Nun fiel mir also auch auf, dass ich eher selten gründlich glücklich oder zufrieden oder heiter gelöst bin. Warum das wohl so ist, möchte ich wissen und das dann ändern. Was aber macht glücklich?
Freunde machen glücklich, hört man. Freundschaften kann ich nicht gut, dachte ich immer. Kann mich nicht entspannt genug in Beziehungen fallen lassen. Traue Nähe nur schwer. Lausche in den Raum, ob die anderen mich wohl komisch finden. Möchte nicht bedürftig wirken. Fallenlassen und Entspannen ist damit leider nicht so easy. Und bei all dem den Leuten möglichst nicht zur Last fallen.
Darum ziere ich mich mitunter selbst bei eigentlich herznächsten Menschen an schlechten, selbstwertschwachen Tagen, auch nur nach einem Glas Wasser zu fragen. Wird mir etwas angeboten, schlage ich es in solchen Momenten wieder und wieder aus. Bloß kein Aufheben meinethalben. Dabei wirkt gerade das dann komplett anders herum, wie kokette Anstellerei, und das geht den Menschen dann logen auf den Senkel. Das wiederum spüre ich und sehe so meine urinnerliche Befürchtung, die finden mich komisch, bestätigt, ein bescheuerter Kreislauf.
Und vielleicht, schwant mir jetzt, ist diese künstlich geschaffene Barriere ein Versuch, ein bisschen die Kontrolle zu behalten über Beziehungen, die mir sonst schnell vorkamen wie etwas, das ich nicht sehr beeinflussen könne, weil ich mir des Wertes, den ich womöglich in Freundschaften einbringen könnte, nicht recht bewusst war und deshalb tief drinnen davon ausging, die Regisseure des Miteinanders, das sind die anderen, und sie entscheiden, wann unser gemeinsames Schauspiel endet.
All das wird sich jetzt, wo mir diese Schleifen klar geworden sind, natürlich ändern, also sichert fürderhin bitte Eure Speisekammern, wenn ich zu Besuch bin.
Nur in einer Situation bislang konnte ich Menschen immer unkompliziert dicht an mich heranlassen: Auf vielen Reisen gab es jemanden, mit dem ich gelöst plappern, kichern, offen sein konnte und den ich in Gedanken ruckzuck „Freund“ nannte.
Warum unterwegs so furchtlos leicht und zu Hause nur mit übervorsichtigem Anlauf? Weil ich wusste, diese Begegnungen in der Ferne würden nur kurz sein und bis mein inneres Nähe-Warn-System anschlug, war ich wieder fort und konnte denjenigen herrlich risikolos vermissen.
So einer war auch Juho aus der folgenden Geschichte. War, weil ich Juho nicht nur nicht wiedergesehen habe, sondern weil er inzwischen auch gestorben ist, dieser entzückende, spannende, lebensumarmende, fröhliche Mann.
Originaleinleitung: Die Finnen liegen im „Happiness Report“ der UN zum zweiten Mal ganz vorn. Wie machen die das? Der „Happiness Guide“ Juho hilft Bjørn Erik Sass zwischen Wasser und Wald auf die Sprünge. Erschienen 2019 in DIE ZEIT

