Nach Rom getibert

Und zur Mittagszeit des 1. Mai 2012 erreichte ich an der Spitze meiner Flotte endlich Rom. Hinter der Milvischen Brücke bezwangen wir eine letzte Schnelle, ich nahm die Fahrt aus dem Boot, schob den Helm ein wenig in den Nacken und schaute zurück, auf meine Mitstreiter, auf die langen Tage unterwegs zu diesem Punkte, mühsam dem Flusse abgerungen. Und weil ich diese Reise nicht für mich unternommen hatte, sondern das Werk eines anderen damit vollendete, dachte ich: Wäre er nun zufrieden? Würde er auf die vielen Boote um mich herum schauen und lächeln? So denke ich am Ende meiner Reise, da gehe ich beinahe baden. Mein Boot ist gegen einen Stein getrieben, quer zur Strömung geraten und nur knapp nicht gekentert. Mit einem Schlag bin ich wieder im Jetzt und bringe eilig mein Gefährt den anderen hinterher ans linke Flussufer.

Dass man so besinnlich wird wie ich gerade, das geht übrigens schnell auf dem Tiber, das fällt mir gleich am ersten Tag der Veranstaltung auf. Dazu bin ich nach Città di Castello gereist. Hier startet jedes Jahr die discesa internazionale del Tevere, die Internationale Tiberabfahrt. Rund 400 Kilometer ist dieser Fluss lang, den größten Teil davon werden wir in den nächsten sieben Tagen in Kanus und Kajaks hinunter nach Rom paddeln, einige Zwischenetappen werden mit Autos zurückgelegt. Wir sind Italiener, etliche Deutsche und ein Schweizer, alte Hasen, blutige Anfänger und streckenweise Familien mit Kindern. Die Discesa wird von drei Kanuclubs organisiert, die jeweils für einen Teil der Strecke verantwortlich sind und die einzelnen Etappen festlegen.

Ich stellte mir das nun so vor, dass ich in einem elegant geschnittenen Kajak durch liebliche Landschaften gleiten würde, immer wieder unterbrochen durch Wildwasserabschnitte, in denen die anderen Teilnehmer und ich uns gegenseitig Mut, Technik und Kraft zeigen könnten, ich sah im Geiste viel Sonne und roch Blumenwiesen.

Tatsächlich regnet es fürchterlich zum Auftakt, es ist kälter als bei der Abreise aus Norddeutschland. Man zeigt mir mein Leihboot und ich geniere mich entsetzlich: ein Sit-on-top, ein offenes Kajak ohne Oberdeck, ein Badewannenpontonästhetikalptraum in Orange, dazu ein neongrünes Paddel, eine gelbe Schwimmweste. Nur der Helm gibt mir Mut, der hat so tiefe Rillen vom Schubbern gegen Steine im Strom, der sieht nach Action aus.

Die erste Etappe unserer Flussfahrt wird ein nasser Marsch. Bei Sansepolcro ist der Tiber vielleicht dreißig Kilometer alt und bachschmal und er führt kaum Wasser. Also sitzen die Boote auf, wir steigen aus, ziehen die Kajaks, steigen ein, paddeln, sitzen auf, steigen aus, ziehen. Hoch in den Bäumen hängt der angeschwemmte Müll von der letzten Flut. In meinen Neoprenstiefeln schwappt modrige Suppe. Aus den Abwassereinleitungen riecht es nach kaputter Waschmaschine. Ich weiß, ich klinge empfindsam, aber italienische Ferien habe ich mir pittoresker ausgemalt. Die Italiener unserer Gruppe wirken immer noch guter Dinge. Im deutschen Eck ist die Laune nicht ganz so spritzig. „Ich muss Dir ehrlich sagen, das hätte die Organisation doch vorher prüfen müssen, ob man hier fahren kann“, sagt Anita. Anita sagt viele „Ich muss Dir-sagen“-Sätze, es ist leichter, ihre Sprechpausen als ihre Sätze zu zählen. Manfred und Siggi ziehen regelmäßig ihre GPS-Sätze aus den wasserdichten Packsäcken, um zu sehen, wie weit wir schon sind. Heinz dagegen, mit Mitte 70 knapp der Älteste aus dem deutschen Eck, ackert stoisch in vorderster Front des Feldes. Ich frage mich also: Will ich meckern oder will ich Haltung zeigen, will ich eine Anita sein oder ein Heinz?

