Auf der Straße der Erkenntnis

(Ich fahre von Hamburg mit einem Linienbus bis nach Stockholm. Das gab es also schon lange, bevor Flixbus das normal machte. DIE ZEIT 2004)

Meine Reise nach Stockholm ist eine Busfahrt auf dem Weg der Erkenntnis. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin ein Mensch mit einer positiven Einstellung zum Leben. Ich stelle mir gern vor, wie schön alles wird und wenn es dann anders kommt, freue ich mich trotzdem. Also hatte ich mir Folgendes überlegt: Ich steige in Hamburg pünktlich zur Abfahrt um 7 Uhr in den Bus, und ganz bestimmt sitzt darin der Auswahlkader schwedischer Volleyball-Mädchen. Weil dieser Eurolines-Bus aus Rotterdam kommt, male ich mir aus, dass die Mädchen nach einem niederländischen Turnier auf dem Heimweg sind, fröhlich durcheinander schnattern und pausenlos Dehnungsübungen machen. Schnell steht fest: Das ist keine Gruppe Sportlerinnen unter meinen Mitpassagieren – was mich aber kein bisschen enttäuscht. Denn ich hätte bei ihnen sowieso keine Chance, selbst wenn ich der einzige männliche Passagier an Bord wäre. Denn den beiden Busfahrern hätte ich mit meinem knappen Niveau an Virilität nichts entgegenzusetzen.

Doch was heißt hier Busfahrer? Sie sind nicht einfach Busfahrer, sie bewegen einen großen Linienbus über Extremdistanzen. Einen Doppeldecker, Tag und Nacht, quer durch Europa, über Autobahnen und Meere, durch Hitze und Eis und fremde Länder. Mit dem Fahrer eines Busses im öffentlichen Personennahverkehr haben sie so viel gemein wie der Bauer auf seinem Mähdrescher mit einem Hobbygärtner mit einem elektrischen Rasenmäher. Mit ihren dunklen Anzughosen, weißen Hemden und tadellos gebundenen Krawatten, V-Kragen-Pullovern und Wetterjacke mit der Aufschrift „Team Travel“ strahlen sie sofort unglaublich viel Autorität aus. Das ist nur auf den ersten Zivilkleidung. Weil sie aber mit Würde und Wissen um die Verantwortung des Amtes getragen wird, wird am Ende doch eine Uniform daraus – eine Uniform, die uns Passagieren das beruhigende Gefühl vermittelt, die beiden kann ich machen lassen, bei denen bin ich gut aufgehoben.

Da die beiden Schweden sind, reden sie wenig, langsam und überlegt. Das gibt den gelegentlichen Durchsagen über die Bordlautsprecher. Wie auf diesem dänischen Rastplatz: „Wir halten hier für 20 Minuten. 20 Minuten. Stellen Sie sicher, dass Sie rechtzeitig wieder an Bord sind, wir können nicht warten. 20 Minuten also“, geben sie auf Schwedisch und Englisch durch. Überhaupt nicht unfreundlich, aber eben unendlich bestimmt. Niemand im Bus, der nicht sofort auf seine Uhr schaut. Ein paar ganz Mutige gehen in den Laden, die meisten bleiben beim Bus stehen und essen ihre mitgebrachten Stullen. Oder rauchen eine Zigarette. 20 Minuten später sitzen alle wieder auf ihren Plätzen. Und sie warten.

Die Fahrer hantieren noch außen an ihrem Fahrzeug. Als sie ein paar Minuten später in die Kabine klettern, geht der Bus leicht in die Dämpfer. Dann knackt es in den Lautsprechern. Eine Durchsage. Und damit hätte wirklich niemand gerechnet: Beim Reinigen der Bordtoilette haben die Fahrer entdeckt, dass dort geraucht worden ist. Heimlich natürlich, denn das Rauchen ist auch dort strengstens untersagt. Die Stimme des Fahrers bleibt beherrscht, trotzdem ist er offensichtlich sehr verärgert. Er hält uns eine Strafpredigt, die keinen Zweifel daran lässt, dass er den Missetäter oder die Missetäterin, hat er ihn erst einmal überführt, sofort hinausschmeißen wird. „And it’s a long way to Copenhagen!“ Ich spüre Wut und Enttäuschung in dieser äußerlich so kühlen Ansprache. Und der Mann hat ja Recht, das ist wirklich eine Sauerei. Ich bekomme sofort ein schlechtes Gewissen. Das ist absurd, denn ich habe nicht geraucht, weder auf der Bordtoilette noch sonstwo, ich bin überhaupt grundsätzlich Nichtraucher. Ich schaue mich im Bus um. Alle schauen sich um. Einer muss es gewesen sein. Wenn ich herausfände, wer, könnte ich dem Fahrer einen Tipp geben. Das würde den Mitverdacht von meiner Seele wischen. Ich nehme meine Mitreisenden also näher in Augenschein. Da gibt es viel zu sehen, der Bus ist nahezu voll besetzt.

