Schottland II: Die Hütte des Highlanders

(Erschienen 2021 in DIE ZEIT)

Für Euch gelesen

Ziemlich in der Mitte des schottischen Cairngorms-Nationalparks werde ich Zeuge, wie sich an einem frühherbstlichen Nachmittag ein Berg um etwa 180 Grad herumdreht. Das mag ungeheuerlich klingen. Aber anders hätte es ja wohl kaum passieren können, dass ich beim Wandern nicht wie angepeilt auf der einen Seite des Berges bei der Hutchison Memorial Hut lande, sondern in vollkommen entgegengesetzter Himmelsrichtung bei der Corrour Bothy.

Vielleicht fange ich besser von vorn an. Im Buch The Scottish Bothy Bible hatte ich Bilder von Schottland gesehen. Auf jedem Foto war eine Hütte in spektakulärster Lage abgebildet: am rauen Meeressaum, in weiten Tälern, vor Bergen und an Seen. Bothys heißen diese Hütten, und jeder kann kostenlos darin übernachten. Die meisten Bothys waren mal Unterkünfte für Farmarbeiter, Jäger oder Lachsfischer, kärglichst ausgestattet; irgendwann so selten genutzt, dass sie verfielen. In den vergangenen Jahrzehnten wurden sie regen- und winddicht gemacht, aber so unterluxuriös belassen wie einst. Fast hundert Bothys gibt es in Großbritannien. Ich wollte in die schottischen Highlands: Tagsüber Wildnis spüren und mich wie der Mann von den Bergen fühlen – und mich abends, wenn es ungemütlicher wird, zurückziehen in eine warme Hütte.

Seinen Segen für die Reise abholen: Robert the Bruce

Von Edinburgh nehme ich einen Bus bis Aviemore und noch einen hinauf zur Skistation Cairngorms. Dann ist Schluss mit Fahren. Ein Pfad schlängelt sich durch die Heide aufwärts; vor mir und über mir Berge. Weich bepelzt sehen sie aus mit ihrem Strauchbewuchs in Braunschattierungen, ohne schroffe Kanten. Das Wetter ist phänomenal, Sonne, warm, leichter Wind. Nichts zwickt im Körper, der Rucksack mit Schlafsack und Verpflegung für fünf Tage trägt sich wie von allein. Gefühlt leichtfüßig steinhüpfquere ich mehrere Bäche. Ich glaube, ich grinse, so hübsch ist es.

Nach eineinhalb Stunden rückt der Ben Macdui in den Blick, zweithöchster Gipfel der britischen Inseln. Für alle, die ihre Müsliriegel regelmäßig am Annapurna auspacken, sind seine 1309 Meter Höhe vielleicht nicht spektakulär. Für mich schon. Nur winzige Flechten und Moose ducken sich zwischen die nackten Steine. Das sieht subarktisch aus und fühlt sich auch so an. In der Mitte des Plateaus ragt ein Cairn auf, ein Steinhaufen, aufgeschichtet statt eines Gipfelkreuzes, daneben ein Steinmarker mit den Namen der umliegenden Berge.

Mehr sehe ich nicht. In den vergangenen Minuten ist Nebel aufgezogen. Es wird feucht, es wird kalt, ich ziehe Regenkleidung über. Ein Paar erreicht den Gipfel, sie kichern und fotografieren sich. Das Bild wird wirken, als badeten sie in Spargelcremesuppe. Wo geht’s denn nun zu meiner ersten Übernachtungs-Bothy, der Hutchison Memorial Hut? Das ist einfach, und hier zeigen sich die Früchte einer exakten Reisevorbereitung und von viel Erfahrung: Nach ersten Geizbedenken habe ich vor der Reise eine detaillierte Landkarte gekauft. Und weil die eingezeichneten Pfade in der Wildnis nicht immer einwandfrei zu erkennen sind, bin ich meinen Weg zusätzlich mit dem Kurvimeter nachgefahren, habe Entfernungen und Schlenker notiert; ich kam mir richtiggehend wie ein Navigator vor.