Und da habe ich eine Idee: Als Kind las ich von meinem Namensvetter Björn Eisenseite: Der war ein dänischer Wikinger und weil er keinen bedeutenden Flecken Land sein eigen nannte, dafür aber einige Dutzend Schiffe unter seinem Kommando standen, nannten sie ihn einen Seekönig. Um 850 nach der Zeitenwende soll dieser Björn mit seinen Schiffen nach Rom gesegelt sein und die Stadt geplündert haben. Soll er gedacht haben zumindest. Denn einmal las ich, er hätte stattdessen die Stadt Luna zerlegt, 400 Kilometer weiter im Norden, weil er die wohl für Rom hielt, schlecht informiert, weil noch kein Google und so. Ich weiß bis heute nicht, was meine Eltern mir mit auf den Weg geben wollten, dass sie mich nach diesem Manne nannten, aber hier auf dem Tiber wird mir klar: Und ist mein Schiff auch nur eine orange Plastikbadewanne, ich werde für Björn Eisenseite nach Rom segeln.

Und siehe: Mit der lebensbejahenden Einstellung eines Wikingerhäuptlings auf Beutezug macht die Bootsfahrt gleich noch viel mehr Spaß. Auf halber Strecke der ersten Etappe streichen die italienischen Kollegen kollektiv das Paddel, die haben keine Lust mehr auf Regen und Bootschleppen, die haben Kleinbusse herantelefoniert und lassen sich vorzeitig abholen und zum nächsten Punkt vortransportieren. Finde ich sehr souverän. Das deutsche Eck kämpft geschlossen weiter auf dem Fluss. Irgendjemand murmelt, der Italiener hätte sich ja schon mal aus dem Staub gemacht, als es ungemütlich wurde und die Deutschen hätten dann allein da gestanden. Viele deutsche Wanderpaddler sind in einer Altersgruppe, für die der zweite Weltkrieg noch ein bisschen greifbarer ist. Erst bin ich unentschlossen, auf welcher Seite ich mitmachen will. Könnte mich in zehn Minuten ins warme Hotel kutschieren lassen. Doch das passt nicht zum inneren Pfad, den ich eingeschlagen habe: Ein Eisenseite kann irren, aber er macht weiter!

Und so halte ich es während dieser Woche: Wird es unangenehm oder öde, denke ich an den altvorderen Dänen und male mir aus, was er hier alles unternehmen würde. Dieser Optimismus färbt ganz schnell auch auf das Land und den Fluss ab: Das Wetter wird besser, die Sonne kommt heraus, der Fluss wird breiter und tiefer und strömt schneller. Nun wird also endlich richtig gepaddelt. Rund 30 Kilometer fahren wir täglich. Ich bin vorher noch nie auf einem Fluss gefahren, nur auf meinem Meer. Hier ist alles anders. Schon diese Boote, so viele verschiedene Bauformen statt einfach lang und schmal. Ein paar der größten, massigsten Kerle sitzen in den kleinsten Booten. Das sieht dann aus, als stünden die im Wasser und trügen eine Kajakattrappe wie einen Schwimmring um die Hüften, weil man sich nicht vorstellen kann, dass in so einer kurzen Wildwasserrodeo-Schüssel ein Paar Beine horizontal ausgestreckt hinein passt. Mit diesen Booten spielen sie in den tieferen Teilen des Tiber, wo Wehre, Brückenpfeiler und andere Hindernisse Schwallwasser und kleinere stehende Wellen aufbauen.

Meistens aber sieht der Tiber sehr gemütlich aus. Er liegt tief in seinem Bett, die Ufer so dicht bewaldet, dass wir über Stunden nicht wissen, in was für einer Landschaft wir da wohl paddeln. Aber hin und wieder gibt es Wehre oder enge Stellen mit Felsbrocken genau in der Hauptströmung. Und die regelmäßigen Fluten reißen immer wieder Bäume mit, die dann im Fluss liegen bleiben, und dann ist es vorbei mit gemütlich. Vor der ersten Stromschnelle meines Lebens überlege ich kurz, ob mir mulmig sein sollte. Fährt man auf so eine Kante zu, ist das wie beim Skifahren, wenn man nicht sehen kann, wo die Piste nach einem Buckel weiter geht.