Ich liebe Stille. Wenig macht mir mehr Freude, als wenn um mich kein Lärm ist, keine überflüssige Aufregung und kein unnötiges Gerede. Die vollkommenste Form solcher Stille fand ich vor vielen Jahren auf meiner ersten Reise nach Finnland. Da schwiegen sie wirklich enorm ausdauernd. Ich verbrachte ganze Nächte in Tierbeobachtungshütten und Vormittage in Angelbooten und Abende in Kneipen, zwar in Begleitung, aber ohne ein einziges Wort. Zuerst dachte ich, die mögen mich nicht. Dann sah ich, sie sprachen auch untereinander nicht zwangsläufig mehr, und ich begann, sie zu bewundern für ihren sorgsamen Umgang mit Worten und den großen Raum, den sie dem Schweigen gaben.
Neulich las ich nun, dass die Finnen die glücklichste Nation der Welt sein sollen. Wie schon 2018, sind sie auch 2019 die Nummer eins im Happiness Report. Das ist die weltweite Länderglücksrangliste, die die Vereinten Nationen jedes Jahr herausgeben. Und ich fragte mich: Sind sie so glücklich, weil sie so lange und gründlich schweigen können?
Wie gut, dass die Finnen beschlossen haben, mich mit dieser Frage nicht alleinzulassen. Nach dem sensationellen Doppelerfolg wollen sie uns Miesepetern im Rest der Welt nämlich zeigen, wie man ein dermaßen glückstrotzendes Volk wird. Landesweit haben sie die ganz normalen Bürgerinnen und Bürger dazu aufgerufen, sich als offizielle „Happiness Guides“ zu bewerben. Acht von ihnen wurden ausgewählt. Sie drehten kurze Videos, in denen sie sich vorstellten und erzählten, was sie unternehmen, um glücklich zu sein. Weltweit konnte dann, wer wollte, Kurzurlaube mit diesen Guides gewinnen, um ihnen vielleicht etwas abzuschauen vom Glück.
Ich kann leider in aller Regel nicht mit dem nötigen Glück rechnen, um so eine Verlosung zu gewinnen. Also spiele ich die Journalisten-Karte, um mich außer Konkurrenz mit einem der Guides zu treffen. Meine Wahl fällt auf Juho. Alle Guides sagen in ihren Videos, sie wollen mit ihren Gästen raus aus der Stadt. Juho hat mich am Haken, als er sagt, dass die finnische Natur für ihn in erster Linie Stille bedeute. Ich werde also, stelle ich mir fest vor, ein Wochenende mit ihm zwischen Wasser und Wald verbringen, in die Weite starren und kein bisschen mehr reden als unbedingt nötig. Als knallharten Praxistest will ich direkt danach noch Zeit in Helsinki verbringen und sehen, ob ich etwas vom finnischen Waldglück auch in die Stadt mitnehmen kann. Denn zu Hause wohne ich ja leider auch nicht auf dem Land.
Der Fahrer, der mich vom Flughafen abholt, begrüßt mich vielversprechend wortlos. Er hält ein Schild mit meinem Namen hoch. Ich nicke ihm zu, er nickt zurück. Wir fahren nach Westen. Eine Weile geht es über die Autobahn, dann auf die Landstraße. Viel Wald, einzelne Bauernhöfe, Dörfer. Das Radio dudelt. Es könnte eine vollkommen ereignislose Fahrt sein, ein schweigsames, sachtes Hineinsinken ins Ankommen. Bis im Radio gesprochen wird. Der Fahrer sagt „Oh!“ und „Oh nein!“. Er schaut zu mir: „Sie geben gerade bekannt, dass Reijo Taipale gestorben ist.“ Ich ahne, dass ich gucke, wie ich mich fühle, ohne einen Schimmer nämlich, wer Reijo Taipale ist. Der Fahrer klärt mich auf: „Einer der bekanntesten finnischen Sänger.“ Im Radio spielen sie nun ein Lied. Im Display lese ich „Satumaa“, „‚Märchenland‘, wahrscheinlich sein größter Hit“, sagt der Fahrer und singt einige Zeilen in bildhübsch bebendem Bariton mit. Zwischendurch übersetzt er: „Jenseits der weiten See gibt es ein Land, wo die Wellen gegen Ufer des Glücks spülen, wo die schönen Blumen immer blühen, wo die Sorgen von morgen vergessen werden können.“
Juho wartet am Mittag auf einem Parkplatz im Nationalpark Porkkala, einer Halbinsel in der südwestlichen Insellandschaft Finnlands. So wie er an seinem Auto lehnt, um die 50 Jahre alt, groß, hager, blasser Teint, kantige Züge, am Gürtel ein Messer in schicker Lederscheide, sieht er durch und durch wie ein Finne aus. Etwas aber stimmt nicht: Juho schweigt gar nicht. Er erzählt und macht Witze und sprüht vor guter Laune. Das könnte ich zu reklamieren suchen. Andererseits nervt es kein bisschen. Ich habe sogar den Verdacht, dass wir auch darum schnell miteinander warm werden.
Er zeigt auf sein Auto und sagt: „Glück ist, wenn man spätestens hinterher weiß, warum man vorher etwas gemacht hat.“ Das Auto ist randvoll mit Campingzeug. Das tragen wir durch den Wald zu einem Felsen direkt am Meer. Zehn Minuten brauchen wir für den Weg über enge Pfade, durch Gestrüpp, über Granitblöcke. Dreimal müssen wir gehen, es läuft der Schweiß, ich fluche innerlich über die Schlepperei. Und dann hat er natürlich vollkommen recht mit seinem Satz am Auto, jetzt schon, allein wegen dieses Blicks auf die weite Bucht, in der verstreut Inseln liegen, manche aus blankem Fels, andere baumbewachsen.
Zeltsauna, Meer und hell leuchtende Felsen
Juho stellt Biere kalt zwischen Steinen im Wasser, zwei Dosen trinken wir gleich. „Dies ist einer meiner happy places“, sagt er, „und ich weiß, dass ich dir jetzt nicht mehr erklären muss, warum das so ist.“ Es gibt getrocknetes Rentierfleisch und Roggenbrot mit Räucherlachs und Käse als Snack. Juho zeigt auf zwei Beutel und eine Tasche: „Sauna?“ Als Finne meint er das rhetorisch. In den Taschen stecken eine armeegrüne Canvasplane und Stangen, ein Ofen und eine Klapp-Sitzbank für eine Zeltsauna. Passende Steine für den Ofen suchen wir am Strand, Brennholz liegt in einem Verschlag am Weg für alle Besucher des Parks bereit.
Die Sauna steht ruckzuck. Zwanzig Minuten später sitzen wir nackt darin, schwitzen und schauen durch die Kunststofffenster aufs Wasser. Da ist so viel Euphorie im Spiel, das ist vielleicht sogar schon mehr als bloße Freude.

