Zehnkampf im Kühlschrank

Das war eine Reise von der Sorte, DIE ZEIT kann da jemanden für lau mitschicken und sagt dann zu mir, guckste mal und bringst eine Geschichte mit. Gab nicht viel Futter dort drüben, so liest sich das leider auch, ist manchmal so. Erschien Februar 2009.

Auf Bärenattrappen schießen und joggen bei minus 37 Grad: prominente und weniger prominente Sportler stellen sich in Kanadas Yukon Territory einem arktischen Wettstreit.

Das Yukon Territory liegt im Westen Kanadas, noch über British Columbia. Es beginnt am 60. Breitengrad, ungefähr auf einer Linie mit Oslo und Helsinki, und schiebt sich dann als langschenkliges Dreieck zwischen Alaska und den Northwest Territories weit hinauf bis an die Beaufortsee. Der Polarkreis läuft durch dieses Land. Mit anderen Worten: In Yukon beginnt die Arktis. Also ziehe ich schon beim Landeanflug den schweren, pelzbesetzten Parka über. Er ist weiß, was die Gefahr minimiert, dort draußen vorzeitig von Eisbären entdeckt zu werden, wie ich mir gerne einbilde. Anschließend schnüre ich die kniehohen Stiefel mit Korksohle und Lammfellfutter noch ein wenig fester, hänge die Fellfäustlinge an ihren Riemen um den Hals und drücke meine holzgerahmten, lederbespannten Schneeschuhe an mich.

Man kann das übertrieben finden. Aber ich bin gerne optimal auf alle Eventualitäten vorbereitet. Könnte ja sein, dass die Landung in dieser Eishölle missglückt und wir am Ende in einer Schneewehe feststecken. Dann wäre ich allein bereit, Hilfe zu holen und meine Mitreisenden vorm Kältetod zu bewahren, und in Whitehorse, der Hauptstadt des Yukon, würden sie später Statuen nach meinem Bildnis aufstellen. Ist aber nichts mit Eishölle: Es sind fast zehn Grad in Whitehorse, nachts im Januar. Von den Dächern tropft Schmelzwasser, auf den Straßen liegt grauer Matsch. Ein sehr alter Kanadier sagt mir später, es sei schon einmal ein paar Tage lang so warm gewesen, vor 60 oder 70 Jahren.

Ich schwitze fürchterlich in meiner Polarbezwinger-Ausstattung. Denke aber gar nicht daran, sie auszuziehen, schließlich trage ich sie auch, um meine Mitstreiter zu beeindrucken. Wettkampfpsychologie. Wir sind zur „Fulda Challenge“ angetreten, die der deutsche Reifenhersteller Fulda jährlich in Yukon ausrichtet. Fünf Amateursportler und fünf mehr oder weniger sportliche Prominente absolvieren einen arktischen Zehnkampf. Dieses Jahr dabei sind Fredi Bobic, früher Profifußballer, Lars Riedel, der den Diskus warf, Susi Erdmann, die rodelte, Magdalena Brzeska aus der Gymnastiksparte und Joey Kelly, der entweder mit seiner Familie Musik macht oder Extremsportevents abreißt wie unsereiner Verabredungen zum Kaffeetrinken. Sie werden eine Woche lang Hundeschlittenrennen fahren, Schneeschuh laufen, mit allen möglichen Mobilen durch den Schnee heizen und im Zelt schlafen. Und ich darf als Gast mitmachen, manchmal jedenfalls.

In sportlicher Hinsicht ist das bei diesen Temperaturen natürlich nicht die ultimative Herausforderung. Aber eine prima Gelegenheit, dieses riesige, großartige Land kennenzulernen. Seinen Namen trägt es, weil im Süden der Yukon entspringt. Der Fluss schlängelt sich einmal durch die westliche untere Hälfte des Territoriums, vereinigt sich mit etlichen Nebenflüssen und dem Klondike, ehe er am 141. Längengrad rübermacht nach Alaska, um nach mehr als 3000 Kilometern ins Beringmeer zu münden. Yukon ist etwa eineinhalbmal so groß wie Deutschland. Von seinen 30.000 Bewohnern leben 24.000 in Whitehorse. Der Rest teilt sich Berge, Wälder und die nördliche Tundra mit 185.000 Karibus, 50.000 Elchen, 10.000 Grizzly- und 7.000 Schwarzbären. Selbst von Whitehorse aus fahren wir nur wenige Minuten, biegen einmal von der Straße ab und sind mittendrin in grandioser Wildnis.

