Einmal im Jahr schickt DIE ZEIT eine Handvoll Leute raus, die jede, jeder auf ihre Weise von unterschiedlichen Orten über ein Ding schreiben. Diesmal war das Thema Paradies. Da gab es Kolleginnen, die suchten diesen Fleck in der Südsee, in sich selbst, im biblischenZweistromland – und mich ließ man nach Iowa reisen im Januar. Wie sagen sie in Iowa? Iowa, 75% vowels, 100% awesome. Erschienen März 2017, meine Fotos.
Tief im Westen Iowas, im Landkreis Carroll County, parke ich den Wagen auf einer Schotterstraße neben einem kleinen, offenen Container. Er enthält etwa zehn Schweinekadaver. Der Himmel hängt grau und schwer über der schwarzen Krume gepflügter Felder und dem hellbraunen Gras der Weiden ringsherum. Ein paar Farmgebäude sind auszumachen, aber kein Mensch und kein lebendiges Tier. So verlassen scheint dieser Fleck, dass noch nicht einmal Krähen herumlungern, um an den Schweinen zu picken, sobald ich wieder weg bin. Es ist windig und schneidend kalt. Mir kommen die Tränen. Und doch bin ich bester Stimmung. Denn vor mir liegt Eden.
Man kann sich unter dem Namen viele schöne Dinge vorstellen. Gärten mit Blumen und reifen Früchten sonder Zahl, vielleicht eine wüstenumsäumte Oase, es ist warm, keiner bleibt lange allein, und niemals kneift Hunger. Die Tiefgründigen betrauern die Vertreibung aus dem Ur-Paradies; die Optimisten glauben, die Welt ist schön und groß, und jeder kann ein neues, sein eigenes Eden finden.

Ich mache mich auf nach Iowa. Dort gibt es nämlich nicht nur ein Eden – sondern gleich acht! Acht Townships mit dem verheißungsvollen Namen. Schon rein rechnerisch stehen also meine Chancen, das Paradies zu finden, im Mittleren Westen ganz gut. Außerdem ist Iowa der einzige US-Bundesstaat, der von zwei Strömen umspielt wird, dem Mississippi zur Rechten, dem Missouri zur Linken. Da stimmt sogar der biblische Rahmen.


Auf der Landkarte, die ich zum Start kaufe, ist allerdings keines meiner Edens eingezeichnet. Townships klingen zwar nach town, sind aber keine Orte, sondern Unterbezirke der Countys. Auf kurzem, direktem Weg ins Paradies zu gelangen kann ja auch nicht Sinn der Sache sein. Ich markiere die Landkreise, in denen Eden zu finden sein soll.
Von der Hauptstadt Des Moines, ziemlich in der Mitte des Bundesstaates, steuere ich den Mietwagen auf den linken Rand meiner Landkarte zu. Des Moines ist schon nicht groß und nicht hektisch, aber es dauert nur ein paar Fahrminuten auf dem Interstate Highway 80, da liegt noch das kleinste Stadtgefühl weit zurück. Scheinbar grenzenlos breitet sich das Land in alle Richtungen aus, keine Berge, keine dichten Wälder, keine scharfen Kurven. Weit und offen rollende Prärie: So sieht die Erde für mich aus, auch wenn sie seit vielen Bauerngenerationen fast vollständig Farmland sein mag, und schwerelos gleite ich darin fort. Nur gelegentlich rücken einige Hügel enger zusammen, brechen Kanten jäh ab, ein winterstarres Wäldchen duckt sich in das Tal, durchschlängelt von einem Bach, und ich denke, hier könnten ein paar Tipis stehen, und ich könnte einer der ersten Weißen auf der Suche nach einem unverbrauchten Platz sein.