Okay, Juho, Rentierchips und Sauna und Meer und Bäume und hell leuchtende Felsen in der Sonne und wenige Menschen ringsherum funktionieren tadellos. Das kann man ja auch gar nicht blöd finden. Aber ist das wirklich der Kern des finnischen Glücks? Der Happiness Report kennt die Kategorie „Sauna“ nicht, der schaut auf Dinge wie durchschnittliches Einkommen, Zugang zu Bildung, Gleichberechtigung, Bevölkerungsdichte, Infrastruktur.

Nach der Sauna gehen wir ins Meer. Das Wasser hat eine Temperatur von fünf Grad Celsius. Ich halte Baden in solchen Fällen eigentlich für komplett indiskutabel. Das sage ich Juho auch. Um dem Glück näher zu kommen, würde mir ein weiteres kaltes Bier absolut ausreichen. Aber ich sehe an Juhos Grinsen schon, dass meine kategorische Ablehnung zerbröseln wird. Und ja, es ist toll, einzutauchen und die schneidende Kälte außen zu spüren und wie es innen umso kräftiger dagegenpulsiert und knistert.

Das machen wir drei Saunagänge lang so. Dabei erzählt Juho von seinem Leben, und ich erzähle von meinem. Juho ist in Japan aufgewachsen und hat dort gelebt bis in seine Zwanziger, seine Eltern waren christliche Missionare. Heute ist er Freiberufler, übersetzt und netzwerkt für finnische und japanische Unternehmen, gibt Web-Seminare, auch das Design unserer Zeltsauna stammt von ihm. Und wenn er nicht arbeitet, sieht er zu, dass er in die Natur kommt.
Immer wieder kreisen wir auch ums Glück. Zwanglos läuft das und nicht weil Juho jetzt ja offizieller Fachmann auf dem Gebiet ist. Wir sammeln „Glück ist …“-Sätze. „Glück ist, Zeit mit Freunden zu verbringen und sich dabei ganz als Teil der Gruppe zu fühlen“, sagt Juho. Ich nicke, weil die Sache mit den Freunden ja immer genannt wird auf der Suche nach dem Glück. Aber bei Juho steckt offenbar mehr dahinter. Er erzählt, dass er vor einigen Jahren, schwer krebskrank und nur noch wenig Zeit vor sich, seine eigene Beerdigung geplant hatte. Dann willigte er ein, an der Erprobung eines neuen Medikaments teilzunehmen. Es schlug an, der Krebs wich. Weil er dem Tod aber schon so nah gewesen sei, sagt er, fühle er sich seitdem unter seinen alten Freunden manchmal als Außenseiter. Als könne er, der sich fast schon auf die Reise gemacht hatte, nun nicht doch einfach bleiben. Das alles erzählt er lächelnd, friedvoll, sodass überhaupt keine peinliche Stille entsteht.

