Ich mag schicke Sätze. Die allermeisten lese ich oder finde sie in Filmen oder online und wenn ich sie richtig cool, wuchtig und gern auch etwas melodramatisch finde, merke ich sie mir oder schreibe sie auf oder mache Screenshots von ihnen. Selten, ganz selten komme ich auch von allein auf geile Schätzchen, mit denen etwa König Theoden vor einer Attacke seine Krieger zu Höchstleistungen animieren könnte.
So klingen sie mir selbst wenigstens, denn ein Publikum, sie zu bewerten, finden sie nur selten. Ist ja so, vielleicht geht es Euch ähnlich, die tollsten Gedanken kommen gar nicht immer öffentlich zum Zuge. Da weißt Du viele Jahre ganz genau, was Du sagen wirst in einer bestimmten Situation und dann ist sie da und Du findest in Deinem Handy nicht den Screenshot von diesem einen Ding, das jetzt so sensationell passen würde und mit dem Du dastehen würdest wie ein rhethorisch punktgenauer, durch und durch souveräner Mitbürger.
Auch wenn sie also nur selten ins Freie kommen, sind mir diese inneren starken Sätze wie Teile einer Rüstung. Muss sie mir nur oft genug aufsagen in heiklen Momenten, dann spätestens geben sie mir die Haltung und Kraft und die Schutzschicht, die in ihnen stecken.
Res ad triarios rediit
Das ist so einer dieser vielen, vielen Sätze. Diesen las ich als Kind in einem Buch über römische Geschichte. Er bedeutet sinngemäß: Jetzt liegt die Sache bei den Triariern. Die Triarier, die Dritten, standen in der dritten, der letzten Schlachtreihe, sie waren die am besten Ausgerüsteten, die Erfahrensten, die Elite. Sie standen also ganz hinten, wenn der Ärger losging und schauten zu, wie ihre Kollegen der beiden ersten Schlachtreihen und noch vor denen die Plänkler sich so machten. Und nur, wenn diese Jungs da vorn ihren Job nicht richtig erledigten und den Ansturm nicht aufhielten, würden sie zwischen den Triariern zurückweichen und eben diese griffen endlich in den Kampf ein.
Klar war ich in meinem Kopf auch so ein Triarier. Sagte ich mir diesen Satz auf, sah ich, fühlte ich, wie ich, gestützt auf meinem Wurfspeer, den Schild auf dem Boden gestützt und gegen meine linke Hüfte gelehnt, diese Verantwortung, die letzte Linie gegen die Barbaren zu sein, aber auch den Stolz, einer zu sein, der nicht weicht und nicht schwankt, und die Gelassenheit, zu wissen, in diesem Moment am richtigen Platz zu sein.
Gut, aber was nützt so ein Satz praktisch, fragt Ihr? Ich komme am Zeugnistag nach Hause, zeige meiner Mutter das Ding, sie raunt traurig „Wenn das Dein Vater sieht!“, ich werde in mein Zimmer geschickt, abends geht die Wohnungstür, wenig später kommt meine Schwester spöttisch grinsend zu mir „Du sollst mal runterkommen!“ und dann stehe ich tribunalig vor dem Tisch und statt traurigem Raunen gibt es nun laute Wut und „Was soll denn mal aus Dir werden?“ und ich sage mir innen drinnen diesen Satz und bin mit einmal ziemlich weit weg und die Wut und die Enttäuschung können gar nicht mehr zu mir durchdringen, ich fühle mich unerschütterlich und von ihren Worten nicht zu treffen. Cooler wäre vielleicht trotzdem gewesen, ich hätte mir das leichte Lächeln verkniffen, das hat sie nur noch mehr aufgeregt, und über einige Wochen werden wir nur das Nötigste reden in diesem Haus.
Und jetzt diese rundherum blöde Sache: Zum Ende des letzten Jahres hat es mich, habe ich mich und nicht nur mich also in eine ziemliche Krise geballert. Und sofort wird klar, da kann ich in meinen Gedanken auch die schönsten Sentenzen aus dem Rom-Buch und all die anderen aufsagen, bis mein Kleinhirn heiser wird – die helfen alle nüscht. Weil ich nun merke, dass von tief unten all die Jahre, Jahrzehnte ganz andere Sätze, Scheißsätze, in mir bohrten und machten, dass ich mich verhalte, wie ich mich verhalte, wenn ich mich in die Enge gedrängt, nicht genug geliebt, wahrgenommen fühle. Sätze, die mir eingruben, dass ich zu laut und zu leise, zu viel und zu wenig, zu ängstlich, zu unsportlich, zu empfindlich und zu ungeschickt sei.