Ich wende mich also gerade nach Osten. Steinhaufen markieren den Pfad, ich entdecke schon den nächsten. Und dann nicht mehr. Der Nebel ist noch dichter geworden. Nach ein paar Minuten bin ich trotz Kompass nicht mehr sicher, korrekt unterwegs zu sein. Finde zurück zum Gipfelmarker, peile den Weg erneut und schreite angemessen selbstbewusst voran. Es geht steil bergab, ich arbeite mich durch Geröllfelder, durch Scharten und über Rinnen, die laut meinen Unterlagen nicht da sind, durch Sträucher; nie taucht etwas auf, was ein Pfad sein könnte, ich fluche laut über diese Berge, die ich nicht einmal sehe.

Irgendwann lande ich in der Talsohle, die weitgehend nebelfrei ist. Durch die Mitte strömt ein Fluss, den es nach meiner Karte nicht gibt, und die gegenüberliegenden Berge sollten eine andere Linie formen. Aber immerhin ist da ein Pfad, parallel zum Fluss. Inzwischen beginnt es zu dämmern, zwanzig Minuten noch, dann Notnachtstopp und Trost-Couscous, sage ich mir, als pfadvoraus ein schwarzer und ein orangefarbener Punkt auftauchen. Die Farbgebung beruhigt mich, es handelt sich also nicht um Am Fear Liath Mòr, den großen grauen Mann, der am Ben Macdui umgehen soll, sondern um zwei Wanderer.

„Wohin?“, fragen sie. Hutchison Memorial Hut, sage ich. „Oha, noch ein hübsch langer Weg und sicher eher lang als hübsch zu dieser Tageszeit“, sagt der Mann in der schwarzen Jacke. Und ihr? „Corrour Bothy. 15, 20 Minuten noch.“ Wir stellen uns vor. Der in Orange ist „Carl aus England“, der in Schwarz „Steve aus Yorkshire“; und ich bin zu müde, um zu fragen, ob Yorkshire nicht in England liege. Sie zeigen mir auf der Karte, wo ich bin: Ich habe mein Ziel um 180 Grad verfehlt und bin auf der anderen Seite des Berges gelandet.

Selbstverständlich gehe ich mit den beiden mit. Nach fünf Minuten ist die Bothy zu sehen. Unbeleuchtet liegt sie in der dunklen Heide vor dem dunklen Devil’s Point in der nahenden Nacht, doch mir erscheint sie wie ein Hort der Geborgenheit. Man könnte jetzt auf die Idee kommen, sich wie ein Hausbesitzer auf einem wirklich einsam und dramatisch gelegenen Grundstück zu fühlen, allein oder eben mit zwei guten Freunden. Diese Idee wird sich heute exakt so nicht umsetzen lassen: Um die Corrour Bothy herum sind ein halbes Dutzend Zelte aufgebaut. Weil sich die Bothys nicht vorab buchen lassen, kann es immer sein, dass eine Hütte voll ist, habe ich gelesen und zum Glück ebenfalls ein Zelt dabei. Nach meinen Irrwegen heute stört es mich überhaupt nicht, nun nicht allein zu sein.