Wir machen ein Feuer und werfen den Campingkocher an. Es gibt Lammwürstchen vom befreundeten Bauern, Lachs, Risotto mit Pilzen, die Juho mit seiner Freundin in den Wäldern gesammelt und getrocknet hat. „Glück ist, wenn du weißt, wo dein Essen herkommt.“ Es dämmert, das Licht auf dem windstill glatten Wasser ist zum Niederknien schön. Ich fand es immer leicht, Momente als glückvoll zu sehen. Davon gibt es jeden Tag, egal wie grau, mehrere, und solche wie diese hier mit Juho stehen weit oben auf der Liste. Einen rundum glücklichen oder auch nur zufriedenen Menschen würde ich mich trotzdem nicht nennen, damit hadere ich noch. Was fehlt zum vollkommenen Glück? Ein Haus mit Sauna am eigenen See? Wohl eher, herauszufinden, welche Kräfte und Gaben in mir sind, und sie so gut wie möglich auszuschöpfen: „Glück ist, wenn man weiß, was man noch schaffen will.“ Im Idealfall, stelle ich mir vor, kann ich dieses Glück noch im Augenblick des Todes spüren, dann hätte ich bis zuletzt daran gearbeitet. Das Haus, die Sauna und der See davor würden dabei aber bestimmt nicht schaden.

Juho glaubt, gründlich glücklich ist man, wenn man sich diese drei Fragen beantworten kann: Wer bin ich? Warum bin ich hier? Was passiert, wenn ich gehe? Wir sagen, was uns dazu einfällt. Ich habe manchen Leuten, die ich viele Jahre länger kenne als Juho, weniger von mir preisgegeben. Aber es ist gut, so offen zu reden. „Glück ist, im Fremden die Nähe zu finden, die man bei Freunden manchmal gar nicht mehr sieht. Oder sich nicht zu sehen traut.“ Das Lagerfeuer knistert, der nordische Himmel wird blasser. Ich habe noch nie so viel geredet mit einem Finnen. Da ist wirklich kaum einen Moment Schweigen in unserem Lager.
Metsä on kirkkoni – der Wald ist meine Kirche
Juho schenkt Wodka aus einer Flasche aus; Koskenkorva, den die Finnen Kossu nennen wie einen alten Kumpel. Die Familie von Juhos Freundin besitzt einen Bauernhof in Laihia in der westfinnischen Landschaft Österbotten. Dort bauen sie zusammen Gerste an. Die liefern sie in die Nachbargemeinde an die Destillerie, die Koskenkorva daraus brennt. „Glück ist, wenn die Welt manchmal riesengroß ist und du doch in kleinen Schlucken das Vertraute wiederfindest.“ Diesen Wodka werde ich nun immer mit einem Gesicht und einem Lachen verbinden.

Wir bleiben nur eine Nacht an diesem Strand. Ich bekomme noch einen sensationellen Sonnenaufgang und denke: Glück ist ein erster heißer Kaffee und dabei dem Tag beim Werden zusehen. Doch Juho schläft lang, und ich finde das Kaffeepulver nicht. Ich sehe zwei Gänsen zu, die im Wasser balzend umeinandertanzen. Sie treten kräftig mit den Füßen, sodass ihre Leiber sich ein Stück aus den Fluten heben. Aber man sieht ihnen die Mühe nicht an, es wirkt ganz leicht. Dabei drehen sie ihre Köpfe, zueinander, nach rechts, nach links, ein eingegroovtes Paar, die weißen Gesichtsfedern im sonst graubraunen Kleid leuchten vor dem dunklen Wasser. So hübsch ist das und so still ringsherum, dass ich völlig vergesse, den Kaffee zu vermissen.

