, handtellergroßen Ellipse, seine Ränder und der Boden leuchten dunkelorange. Ein schöner, kräftiger Ton, wie er auch etwa einem Ford Capri gut stehen würde. Marcus, mein Wildnis-Guide, freut sich entzückend über dieses Loch. Und ich wollte ehrlich, ich könnte mich mit ihm über diesen Präzisions-Pisse-Placken eines Elchbullen begeistern. Aber ich bin doch hier, weil ich in die Weite blicken wollte, ernst und entschlossen wie ein Polarforscher, vor mir nicht als unermessliches, sauberes Weiß.
Mit Schnee kann man ja viel verbinden. Manche macht er fröhlich; die gehen vors Haus und bauen einen Schneemann. Andere sehen ihn als Leichentuch der Natur; die bleiben daheim und aalen sich in wohliger Wintermelancholie. Für mich heißt Schnee Aufbruch, Bewegung. Und weil ich eh in Norddeutschland lebe, treibt er mich auch immer weiter nach Norden.
Darum bin ich nach Schweden übergesetzt und dann in den Zug gestiegen, langsam nach Svealand hinauf. In Götaland, in Örebro und in Värmland liegt schon etwas Schnee. Aber es sieht halbherzig aus, wie ein hastig übergestreifter dünner weißer Pullover, unter dem bei jeder Bewegung ein dunkles T-Shirt durchscheint. Erst kurz vor meinem Ziel, in der Provinz Dalarna, liegt die weiße Decke so selbstverständlich auf den Hügeln, als gehörte sie hierher. In Ludvika, bei den Metallwerken, ist Schichtende. Gruppen von Arbeitern steigen zu. Sie tragen Gummiüberzieher mit Spikes über ihren Stiefeln. Im Süden haben die Leute noch neugierig auf die Schneeschuhe an meinem Rucksack geguckt, nun wundert sich keiner mehr. Hier fängt also der Norden an, denke ich.
In Rättvik am Siljansee steige ich aus. Ich würde gern behaupten: Genau da wollte ich hin. Aber das Starren aus dem Fenster in den Schnee, die butterweich gesungenen schwedischen Zugbegleiterinnenansagen, da habe ich meinen Halt glatt verträumt. Im Schneetreiben stehe ich vor dem holzverkleideten Bahnhof. Ich habe keinen Schimmer, wie ich in den Nachbarort zu meinem Hotel kommen soll, aber das ist mir ziemlich egal. Es ist schön, sich von dieser friedlichen, weichen Stille einhüllen und berühren zu lassen.
Der Abend kommt, die Geschäfte schließen, und der fallende Schnee macht Rättvik noch kleiner und leiser. An einem Hang über der Stadt beleuchten Flutlichter eine Piste, aber niemand fährt Ski. Regnete es, ich würde meine Lage längst fluchend beklagen. So lasse ich es mir auf die Schultern rieseln, die Flocken sickern wie Baldrian in mich hinein und kitzeln mich zugleich wach. Ein Taxi hält vor dem Bahnhof. Ein Fahrgast im Schneetarnanorak steigt aus und holt eine Gewehrtasche und einen anscheinend schweren Sack aus dem Kofferraum. Ich lasse mich nach Tällberg in mein Hotel fahren. Noch nie habe es so spät geschneit wie in diesem Jahr, sagt der Fahrer, „aber jetzt ist das alte Jahr mit allen unfertigen und unschönen Dingen endgültig vergessen. Oder wenigstens zugedeckt. Was ich nicht sehe, muss mich nicht stören. Eine neue Leinwand auf die Staffelei, und mal sehen, was die nächsten Monate draufmalen.“

Mein Hotel ist ein altes Holzhaus mit Blick über den See, gelegen in einem Dorf, von dem ich nicht weiß, wie es an Schwedenbilderbuchidylle noch einen drauflegen könnte. Allüberall samtweiches Licht in den Fenstern, Firste und Rahmen weiß gestrichen, die Hauswände im dunklen Falunrot, einem Nebenprodukt des Kupferwerkes unten in Falun, südlich des großen Sees. „Willkommen im Freilichtmuseum“, sagt der Taxifahrer ein wenig spöttisch. Ich nehme mir diese kritisch-nüchterne Haltung entschlossen zum Vorbild.