In Woodbine finde ich ein Motel. Reservieren kann man allerdings nur telefonisch. Ein Telefon habe ich nicht dabei, und einen Münzfernsprecher finde ich nicht. Irgendwann kommt ein Auto die Straße herauf. Der Fahrer wohnt auch im Motel und ruft für mich die Besitzerin an. Ich gebe meine Kreditkartennummer durch und bekomme dafür den Zahlencode fürs Zimmerschloss. Der Fahrer ist Brückenbauer. Was ich hier mache? Eden in Iowa suchen? Er lacht nicht einmal. „Der langweiligste Staat, den ich kenne, und ich sollte sie alle kennen, seit 40 Jahren rauf und runter unterwegs im Mittleren Westen!“
Der Ortskern von Woodbine besteht aus zwei kurzen Straßen mit Geschäften in Backsteinbauten von der vorletzten Jahrhundertwende. Bilderbuchamerika im heartland mit Post, Friseur, Autowerkstatt, den Niederlassungen des Veteranenvereins American Legion und der Farm-Versicherung, einem Immobilienmakler, der Bank, einem Restaurant. Vieles ist geschlossen, einige Läden sind verrammelt, die Schaufenster leer, verblichene Reklame aus einer Zeit, als die nächste Mall und Online-Shopping noch fern waren. Man müsste nur ganz wenig aus dem Bild nehmen, dann könnten wir uns hier in jedem Jahrzehnt der letzten hundert Jahre bewegen.
Da ich nirgendwo einkehren kann, besorge ich mir im Laden ein paar Vorräte und freue mich über den Campingkocher, den ich wie immer im Gepäck habe. Es gibt Reis mit Dosenzeug auf dem Motelbett liegend, und aus der Nacht tönt das Signal eines Güterzuges der Union Pacific Railroad. Fährt er rüber nach Chicago oder hinunter nach Kansas City? Keine Ahnung, wie meinen Brückenbauer all das langweilen kann.



In Carroll County fahre ich tags darauf auf der Suche nach Eden Township eine Weile auf Verdacht kreuz und quer. Im Radio laufen Country- oder Bibelsendungen. Doch nirgends weist mir ein Zeichen den Weg. Ich halte an Al’s Corner Oil, Tankstelle und Laden an einer Kreuzung im Nichts. Während ich Benzin nachfülle, schlägt der Wind auf mich ein. Er scheint direkt aus Kanada zu kommen, als könnten ihn nicht einmal die Wälder Minnesotas bremsen, und er treibt Schnee vor sich her und arktischen Schub in mein Gemüt. Mehr als 20 Grad minus soll die gefühlte Temperatur sein. Näher werde ich einem Blizzard in diesem Winter wohl nicht kommen, also genieße ich es, solange ich es aushalten kann.

Die Kassiererin weiß nicht, wo Carroll Countys Eden liegt. Vier Männer kommen in den Laden und schlurfen in den Cafeteria-Teil. Verfrorene Gesichter, gemurmelte Begrüßungen, abgewetzte Overalls und Jacken meiner Lieblingsarbeitsklamottenmarke. Zum stämmigen Kerl an der Spitze der Gruppe sagt die Kassiererin: „Dieser Gentleman sucht Eden Township.“ Der Ortskundige kopfnickt mich wortlos nach hinten in ein Büro.
Die Tankstelle gehört seinem Onkel Rollin Tiefenthaler, sagt er, eröffnet vom Großvater, „als hier noch nicht so viel los war“. Er selbst heißt Dave Tiefenthaler. Er betreibt eine Farm, mit dem Daumen weist er nach hinten. „600 Hektar, Schweine und Mais.“ Demnächst werden es noch 200 Hektar mehr. Einige Nachbarn haben zusammengelegt und eine frei gewordene Farm aufgekauft. „So bleibt das Land in unseren Händen. Besser, man hält die großen Investmentfirmen draußen.“ Aus einem Schrank nimmt er das Farm & Home Plat & Directory, eine Art Telefonbuch von Carroll County samt Karten, auf denen jeder Township, jede Farm, jedes Geschäft gelistet und eingezeichnet ist. Auf der Doppelseite 22/23: Eden.
Ich komme mir vor, als hätte ich einen Riesenschatz aufgetan. Wen in Eden ich denn suche? „Niemanden, ich will mir alle acht Edens von Iowa ansehen und schauen, ob ich mich dann himmlisch fühle.“ Hinter Daves Schnurrbart verzieht sich kein Gesichtsmuskel, der gute Mann kramt noch einmal und schiebt mir auch die Verzeichnisse der Countys Sac und Winnebago herüber. „Kannste behalten, für die anderen musst du vor Ort fragen.“ Er wird unruhig. Er will zu seinen Kumpels. Ich könnte gut noch eine Weile klönen. Er scheint es zu merken und lädt mich ein: „Have a bite with us.“ Wir sitzen in der Cafeteria, es gibt Hackbraten und Kartoffelbrei mit Erbsen. Sie essen, wie sie wahrscheinlich auch arbeiten, konzentriert, schweigsam, mit sparsamen Bewegungen. Fertig, aufstehen, leeren Teller auf den Tresen, back to work.