Ein paar Stunden später bin ich mitten in Helsinki. Da ist Verkehr, da sind Geschäfte, da sind viele Menschen. Aber Helsinki ist Helsinki. Keine Hochhäuser in der Innenstadt, stattdessen geschlossene klassizistische Straßenblocks; das Bild bestimmt von der weißen Kathedrale, der Himmel und das Meer sind nah und geben Raum auch da, wo anderswo Gewühl wäre. Selbst aufgeregt ist es noch die stillste Hauptstadt, die ich kenne. Ich klappere ein paar Museen und Kirchen ab. Es ist der Vortag eines Feiertages. Die Stadt ist voller, als ich sie je erlebt habe, aber sie wird überhaupt nicht zu laut und anstrengend dabei. In einem Stadtteil-Park nördlich des Zentrums findet ein Tango-Tanzfest statt, als hätten sie hier überhaupt keine Hemmungen vor Klischees. Eine Bühne ist aufgebaut, später soll eine Band spielen. Auf dem Platz bringen sich Paare in Position. Musik läuft, eine Tanzlehrerin sagt die Grundschritte an: „Hidas, hidas, nop, nop!“ Sie tanzen die ruhige, die finnische Variante. Und obwohl da also reichlich Menschen sind und sie lachen und reden, kann ich gleichzeitig mittendrin stehen und Stille fühlen und dem Wind in den Birken zusehen. „Metsä on kirkkoni“, hat Juho gesagt, der Wald ist meine Kirche – für des Finnen Glück dürfe die Natur nie zu weit weg sein.
Gern täglich, mindestens aber dreimal pro Woche in die Sauna, hat Juho außerdem empfohlen. Deshalb besuche ich nun noch die öffentliche Sompasauna, die auf einer Insel nördlich der Innenstadt liegt. Freiwillige haben die beiden Hütten aufgebaut und betreiben sie als Verein. Eine amerikanische Touristin ist supereuphorisch, vielleicht sogar glücklich, dass sie sich etwas so Verrücktes traut: vor Fremden blankzuziehen. Nach der Sauna gehe ich ins Meer. Ich finde einen Blickwinkel, aus dem ich nur Wald und Wasser und blanken Granit sehe und kein bisschen Stadt. Und merke, dass ich das aber gar nicht brauche, Helsinki stresst mich nicht wie Städte sonst.
Spät am Abend sitze ich nach einigen Drinks im Stadtteil Kallio in einer Straßenbahn der Linie 8. Der Wagen ist ziemlich voll. Es beginnt bei der Gruppe junger Leute im hinteren Teil: Einer hebt zu singen an, ein paar seiner Kumpels folgen. Und sie hören nicht auf. Als sie durch sind mit dem Lied, starten sie von vorn, weil sie nun schon mal eingesungen sind. Nach und nach macht fast der komplette Zug mit. Es wird sogar gejohlt und Beifall geklatscht.
Das wäre der Moment, in dem ich denken sollte, wenn die hier so einen Aufruhr veranstalten, hätte ich ja gleich nach Rimini fahren können. Aber dieser Lärm, dieser Überschwang menschlicher Kommunikation stört mich überhaupt nicht, ich finde ihn ausnahmsweise vielleicht sogar schön und mich darin gleichzeitig fremd und geborgen. Das hat etwas mit dem Lied zu tun, das sie singen, mit der Hymne Finlandia von Jean Sibelius. Der Text handelt von der Zeit des Krieges gegen die Sowjetunion. Von einem Zwingherrn, der fiel, ist die Rede und von einer Lerche, die darob voller Jubel singt. Fantastisches Pathos. Es würde prima in graniternste Gesichter passen.
Ernst guckt in dieser Straßenbahn aber niemand. Ich summe heimlich mit und bin, unter uns, schwer gerührt von alldem, auch wenn die Finnen in ihrem Glück offenbar mitunter das Schweigen vergessen. Glück ist, wenn es anders kommt, als man dachte.

Hinterlasse einen Kommentar