Der Schnee ist noch nicht fertig abgetropft von meinen Stiefeln auf die schweren Teppiche im Hotel, da habe ich schon aufgegeben. Kaminfeuer, uralte Holzbalken mit tiefen Rissen, ein Bollwerk gegen die Kälte da draußen, die sich in groben Pinselstrichen hinter dem Fenster abzeichnet: das Nachtblauweiß des Schnees, das tiefe, glanzlose Grau des Sees, die schwarzen Waldmassen dahinter. Das sieht kein bisschen kuschelig aus. Da will ich hinein.
Marcus holt mich am zweiten Tag zu unserer Schneeschuh-Safari ab. Weil er Schwede ist, hält er mir zum Warmwerden keinen Vortrag darüber, wie schön unser Ausflug wird und wie gut er sich dort draußen auskennt. Ich schnüre meine Stiefel fester und sammele mein Zeug ein, und er kaut auf seiner Unterlippe, dass der rote Vollbart in der Luft kratzt. Da sehe ich schon: Der will raus, der mag nicht noch länger in geschlossenen Räumen sein.
Wir verlassen Tällberg, fahren ein paar Kilometer über die Schnellstraße, biegen auf kleinere Routen ab, und es ist, als hätte es nie etwas anderes gegeben als Schneeland. Noch stechen die Bäume grün heraus. Ein paar Tage noch, dann werden sie weiße Mützen bekommen, und ihre Äste werden schwer zu Boden hängen. Wir fahren durch kleine Dörfer, weniger herausgeputzt als Tällberg, doch mindestens genauso hübsch. Auf freiem Feld hält Marcus neben einer Birke. Der Kaffee muss wohl weggebracht werden, denke ich. Aber er kratzt etwas vom Stamm, das aussieht wie eine verkohlte Knolle. Er nennt es Sprängticka oder Chaga. Aus dem Zeug will er später einen Tee kochen, dem er großartige heilende Wirkungen nachsagt: „Das ganze Jahr über sammeln sich in diesem Pilz die Stoffe, die die Birke zum Schutz gegen Pilze produziert – das Gesündeste, was uns die Natur liefert.“ In einem Dorf halten wir vorm Supermarkt. Nicht direkt davor, da stehen die Trittschlitten, die aussehen wie Rollatoren auf langen Kufen. Wir werden heute Nacht draußen schlafen. Also gehe ich davon aus, dass Marcus hier unsere Ausrüstung um letzte wichtige Details ergänzt. Munition vielleicht. Oder Waltran für unsere Lampen. Und starken Schnaps. Vielleicht denkt er von mir dasselbe. Wir schleichen getrennt durch die Gänge. Und finden uns vor dem Schokoladenregal wieder. Das kommt uns beiden nur bedingt supermännlich vor. Hier stehen wir in schweren Stiefeln, Fellbesatz an den Jacken, bereit, allein mit Erfahrung und Willen und Leidensfähigkeit in der Winterwildnis zu überleben, nur die zart schmelzende Vollmilchschokolade fehlt noch.

