Burg aus Schiss und Hirngespinst

Einmal saß ich mit der Special Lady an einem Sommersonntag draußen vor der Stadt im Grünen, an einem Ort mit Pferden und Kühen ganz vorn im Blick, dahinter der Wald, dahinter der See. Wir aßen Zitronentarte, sie las, ich starrte absichtslos, keine anderen Leute, es war still, es war durch und durch friedlich. Und in diese Stimmung hinein sagte ich: „In mir ist immer Krieg.“ „Merk’ Dir den, vielleicht kannst du den noch mal gebrauchen“, sagte sie.

Keine Ahnung, woher der Satz in diesem Moment gekommen war. Und was mein Geist mir damit sagen wollte, verstand ich auch nicht. Vielleicht so, dachte ich: Ich hatte immer mit Hingabe über antike Schlachten gelesen, ich wäre gern jemand gewesen, der ein Heer in einer gerechten Sache gegen das Böse führt, mir hatte die Zeit bei der Bundeswehr hervorragend gefallen, in meinen Tagträumen passierten regelmäßig fabulös heroische Dinge. So betrachtet passt so ein martialischer Satz dann doch ziemlich gut, fand ich, war ein bisschen stolz auf die Eingebung und dachte nicht mehr darüber nach.

Erst jetzt, Krise draußen, Krise drinnen, einander verstärkend, kommt er mir wieder in den Sinn. All die Sachen, ein Leben lang tief in mir, die nun ins Freie drängen und mir so erst klar werden, Geister der Vergangenheit, all die Unsicherheiten, Zweifel und Ängste, die mein Handeln diktierten, all das nutzlose Grübeln und rastlose Suchen – vielleicht ist das der Krieg, der immer in mir war. Krieg wäre dafür natürlich ein arg großes Wort, Aufruhr etwa hätte völlig ausgereicht, aber ich hatte nun einmal immer einen Hang zum Pathos. Und vielleicht kam dieser Satz damals vor der Sonntagspferdekoppel vor dem Wald über dem See aus mir heraus, um mich vorzuwarnen, dass da eines Tages Dinge in Bewegung kommen würden.

Mit dem selben Pathos sehe ich jetzt, der ich mir immer eingebildet hatte, ich sei innerlich ziemlich aufgeräumt und frei von Ängsten und alten Verletzungen, dass ich die nur tief eingegraben hatte und alles mögliche oben drüber gestülpt. Wie bei so einer Burg, die einen festen Wall hat mit einer Zugbrücke und darin gibt es die normalen Gebäude, manche hübsch hergerichtet mit schönen Teppichen und beheizt. Das ist die schicke Seite, da kann man auch mal ausgewählte Gäste einladen. Und weiter oben und hinten, noch besser geschützt, liegt der Bergfried, da kommen schon nur noch wenige Leute rein und da ist es nicht mehr so muckelig, und tief unter dem ist das Verlies, die Oubliette, da war das Zeug eingebuddelt, das ich lieber vergessen wollte oder dessen ich mir noch nicht bewusst war. Trotzdem wabert das Zeug von da unten durch die Steine und macht was mit dem, der darüber hockt.

Womöglich habe ich also früh und lange mein Herz zu einer Burg gemacht und viel weniger herein- und viel weniger herausgelassen, als mir gut getan hätte, mir und meinen Leuten. Denn hockt man einmal in so einer selbstgeschichteten Festung, guckt man natürlich stets vorsichtig hinaus. Und man benimmt sich, als würde da ständig Attacke drohen. Dann wird die Burg zu etwas, was sich selbst Recht gibt und da ist, weil es da ist. Und du schaust zu, wie es nächsten Menschen und der einen Liebe zu modrig wird in den alten Steinen und mit deinen antrainierten Macken und Mustern und sie ausziehen.

Ganz ehrlich, da hab’ ich keinen Bock mehr drauf. Den tiefen Keller habe ich aufgeschlossen, das Zeug darin kann ins Freie und dort ist es auf einmal gar nicht mehr riesengroß und lähmend. Aus der Burg zog ich aus in den letzten Wochen, den Wall aus Schiss und Ironie, der so wunderbar sicher Leute und Nähe abhielt, sehe ich im Rückspiegel schon zusammensacken, und fürderhin soll es keine Burg mehr geben und auch kein Gequassel darüber wie dieses hier. Ernsthaft werden, fühlbar bleiben, und wenn es doch noch etwas Heroisches zu tun gibt, dann Schauen, Verstehen, Annehmen, was die Burg angerichtet hat. Und siehe, die Luft hier draußen ist viel frischer und klarer.

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