2023 fuhr ich ein Radrennen in Kirgisistan mit, es gilt als eines der weltweit härtesten seiner Art. Am fünften oder sechsten Tag fuhr ich durch eine trockene, heiße Ebene und fast so groß wie der Durst war auf einmal der Wunsch, meinen Eltern zuzubrüllen „Seht, und ich bin doch mutig, ich bin ausdauernd, ich bin sportlich, ich beiße mich durch Unbill fern Eurer ärgsten Fantasien!“ Da waren sie aber schon längst tot. Ich fand den Wunsch merkwürdig, in meinem Alter solche Gedanken, vielleicht der Hitze geschuldet. Jetzt weiß ich, da wirkten Scheißsätze. Das konnte ich da nur leider noch nicht sehen.
Auch dass mein leiblicher Vater verschwand, als meine Mutter ungewollt mit mir schwanger war, und nie versuchte, mich zu erreichen, obwohl er, fand ich heraus, als ich ihn zu finden probierte, nie mehr als 40 Kilometer von mir entfernt gelebt hat, solange er noch lebte, und dass meine Mutter und mein Adoptivvater zum Zwecke der Versorgung, nicht aber aus Liebe oder Zuneigung zusammen waren, formte Scheißsätze in meinen untersten Schichten. Das war mir zu einem großen Teil immer so klar. Aber es war bloß im Kopf.
Ende letzten Jahres rutschte es von dort oben ins Herz, jetzt erst konnte ich sehen und fühlen, was all das so lange mit mir und durch mich mit anderen gemacht hatte. Das kam mir zuerst bescheuert und banal und wie der Versuch des eigenen Geistes einer billigen Ausrede vor. Verletzungen aus der Kindheit können in meinem Alter immer noch so schaden, mir und denen, denen ich am wenigsten schaden möchte, und sie können stärker wirken als Verstand, wie eine Fernsteuerung? Offenbar können sie das, wenn man sich nicht vorher darum kümmert, weil man sich nicht kümmern kann, weil der alte Kummer sich so tief versteckt, dass man ihn nun eben erst entdeckt, weil es Risse und Brüche gab, die ihn freilegen.
Traurig, schon endlich beinahe bis hin zu Tränen, wurde ich dann auch, weil Mini-Ich offenbar dieses Zeug aufgeladen bekam und weil ich da jetzt erst herangehen kann und wegen all des Kummers und der Schwere und der Unaufrichtigkeit, die ich so auch in das Leben von Lieblingsmenschen trug. Zuversichtlich wurde ich dann aber auch, weil es jetzt eine Richtung gibt, aus der das alles kommt und weil ich eine Richtung sehe, in die es geht, und weil ich in einer Gesellschaft und in einer Zeit lebe, die mir dabei hilft, noch gründlicher zu verstehen und dann zu reparieren.
Psychotherapeuten sind gesitteter, sie sagen nicht Scheißsätze, sie sagen Glaubenssätze. Ich ging letzte Woche zu so einem, er hatte sogar eine Couch in seinem Büro und eine wahnsinnig traurig hängende Yuccapalme, und vielleicht ist das Absicht, vielleicht soll die Palme den Patienten die Chance zu glauben geben, mir geht’s hier nicht am blödesten, und er sagt, Scheißsätze kann man überschreiben mit guten Glaubenssätzen. Von denen habe ich mir eine Handvoll notiert, manche sind eine Umkehrung der alten Scheißsätze, manche stehen für sich für etwas, was ich möchte.
Und damit das alte Zeug fahler und fahler und schließlich ganz überdeckt wird und ich endlich bald leichter und befreiter und verhaltensgesünder vor meine Leute treten kann, saß ich heute auch noch vor einem Hypnotiseur. Da sagte ich all die neuen Sätze auf, die nun ins Unterbewusstsein sickern und mein inneres Kind wohlig hüllen sollen und immer wieder schnipste er mit den Fingern, als wollte er mir mit den neuen Wörtern auch einen neuen Swing einflößen.
Und irgendwo da kam mir der Gedanke, vielleicht muss ich den Triarier-Satz und seine Freunde gar nicht wegwerfen. Sie verhinderten zwar nicht den Crash, doch das ist ja auch gut so, sonst hätte ich mich ja noch ewig selbstbremsend in den alten urangstgetriebenen Schleifen bewegt.
Vielleicht helfen der Mut und die wohl gewappnete Gelassenheit des Triariers aber bei den nächsten Schritten, falls ich mich von seinem übergestreiften Bild nicht so oberflächenverkrusten lasse, wie ich mich früher oft fühlte; wenn ich mich so offen und durchlässig halte, wie mich die Erschütterung vom Ende des letzten Jahres ließ, offen und durchlässig für das Hin und Her mit meinen Leuten. Isso, wird so, glaube ich.

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