Am Ösjön, dem Inselsee, fahren wir an einem Hof vorbei. Marcus zeigt auf einen kleinen Verschlag am Ufer. „Dort kroch Schwedens Unabhängigkeit aus der Kloake.“ Vom Grunde dieses Klohäuschens entkam Gustav Eriksson im November 1520 den Häschern des Dänenkönigs Christian II., und er floh weiter hinauf nach Dalarna, um Aufstände zu organisieren. „Es wird ähnlich verschneit gewesen sein wie jetzt“, sagt Marcus, „und unser späterer König Gustav I. Wasa wird mit dem Dreck an seinen Stiefeln hässliche Spuren hinterlassen haben.“ Und er hatte wohl nicht einmal Schokolade im Gepäck.
Für unseren Spaziergang hat Marcus den Fjällgryckensee im Osten Dalarnas ausgesucht. Wir beladen einen Pulka-Schlitten mit unserem Zeug, Marcus hängt sich in das Zuggeschirr, wir steigen in die Schneeschuhe. Durch den Wald geht es hinunter zum See. Auf der verschneiten Eisfläche verändert sich sofort das Schneegefühl. Es flauscht hier nicht mehr und hüllt ein, es streckt sich kalt aus. Vorhin war der Himmel blau, die Sonne schien, die Farben waren im harten Licht klar getrennt. Jetzt hängen die Wolken tief, ihre Grauschattierungen verschwimmen mit dem Weiß. Das summt keine fröhlichen Schneeballschlachtlieder mehr, es raunt dunkel und uralt. Wir wandern quer über den schmalen See. Wegen der breiten Schneeschuhe gehen wir ein bisschen o-beinig. Fühlt sich gleich noch viriler und unerschütterlicher an. Nur der vordere Teil der Füße steckt in den Bindungen, wie bei Langlaufski, und wenn wir besonders kraftvoll ausschreiten, schnalzen die Schneeschuhe an die Fersen wie Flipflops, nur ohne Wärme und Leichtigkeit.

Am Ufer stehen ein paar Hütten, nur im Sommer genutzt. Ab und zu kreuzen wir Spuren. Von Füchsen, die wirre Runden drehen und an eisüberzogenen Felsen ihre Urinmarken setzen. Von Wölfen, die unbeirrbar schnurgerade Fährten ziehen.

Mit jedem Schritt, der Schnee vom Holzrahmen meiner Schneeschuhe aufwirft, keimen mehr Nordland-Entdecker-Fantasien in mir auf. Ich bin gar nicht heute Morgen in einem warmen Hotel aufgewacht, ich bin schon seit Wochen und Wochen so unterwegs. Ich probiere einen Roald-Amundsen-Gesichtsausdruck und ramme mein Kinn für die inneren Selfies noch kühner in den eisigen Hauch. Er kommt tatsächlich aus dem Norden, aus Lappland, vom Polarkreis, dorther, wo für mich etwas liegt, was ich nicht fassen kann – es liegt immer einen Horizont weiter, als man sehen kann. Und obwohl der Wind von dort weht, zieht er mich dorthin. Marcus geht voraus.
Und dann winkt mich mein einheimischer Spurenleser also zu seinem Ford-Capri-orangefarbenen Loch. Widerstrebend schalte ich vom Vorwärtsgang in den Leerlauf und vom Großen ins Kleine. Wir überlegen, wie das Elchpisseloch seine in der Tat faszinierend genaue Form bekommen hat. Dazu müssen wir uns gründlich in den Bullen hineinversetzen. So ergibt sich folgendes Bild: Der Elch steht fest und schlägt sein Wasser gerade nach unten ab. Nach einer Weile verändert er seinen Rückenmuskeldruck, ohne, das ist wichtig, seinen Stand zu variieren, die Substanz wandert aus dem Kreis und erweitert ihn zur Ellipse.
Nach diesem Forschungserfolg bauen wir auf einer Landzunge unser Lager auf. Jeder tritt sich eine Schlafkuhle flach und breitet dort auf einer Isomatte und einem Schaffell seinen Schlafsack aus. Wir räumen einen Zwei-Meter-Kreis vom Schnee frei und sammeln Holz. Vermutlich würde es dramaturgisch gut passen, nun zu berichten, wie wir mit wenigen geübten Handgriffen aus dem, was die Natur in dieser Witterung bereitstellt, ein Feuer entfachen, welches die ganze Nacht hindurch lustig lodert, uns Wärme spendet, Schutz vor wilden Tieren und einen formidablen Fernsehersatz noch dazu. Das wäre aber rundum gelogen. Das Feuer ist erbärmlich, es kokelt nur zaghaft und qualmt dafür fürchterlich.