Am ersten Wettkampftag taut es zwar weiter, aber unter den Pfützen steht das Eis noch meterdick auf dem Schwatka Lake. Die Athleten ballern mit Motorschlitten über den Stausee. Mich und die anderen Gäste verweist man auf einen Seitenparcours zum Geländewagentest. Das macht Spaß, und ich komme mir rasend schnell vor, fahre aber die langsamste Runde. Liegt daran, dass ich nicht mit den Athleten starten darf, sage ich mir, da kommt einfach nicht genug Adrenalin ins Spiel. Werde mich ganz auf meine Stärken im Ausdauerbereich konzentrieren. Leider muss ich Magdalena Brzeska später beim Mountainbike-Rennen im Auto überholen, weil es kein Fahrrad mehr für mich gibt. Sie kurbelt kraftlos mit einer Frequenz von etwa 120 Umdrehungen in der Minute in Richtung Ziellinie in Carcross. Ich überlege, ob ich ihr verraten soll, dass ihr Rad eine Gangschaltung hat, verwerfe den Gedanken dann aber.

Carcross ist ein typisches Yukon-Dorf. Die wenigen Geschäfte sind bis zur Touristensaison geschlossen, das heißt mindestens bis Ende April. Die Ghùch Tla Community School hat gerade Schulschluss, der Hausmeister holt die Fahne mit den beiden Totem-Wölfen ein. Vor dem Ausgang blockieren zwei Schulbusse mit blinkender Rundum-Warnleuchte die Straße. Zehn Minuten lang passiert gar nichts, aber ich warte. Kaum etwas ist auf Kanadas Straßen verbotener, als an Schulbussen vorbeizufahren. Außerdem bedeutet Schulschluss Rushhour. So viele Menschen bekommt man hier sonst nie zu sehen. Das Dorf liegt am fast schwarzen Lake Bennett, dahinter ragen mittelhohe Berge auf, tiefgrün bewaldet, Schnee in den Lichtungen und auf den Kuppen, und über allem hängen niedrig bleierne Wolken. Es ist zwar immer noch viel zu warm, aber ungemütlich sieht es schon mal aus. Ein gutes Zeichen.

In Carcross steht der Trapper Trail auf dem Programm, mit Schneeschuhlauf, Bogenschießen, Fährtenlesen und Fellbestimmen. Was klingt wie ein knallharter Check unserer Überlebenskompetenz in freier Wildnis, erinnert stark an einen Kindergeburtstag. An der Schießstation wird auf eine Bärenattrappe in Labrador-Größe angelegt. Zum Fährtenlesen sind Schautafeln vorbereitet. Zwischendurch setzt sich Magdalena Brzeska kurz in ein eingeschneites Autowrack, die Autofokusse der mitreisenden Fotografen drehen durch, während irgendwo am Horizont Joey Kelly über den Schneeschuh-Parcours sprintet wie der Wolf bei der Jagd auf Kitzlein. Jedes Wild bräche nach wenigen Metern erschöpft zusammen.

Am dritten Tag fahren wir weiter nach Dawson City, 550 Kilometer nördlich von Whitehorse, und endlich, endlich wird es kalt. Über weite Strecken zieht sich der Alaska Highway schnurgerade durch die Wälder, dann kurvt er wieder um Berge und Seen und Sümpfe herum. Die Straße ist vereist, der Schneestaub blendet. Und trotzdem entsteht beim Fahren ein Rhythmus, so mühelos und leicht, dass ich ewig so weitergleiten möchte. Bis zur Tankstelle in Pelly Crossing, auf halbem Weg nach Dawson, ist das Thermometer schon auf minus 20 Grad gefallen. Ich denke im Laden über die noch dickeren Handschuhe und das wattierte Holzfällerhemd für 29,90 Can$ nach. Die Indianer, die hier einkaufen oder Lotterie spielen, steigen in dünnen Kapuzenpullovern aus ihren Pick-ups. „Ist dir nicht saukalt?“, frage ich einen. „Es ist nicht kalt“, sagt er und schaut in den Himmel, „aber vielleicht wird es kalt.“ Ich kaufe dann doch nichts.