Aber dann sehe ich unten Carlo und Fabio. Die organisieren die ersten Etappen für den Kanuclub von Città di Castello. Sie kennen natürlich ihren Flussabschnitt, sind vorgefahren, haben ihre Boote zwischen Felsen verkeilt, sind ausgestiegen und stehen rechts und links der Idealfahrlinie, die Rettungswurfleinen aus den Rückentaschen ihrer Schwimmwesten in den Händen. Die würden sie mir zuwerfen, kenterte ich. Und sie stehen in einem solchen Schwall aus Wasser und Sauerstoff und sprudelnder Kraft, des Flusses und ihrer eigenen, breitbeinig, sprungbereit, da will ich unbedingt hin. Rumpele durch Wellen und über Steine und fühle mich spektakulär. Aufgepumpt, durchflutet. Und sagenhaft waghalsig. Eisenseite würde mir garantiert anerkennend auf die Schulter schlagen. Leider schaue ich mich noch einmal um und sehe, das sind nur etwa zwei Meter Höhenunterschied.

Fabio, groß und schwer und Boxernase, sieht aus wie ein Haudegen-Zenturio aus einem Asterix-Comic. Der hätte sich prima mit Eisenseite verstanden. Im Clubhaus sah ich Bilder von ihm bei Wildwasserabfahrtsrennen, den Blick knallhart durch die Gischt nach vorn gestemmt, als wollte er sein Boot an diesem Blick entlang durch die Strudel ziehen.

Je weiter wir den Fluss abwärts fahren, desto weniger werden die Hindernisse. Am Anfang war der Strom zehn Meter breit, nach ein paar Tagen sind es fünfzig. Die Fahrt wird ruhiger, das Feld zieht sich weiter auseinander. So kann jeder in seinem Tempo paddeln. Das der meisten ist gemächlich, und vorn fährt quasi immer Heinz. Heinz war mal Rennpaddler, das bleibt er im Herzen natürlich. Er mag den Ausdruck Friedhofsverweigerer für Leute wie ihn und er kann nur ganz schlecht im Mittelfeld herumdümpeln. Also zieht er an der Spitze seinen Schlag durch und lauert, ob sich jemand an ihm vorbei zu schieben versucht. Ich denke mir, guckste mal, wie viel Saft im Heinz noch steckt. Der nimmt jede Herausforderung dankbar an. Sobald er ein Boot hinter sich Tempo aufnehmen spürt, erhöht dieser Bullterrier im abgeschreddelten Plastikkajak Paddeldruck und Frequenz und schaut noch sturer geradeaus. Und ich lande regelmäßig im Abseits. Ich dachte nämlich, ein Fluss fließt immer in dieselbe Richtung. Nun merke ich, dass die Hauptabwärtsströmung ziemlich schmal ist. Direkt daneben gibt es Strudel und Rückströme. Die erwische ich immer wieder und dann fahre ich nicht flussabwärts, sondern in die Böschung oder zwischen umgeknickte Bäume und Heinz zieht allein weiter. Langsam lerne ich aber, den Fluss zu lesen und auf seine Zeichen zu achten. Nutze ich die aus, kommen meine Badewanne und ich wenigstens gleichauf mit Heinz.

Nach solchen Rennen lasse ich mich zurückfallen, ganz nach hinten oder an die Seiten. Dort kann ich mir einbilden, ganz für mich auf dem Wasser zu sein und dass allein mein Bug hier draußen die Wasser teilt. Dann will ich auch immer noch behutsamer paddeln und die spiegelglatte Oberfläche nicht mit hässlichen Strudeln verunstalten. Wie bei einer Wanderung zu Fuß driften die Gedanken dabei herrlich leicht weg, bis ich gar nichts mehr denke.

Die Pappelsamen fallen so dicht, dass es aussieht, als schneite es und auf dem Wasser läge ein Flokati. Wie sich der Fluss weitet, weichen auch seine Uferwände immer wieder kurz zurück. Wir sehen umbrische Hügel und wie im Film stehen darauf ein altes Haus, Zypressen, Pinien. Am Fluss gibt es nur Paddelschifffahrt, die einzigen Motoren sind die Generatoren, mit denen Bauern Tiberwasser auf ihre Felder bringen.