Ich erzähle Marcus, was mir noch von Jack Londons Geschichte Das Feuer im Schnee einfällt: Ein Mann zieht mit seinem Hundeschlitten durch das winterliche Alaska. Bei der Fahrt über einen Bach bricht er durchs Eis. Er weiß, er muss jetzt schnell ein Feuer machen, um seine Füße und seine Stiefel zu trocknen. Das schafft er, leider am falschen Ort: unter einer verschneiten Fichte. Eine Windböe schüttelt den Schnee aus dem Baum. Das Feuer erlischt. Der Mann startet einen neuen Versuch. Doch seine Finger sind schon zu klamm, er kann kein einzelnes Streichholz mehr fassen. Also entzündet er das ganze Bündel und verbrennt sich daran, ohne das Feuer wieder in Gang zu bekommen. Er überlegt, einen Hund zu töten, um seine Hände im Kadaver zu wärmen. Dafür fehlt ihm schon die Kraft. Schließlich setzt er sich hin, um zu sterben. „Lass uns zu Abend essen“, sagt Marcus. Es gibt Reis mit Ratatouille, knallheiß vom Campingkocher, Schokolade und reinigend schmeckenden Chaga-Tee. Es ist nicht schlimm kalt, vielleicht 15 Grad minus, doch im Sitzen wird es nach einer Weile frisch. Wir gehen den Bach entlang, der neben unserer Landzunge in den See mündet, und in den Wald hinein.

Der Tag auf dem See war großartig für den Blick über die Dinge hinweg ins Weite. Noch gab es Bäume und Hügel. Aber ihnen wurden die Kanten genommen von dem schummrigen Licht von oben und vom konturlosen Weiß. Der Schnee wurde zur Gleitfläche für den Geist, zum weißen Blatt für Gedanken. Im Wald bei Nacht bleiben wir jeden Meter an etwas hängen. Umgestürzte Bäume, Biberbauten, bizarr geformte Schneewehen auf dem mäandernden Bachlauf. Sprösslinge, frisch von Elchen angeknabbert, man kann sogar sehen, wie sie ihre Zähne angesetzt haben. Der Schnee verdeckt den Schlamm, das Faulende und Kriechende, das sonst zum Wald gehört, er konzentriert den Blick auf die Formen und verbindet sie zu einem überrealen Erlebnis. Wir sind beide aufgekratzt wie kleine Jungs, die spätabends Star Wars doch zu Ende gucken dürfen und dazu sogar noch Brause bekommen.
Ein paarmal knackt es nicht weit von uns, und wir sehen riesige Schatten mit Schaufeln vor den Köpfen weghuschen. Dann stehen wir ein paar Meter vor unserem Lager auf dem Eis. „Mal sehen, ob Wölfe in der Nähe sind“, sagt Marcus und formt aus seinen Händen vorm Mund einen Resonanzkörper. Sein Wolfsheulen geht trotz der dicken Klamotten schaudernd unter die Haut. Lang gezogen hallen die Laute über den See und in den Wald. Es gibt raue, heisere, erstickende Zwischenlaute, die klingen, als hinge der Wolf seiner Beute an der Kehle, dann wieder klare Sequenzen wie aus einem Waldhorn. „Ich war eine paarungsbereite Wölfin“, sagt Marcus. „Und wenn ich ein Rüde wäre, würde ich nun nachsehen wollen, warum wir uns noch nicht kennen.“ Doch kein Wolf antwortet, und wir sähen ihn nicht, schliche er ein paar Meter neben uns vorbei.

Nachts im Schlafsack, umgeben vom Schnee, ist es so herrlich warm, dass ich genau davon wach werde, ich fühle mich eingebettet ins reine Sein. Aus dem Wald knackt Frost, der in den Bäumen arbeitet. Ich lausche, ob nicht doch ein Wolf einen Rückruf versucht. Aber Marcus’ Heulen klingt noch in mir nach; vielleicht würde ich ein echtes gar nicht bemerken.
Klare Nacht, der Himmel voller Sterne, von weit her höre ich ein tiefes Brummen. Marcus sagte, das sei wohl eine Windkraftanlage. Lieber glaube ich, das ist der Norden, der mir was flüstert. Vielleicht würde ich ihn besser verstehen, wenn ich länger bliebe. Aber wir haben fast keine Schokolade mehr.


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