Ich lenke den Wagen eine Querstraße nach Westen und dann 17 Meilen ohne jeden Gegenverkehr schnurgerade nach Süden und lande so, gleich nach den Schweinekadavern, mitten in meinem ersten Eden. Die Kreuzung Jade Avenue und Highway 141 liegt im Herzen des Townships. Das Paradies hier zu verorten kommt mir auch ganz ohne Obstgartenüberfluss und nackige Eva vollkommen richtig vor. Denn an den Scheunen kann ich sehen, es gibt genug zu essen, und die schnörkellose Kargheit gibt mir reichlich Raum. Kann natürlich auch einfach sein, dass die lange Anfahrt dankbar für jede Form von Ankommen macht.
Ich drehe meine Eden-Runde durch den Bundesstaat. In den Countys Sac und Winnebago stehe ich am Ziel wieder an Null-Verkehr-Kreuzungen und sinniere ins Nüscht. Dort im Westen und im Norden Iowas fahre ich an Briefkästen vorbei, auf denen Namen stehen wie Brandt, Aenholtz, Vollstedt, Sondermann, Uhlenkamp: Iowas Bewohner sind immer noch zu fast 90 Prozent weiß, und mehr als ein Drittel von ihnen ist deutschstämmig. In Fayette, dem Hauptort von Fayette County, kommt in Gavin’s Supermarket Aufregung ins Spiel: Auf dem Pepsi-Automaten klebt eine Karte des Landkreises. Mit der Kassiererin und einer Kundin stelle ich zweifelsfrei fest, dass ich in diesem Eden nicht allein sein werde: Der Ort Waucoma liegt mittendrin. Da werde ich ein bisschen bleiben und mit Menschen reden und sie beim Feierabendbier beobachten, das wird meiner Suche völlig neue Dimensionen geben.




Waucoma hat 250 Einwohner, ein Gemeinschaftszentrum, eine Bücherei, ein Café, ein Hotel. Niemand ist zu sehen, und alles ist geschlossen. Und mir wird klar: Meine Edens mögen alle ein bisschen unterschiedlich aussehen, ihr gemeinsames Wesen aber ist das des äußerlich eher reizreduzierten Charmes.
Damit ich beweisen kann, dass ich Eden wirklich gefunden habe, fotografiere ich alles, wo der Name draufsteht. Zweimal sind das alte Friedhöfe. Sähe ich Leute auf den Höfen, ich würde auch eine Einfahrt hochfahren und etwas Blödes fragen, nur um ins Reden zu kommen. Gerade weil das Land so offen liegt, finde ich es aber noch wichtiger, die wenigen Grenzen zu achten. Das scheint auch angebracht zu sein.

Als ich mich der Eden Ridge Farm mitten im Eden Township von Marshall County nähere, um deren Schild zu fotografieren, kommen gleich zwei Männer aus einem Stall auf mich zu. „Can I help you?“, fragt der vordere von Weitem, und ich finde mal wieder toll, was für unterschiedliche Haltungen ein vordergründig höflicher Satz im Englischen ausdrücken kann. Diesmal höre ich heraus: Was hast du hier zu suchen, sag an, aber schnell! Und eine 12er-Schrotflinte könnte ja auch greifbar sein. Ich erkläre mein Projekt, sie entspannen sich und erklären ihre Vorsicht: Nicht dass ich ein Tierschützer bin und rumschnüffele und hinterher Sachen über ihre Schweinehaltung verbreite, die nicht stimmen. Insgeheim hoffe ich auch hier auf eine Einladung, einen Kuchen würde ich nehmen, und bestimmt ist die Küche wunderpittoresk altmodisch eingerichtet, aber nach ein paar Minuten höre ich wieder: back to work.