Die Bothy ist aus großen, groben Steinen zusammengefügt, das Giebeldach mit Wellblech gedeckt und innen mit Holz verschalt. Es gibt vier Schlafplätze auf schmalen Podesten, alle schon belegt, sechs weitere Schläfer werden sich auf dem Holzboden ausbreiten. Der Ofen ist aus, nur einige Teelichter werfen etwas Licht – Feuerholz und Kerzen müssen hierhergetragen werden. Draußen leuchten Stirnlampen auf, Gaskocher fauchen. Einige meiner Mit-Bothy-Camper ziehen Kopfnetze über, andere verteilen Lotion auf blanken Hautstellen: Abendessenzeit ist Mückenzeit. „Einmal waren die Schwärme so dicht, und die Biester waren so hungrig, dass es sich im Zelt anhörte, als würde es regnen, weil sie gegen die Plane flogen“, erzählt einer in der Runde, die sich vor der Hütte gebildet hat. Die anderen raunen zustimmend, dabei ist das hier keine mental-breitbeinige Gipfelbezwingerstimmung, eher ein leiser Feierabend. Dazu passt das Wort, mit dem die Briten das Hobby beschreiben, dem wir hier nachgehen, sie nennen es dramafrei hillwalking. Oder munro bagging: Ein munro ist ein schottischer Berg, der über 3000 Fuß misst – benannt nach Hugh Munro, der 1891 als Erster alle munros listete. Und ein munro bagger ist jemand, der solche Höhen als Freizeitvergnügen „eintütet“.

Ein Paar hockt auf einem Stein und schaut den letzten Tageslichtschlieren hinterher. An einem Tisch sitzen vier und spielen Karten, andere sehen zu. Dass wir später, als es feuchter und kälter wird, fast alle in die Hütte gehen, ein Feuer in Gang bringen mit selbst gestochenem Torf, Islay-Whisky und Pfeifentabak in die Runde geben, singen, erzählen und schweigen, bis es Zeit ist für den ersten Kaffee, das würde ich gern erzählen. Es wäre aber nicht wahr: Um 21 Uhr liegen alle in den Schlafsäcken.

Am Morgen brechen die meisten zügig auf. Ich bleibe als Letzter zurück und besuche den erst vor vier Jahren ergänzten Sanitärbereich: ein Anbau an der Seite der Hütte; darin auf einem Podest nebeneinander vier Toilettensitze über der Plumpseinrichtung, ohne Trennwände, kommunikationsanregend wie die Bedürfnisanstalten im alten Rom. Installiert wurde das Ganze von der Mountain Bothy Association, dem Verein, der die Bothys betreut.

Ich setze mich im Bothy vors Fenster und schaue nach draußen und setze mich vors Bothy und rauche und inhaliere das Bild und mich und meine Ruhe darin. Jetzt ist es wirklich meine Hütte. Der nächste Gast kommt vielleicht in zehn Minuten, vielleicht aber kommt auch tagelang niemand. Tatsächlich zieht da schon an meinem ersten Bothy-Morgen so ein vollkommen ungetaktetes Urlaubsgefühl in mir auf. Ich könnte fahren lassen, was ich mir noch vorgenommen hatte. Einen Tag oder zwei Tage bleiben und nur sitzen und gucken. Immerhin wurde die Hütte in den 1870ern gebaut, um Ausschau zu halten: Ein gamekeeper beobachtete von hier aus die Bewegungen von Hirschen, um Jagdgäste zum Schuss zu führen.

Schließlich breche ich doch auf. Tüte noch zwei munros ein, sehe mir unterwegs die Garbh Choire Bothy an, eine echte Notunterkunft, innen knapp drei mal gut zwei Meter groß. Ich wandere den Fluss Dee entlang nach Süden, das Land wird zum Park, Bäume stehen in Grüppchen zusammen, Vögel singen, die Sonne kommt heraus. Ich quere Wasserläufe, barfuß, beseelt davon, wie berauschend eiskaltes Gebirgswasser auf wanderwarme Füße wirkt und wie superb es schmeckt, wenn man es vor dem Trinken nicht einmal filtern muss.