Dass es nach den ersten beiden Tagen immer ruhiger wird, liegt auch daran, dass wir weniger Teilnehmer sind. In Città starteten wir mit fünfzig Booten, es geht runter bis auf elf. Wanderpaddeln ist in Italien wie in Deutschland nicht wirklich ein Sport der Massen. Und nur wenige machen die komplette Disceza mit, die meisten sind eben nur ein, zwei Tage dabei. Was ehrlich schade ist. Ein Boot und ein Fluss mit ein paar haarigen Stellen fürs Adrenalin und viel Geradeauslauf für die Tiefenentspannung sind eine großartige Sache. Wenn wir spätnachmittags anlegen, checkt Manfred sein GPS-Gerät darauf, ob die Tageskilometerangaben der Organisation auch stimmen: „23,7 Kilometer statt 20 wie angekündigt – das ist doch ein Unding!“

Gelegentlich lassen wir einige Flusskilometer aus, dann werde die Boote verladen, außer mir sind alle Teilnehmer mit eigenen Fahrzeugen unterwegs. Die Autos werden morgens zum Zielort vorgefahren, ein Bus bringt die Fahrer zurück zum Etappenstart, wo die Boote bereit liegen. Abends fahren wir ein paar Kilometer zu einem Gemeindesaal, dem ausgeräumten Lager eines Ökobauern, einer Kirche. Dort schlägt das deutsche Eck sein Lager wie immer in Form einer Wagenburg auf. Heinz und seine Frau Resi sind auch hier stets die ersten. Wenn ich noch gemütlich in meinem zunehmend geruchsbelasteten Neoprenanzug stecke und schade finde, dass es heute nicht noch weiter geht, hat Resi längst die Klamotten auf die Leine gehängt, Tisch und Liegestühle aufgestellt und sich gekämmt. An den meisten Abenden sorgt der jeweilige örtliche Kanuclub fürs gemeinsame Abendessen und dann erleben wir wieder dieses Wunder, wie in Italien aus einfachen Zutaten wie Tomaten und Nudeln und Gemüse und Hasenfleisch und Öl und Kräutern ein rundum sensationelles Menü entsteht. Dabei speist das deutsche Ecke meist geschlossen. Das liegt vor allem an der Sprachbarriere. Manche sind zum zwanzigsten Mal bei unserer Kanufahrt dabei, sprechen aber noch immer kein Wort Italienisch.

Der Organisationsgrad im deutschen Eck ist wirklich bewundernswert hoch. Am Sonntag der Tour habe ich unterwegs nichts zu essen, weil die Geschäfte eben nicht passend geöffnet haben. Resi schenkt mir Büchse Zwiebelmett. Manfred kann sich bis zum Ende mit Stullen aus Schwarzbrot stärken. Die gehen morgens auch nicht fremd Kaffee trinken wie ich. Ich liebe aber diese italienischen Dorfbars. Unendlich viel mehr Gelegenheiten, urbanes Leben zu schnuppern, haben wir unterwegs ja auch nicht. Also trinke ich zwei, drei Café Americano und esse zwei Schokoladencroissants und zahle dafür kaum mehr als fünf Euro und sehe begeistert zu, wie unterschiedlich wir und die Italiener bei den wichtigen Details des Lebens sind. Den kleinen Zuckerbeutel schlagen wir Deutschen gern vorm Öffnen einmal energisch auf. Ist ja auch rieselfreudig, der Süßstoff. Die meisten Italiener, die ich beobachte, nehmen diese kleinen Tütchen zwischen Zeigefinger und Daumen und schütteln zehn, zwanzig Sekunden. Bedächtig, als würden sie damit das Einrühren des Zuckers in den Kaffee vorweg nehmen.

Das alles nimmt mir so sehr das Reisetempo, ich will gar nicht unbedingt nach Rom kommen, lieber möchte ich noch eine Weile weiter nach Rom paddeln in diesem herrlich ruhigen Rhythmus. Und doch erreiche ich also zur Mittagszeit des 1. Mai mit meiner kleinen Flotte die Stadt. Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben dort und es ist ein grandioses Gefühl, auf diese Weise anzukommen, auf dem Fluss, auf dieser alten urbanen Lebensader, nicht über einen hektischen Flughafen oder Bahnhof, sondern so ruhig mitten hinein zu gleiten. Björn Eisenseite hätte der Stadt sehr robust gezeigt, wie sehr er sich freut, endlich dort zu sein. Mir reicht ein sehr großes Eis vorm Gemeinschaftabschlussgrillen auf dem Gelände des römischen Kanuclubs, mit Blick auf die Engelsburg.

Das Hemd, der Petersplatz

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