Gleitet man so durch Iowa, wirken die vereinzelten Gehöfte mit dem Wohnhaus, den Schuppen, Ställen und Silos, umsäumt von Bäumen, in dem rollenden Land wie Inseln auf dem Meer. Manche kuscheln sich in Senken, aber die meisten stehen erhaben, weil der Farmer nun mal gern seinen Besitz überschauen möchte. Es gibt keine Palmen in Iowa, aber dass die Menschen, die Mitte des 19. Jahrhunderts direkt aus Europa oder aus den Staaten östlich des Mississippi in dieses fruchtbare Land kamen, immer wieder an Eden denken mussten, leuchtet mir ein. In der Bibel muss zwar erst geackert werden, als das Paradies schon verloren ist. Aber ein Bauer sieht das sicher anders. Der sieht vielleicht nicht nur auf die Früchte seiner Arbeit, sondern empfindet die Arbeit selbst auf einem guten Boden schon als Teil der Verheißung. Der würde auf eine Südseeinsel schauen und fragen, was soll ich damit. Schaut er dagegen auf die dunkle Erde Iowas, so spuckt er in die Hände. Und dann sind meine Edens eben keine bunten, feierfröhlichen katholischen Paradiese, sondern Gärten, die im calvinistischen Geiste bestellt werden wollen. Oder habe ich von alldem keine Ahnung, weil ich fast immer nur in der Stadt lebte, aber gern Land hätte?
Über all diese Dinge kann ich gründlich nachdenken. Es gibt nicht viel anderes zu tun. Iowa hat keinen welttiefsten Canyon, keine Gletscherberge und keine Geysire. Meine Karte verzeichnet Farm-Museen, Fort-Museen, den Hof von Buffalo Bill, die Grotto of Redemption, das Geburtshaus von John Wayne, alles geschlossen bis zum Frühling. Und so kann ich fahren und fahren. Endlos durch Farmland. Und durch Bruchwaldlandschaften, in denen tote, rindenlose, graue Bäume in unüberschaubaren Flusswindungen liegen und hängen und stehen, ein Schauplatz für Wintersumpfland-Krimis. Neben einer Straße parkt ein Pick-up. Ein Mann nimmt mit seiner vielleicht zwölfjährigen Tochter einen Hirsch aus.




Nicht Kirchtürme kündigen die Ortschaften an; die großen, blechglänzenden Silotürme der lokalen Genossenschaften sind die Kathedralen des Kleinstadtmittelwestens. Am Straßenrand auch lange nach der Wahl viel Zuspruch für Donald Trump. Nur einmal Hillary Clintons Name auf einem Schild: Steckt sie ins Gefängnis, für immer! Andere Plakate lehnen Abtreibung ab, aber ganz unaufgeregt, als müsse davon niemand mehr ernsthaft überzeugt werden.
Nach der Prärie und dem Wald der Mississippi: Am Morgen stehe ich auf den Klippen über dem Fluss. Präkolumbianische Indianer haben dort Grabhügel in Bären- und Vogelform gebaut. Sieht bestimmt super aus, unter dem Schnee ist davon jetzt nur nichts zu erkennen. Dafür das Tal, grandios! Viele Kilometer kann ich den Mississippi hinuntersehen, auf seinen Lauf voller Inseln, von Eis bedeckt.



Unterwegs zu den verbleibenden Edens begleitet mich weiter das Bibel-Radio, aber manchmal wird es mir trotz meiner paradiesischen Mission zu inhaltsschwer. Ich verfolge eine dreistündige Diskussion darüber, warum Jesu Wiederkunft und das Jüngste Gericht gerade im Hinblick auf Christi Erscheinung theologisch unbedingt sauber zu trennen sind. Zugeschaltete Experten ergehen sich in schwindelerregenden Differenzierungen, bis jemand im Studio beherzt den Knopf drückt und Musik startet. „I wanna be in Eden“, singt Phil Wickham, ein neuer Stern der Christian Contemporary Music.
In Vinton in Benton County stehe ich abends vor meinem Motelzimmer. Auf der anderen Straßenseite liegt ein Versicherungsbüro namens Eden. Viel wichtiger als das Schild aber ist mir der Blick nach Westen. Die Sonne ist untergegangen. In langen Bahnen ziehen graue Schlieren über den Himmel, bevor sie sich zur endgültigen Nacht zusammenballen. Sonne über dem weiten Land ist schön, wuchtige Wolken sowieso, aber dies ist mein Lieblingsmoment: Die Nacht im Rücken als dunkle Wand, die mich stützt, und vorn der Rest von Licht, der mich an- und hinauszieht. In Iowa kann ich mich wie in Eden fühlen, weil das Land Raum für beides gibt, für die Lust, tiefe Wurzeln an einem festen Ort zu schlagen, und für die aufregende Unruhe, dass es dahinten ja noch unendlich weitergeht.

In Decatur County, meinem letzten Ziel, ist das Herz von Eden wieder eine leere Kreuzung. Als ich aufbreche, zieht ein Schneesturm aus Süden herauf, Eisregen legt sich aufs Land. Ich rutsche in den Graben, fluche, muss mir mangels ADAC selbst helfen. Das dauert. Und ich frage mich, wie das wäre: nie wieder fortkommen aus Eden.













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