Zur Mittagsrast erreiche ich die Bob Scott’s Memorial Hut, die verschlossen ist wegen Renovierung. Der beste Rastplatz liegt sowieso ein paar Meter weiter direkt am Bach Lui. Vermutlich wird es ab jetzt immer eine Sorte Bachgurgeln geben, die für mich der Lui sein wird, während ich meine Tüte rehydriertes Gemüse-Jambalaya löffle. Das Gefühl, das alles in diesem Moment für mich verknüpft, ist wohl Dankbarkeit: dafür, all dies zu sehen, überall hoch- und wieder herunterzukommen und Menschen zu begegnen, die wirken, als machten das Wandern und das Land mit ihnen dasselbe wie mit mir. In dieser Euphorie nehme ich mein Handy und teile einige Fotos auf meinen sozialen Kanälen. Dabei entdecke ich die Posts eines Freundes, unterwegs im Glacier-Nationalpark in Montana. Er ist Pastor. In seinen Bildunterschriften bejubelt er die Schönheit der Natur und die Gottesoffenbarung, die sie für ihn ist. Erreicht er eine Tiefe von Dankbarkeit, die mir verschlossen ist? Woher weiß man, wie dankbar man genau ist, außer „ziemlich“ oder „sehr“ oder „gar nicht“, und um welchen Grad man dieses oder jedes andere Gefühl mit dem Glauben vertiefte?

Der weitere Weg führt durch Wald und Heide. Dann steigt das Land sacht an, die Bäume bleiben zurück. Noch ein schmaler Steg über einen Bach, und ich sehe die Hutchison Memorial Hut, in der ich die erste Nacht verbringen wollte. Sie steht vor einer hohen halbrunden Wand aus dunklem Stein, der ihre hellblaue Tür noch wärmer hervorhebt. „Bitte Steigeisen abnehmen“ mahnt ein Schild an der Tür. Ein Vorraum, um Ausrüstung zu verstauen, prominent darin platziert: ein Spaten. Und im Hauptraum, überraschend: Steve aus Yorkshire und Carl aus England. Während wir unsere Tüten-Abendessen zubereiten, erzählen sie, dass sie Arzt und Ingenieur sind und seit der Grundschule befreundet. Seit sie 16 Jahre alt sind, gehen sie einmal im Jahr gemeinsam wandern, meist liegen Bothys auf der Strecke. Jetzt sind sie Anfang 40 und können an einer Hand die Jahre aufzählen, in denen sie keine Tour geschafft haben.

Heute bleiben wir zu dritt. Nach dem Essen teilen wir unsere Whiskys, diesmal wirklich. Carl steht irgendwann auf, zieht seine orangefarbene Jacke an und sagt „spading time“. Leuchtet mir nicht gleich ein, wonach er graben will. Steve zeigt auf ein Schild, es erklärt die Toilettentechnik an diesem Ort in einem Gedicht: Hier gibt es kein Klo, hier gibt es den Spaten, mit dem man entfernt von der Hütte ein Loch gräbt und es anschließend wieder zubuddelt.

„Hübsche Jacke“, sage ich später zu Carl: „Für diese Marke kriege ich auch Werbung.“ Wir schauen uns an. Und kichern. Offenbar sind wir beide während des Lockdowns auf den Instagram-Kanal der Yogalehrerin Charlotte Holmes gestoßen. Machten nie mit, sahen nur zu, wenn sie die Teilnehmer begrüßte, so entzückend, so strahlend gelaunt auch in dunkelsten Wochen. Miss Holmes modelte auch für diese Outdoormarke, was bei Carl zum Jackenkauf führte. Steve hält die völkerverbindende Kraft dieser Markenbotschafterin im Gästebuch fest. Leider kann man schöne Momente nur bis zu einem bestimmten Punkt dehnen, um 21 Uhr ist wieder Zapfenstreich.

Der Sonnenaufgang am Morgen ist zum Niederknien. Ich lasse Carl und Steve vorgehen, bevor ich losmarschiere. Erstaunlich, wie lang die Hütte beim Aufstieg noch zu sehen ist, wie klein sie werden kann und dass man sie dennoch als Zufluchtsort erkennt. Nach eineinhalb Stunden finde ich einen Stein, auf dem es sich bequem sitzen lässt, hoch über dem lang gezogenen Loch A’an. Gegenüber geht’s ins Tal. Nach rechts könnte ich eine andere Runde drehen, auch dort liegt eine Hütte. Umdrehen ist auch eine Option. Oder sitzen bleiben und schauen.

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