Die Straße nach Norden führt durch Waldbrandgebiete. Schilder zeigen, wann es loderte. Selbst Areale, die vor 50 Jahren brannten, haben sich noch nicht vollständig erholt. Den Männern, die während des Goldrauschs nach Dawson strömten, wäre das egal gewesen. Sie hätten sich einfach über die Straße gefreut. Damals, vor hundert und ein paar Jahren, mussten sie den Chilkoot Trail über die Berge nehmen und die Reise dann per Floß auf dem Yukon fortsetzen, mit tonnenschwerem Gepäck. Die kanadische Polizei ließ niemanden über die Grenze, der nicht eine Tonne Lebensmittel und Ausrüstung vorzuweisen hatte, um dort oben überwintern zu können. Diese Männer haben jeden Tag unendlich viel mehr auszustehen gehabt als wir während unserer einwöchigen Challenge. Fühlt sich darum ein bisschen albern an, wie wir auf dem Dorfplatz von Dawson unsere Zelte aufschlagen und gut abgesichert spielen, was sie einst verfluchten.

Dawson ist so überschaubar wie tadellos restauriert. 1.800 Menschen wohnen hier. Während des Goldbooms waren es bis zu 40.000, und viele Häuser sehen aus, als wären die Abenteurer gerade erst über einen der Brettergehwege an ihnen vorbeigestiefelt. Inzwischen sind es 37 Grad minus. Die frühlingslasche Stimmung der ersten Tage ist verschwunden, der Challenge-Tross ist aufgeregt. Endlich richtiger nordkanadischer Winter! Kaffee, aus einem Becher in die Luft geschleudert, rieselt als Eisstaub zu Boden. Die Autos laufen die Nacht über durch. Wer jetzt an die Umwelt denkt, braucht morgen früh Starthilfe. Die Kälte beißt sich in die Nasenschleimhäute und in jeden Zentimeter ungeschützter Haut, sie nagt mit nadelspitzen Zähnen. Zwei Minuten ohne Handschuhe, und die Fingerkuppen brennen eine halbe Stunde nach.

Ideale Voraussetzungen, um das Yukon-Gefühl beim Halbmarathon ganz auszukosten. Der Lauf findet auf dem Dempster Highway statt, der ganz nach oben auf die Liste der schönsten Straßen der Welt gehört. Harmonisch fügt sich der Dempster in die Talläufe und Bergschwünge der Ogilvie Mountains ein und weiter hinauf durch tundrische Ebenen bis ins Delta des Mackenzie. Wegen der Temperaturen verkürzen die Ärzte die Strecke auf 15 Kilometer. Joey Kelly brät vom Start weg los. Ich will vorsichtig antraben, schauen, wie sehr die Temperatur in meinen Bronchien knistert, und dann aufgewärmt aufdrehen.

Unterhemden, die Jacke, die Gesichtsmaske sind ruckzuck bretthart gefroren. In den Wimpern, in den Brauen und im Bart bilden sich Eisklumpen. Dann kommt ein leichter Wind von vorne, inmitten kältestarrer Stille, ein zarter Hauch nur, wie aus einem riesigen Kühlschrank. Trifft auf die Brust und lässt die Knie zittern. Fühlt sich, als wollte der große weiße Norden uns drohen. Es muss dieser Hauch von weit her sein, der die Helden der Arktis immer weiter gezogen hat, weil es im Norden nur Bewegung gibt oder Tod. Richtig schmerzhaft wird es erst am Schluss, auf den letzten Kilometern vor dem Ziel, nach dem finalen Anstieg um einen Sattel biegend. Die Sonne ist endlich hoch genug gekrochen, mir ins Gesicht zu scheinen. Ringsherum diese fantastischen Berge, schneebedeckt, mit schroffen Graten, die in den dünnen, rosafarbenen Sonnenaufgangsstreifen schneiden, und darüber der Himmel von so klarem Blau: Es gibt Leute, die absichtlich langsamer laufen, um das voll auszukosten.

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