Den ersten Kaffee gibt es erst auf der Fähre nach Dänemark, kurz nach der Grenzkontrolle. Die gibt es nämlich auch noch, und sie geht so: Zwei Zöllner entern den Bus. Ich freue mich, denn ausgerechnet heute habe ich meinen Ausweis einmal nicht vergessen. Aber die Blicke der Beamten überfliegen die Reihen nur – und finden trotzdem etwas: die schwarze Großfamilie. Sie rückt die Papiere heraus. Pässe werden ans Licht gehalten, Stempel, Bindung, Fotos geprüft. Fühlt sich beschissen an, diese Extra-Behandlung. Ich refokussiere auf die Zigattenkippe im Bord-WC. Bevor ich jedoch weiter an der Aufklärung des Falles arbeiten kann, schlafe ich erschöpft ein.

Eine 15 Stunden lange Busreise nach Stockholm, warum tust Du Dir das an?, wurde ich gefragt. Warum, wenn man so viel billiger und schneller fliegen könnte? Die Antwort ist einfach: Ich bin sehr langsam. Wenn ich fliege, ist mein Körper schnell am Ziel. Mein Kopf, der braucht noch Tage, manchmal Wochen, um hinterherzukommen. Und diese Art, getrennt von sich zu verreisen, mag ich nicht besonders. Per Bus oder Zug bin ich gerade so schnell unterwegs, wie ich von Natur aus bin. Und ich mag das Unterwegssein. Es gibt auf diese Weise doch viel mehr zu sehen. In Kopenhagen bekommen wir sogar eine Stadtrundfahrt: Weil die Haltestelle der Euroliner beim Hauptbahnhof liegt, drehen wir eine Schleife durch die Stadt. Hier steigen die meisten Passagiere aus.

Danach wird die Fahrt angenehmer. Wir sind nur noch 17 Reisende, und endlich ist der Königsplatz frei: erster Stock rechts, erste Reihe. Durch die große Panoramascheibe schaue ich auf die Straße wie im Kino auf die Breitleinwand. Die Landschaft wird abwechslungsreicher. Nach vielen Stunden entlang sanft gewellter Felder rechts und sanft gewellter Felder links ist dafür auch höchste Zeit. Dunkel und abweisend liegt der Øresund da – gar nicht der ruhige Arm eines Binnenmeeres, den ich erwartet hatte, und gerade schön und lockend. Vor der Fähre nach Schweden in Helsingør steigt der Beifahrer aus und geht mit den Tickets in ein Büro. Er kommt wieder heraus und winkt mit einer Schrankenöffnungsmünze. Sein Kollege steuert auf die Schranke zu. Der Beifahrer tut so, als würde er die Münze aus den zwei Metern Entfernung in den Schlitz werfen. Das ist Profifahrer-Humor. Beide arbeiten diesen Sketch pantomimisch ab, in ihrer steifen, breitbeinigen Lässigkeit. Bei dem Kollegen draußen sehe ich vor Vergnügen die Schultern beben, ohne dass sich sein Gesicht verzieht. Der andere schnaubt leise. Ein alberner Witz zwischen Männern, die sonst so ernst und schweigsam sind, ihren Stoizismus während langer Nächte und noch längerer Tage hinter dem Steuer geübt haben, Männer, die wissen, dass die Passagiere kommen und gehen, sie aber bleiben und bringen ihren Doppeldecker ans Ziel und wieder zurück.

Wir sind endlich in Schweden. Ich sitze nun seit 10 Stunden in diesem Bus, einigen Mitreisende fast doppelt so lange. Die Essensvorräte neigen sich dem Ende zu, Gott sei Dank. Das ist ja ein ganz empfindliches Thema, die Verpflegung auf langen Reisen. Auf so engem Raum mit so vielen anderen Menschen etwas zu essen, bedeutet immer auch Belästigung. Zum Beispiel Obst. Viele Menschen schwören auf Obst als leichten und gesunden Energieträger. Und dann schmatzen sie an ihren Bananen und graben die Zähne in ihre Äpfel, dass der Saft nur so spritzt. Als wenn das nicht genug wäre, schmeißen sie die Reste in Plastiktüten, die an den Lehnen der Sitze im Gang hängen. Die Tüten sind durchsichtig. Ich hasse Obst. Wenn es hübsch auf einem Teller liegt, mag es noch gehen. Aber Stunden, das einige Stunden in einer Reisetasche in einem warmen Bus verbracht hat, ist nicht mehr hübsch. Es beginnt zu faulen, und das rieche ich, und es wird noch schlimmer, wenn es gegessen wird, und es wird gänzlich unerträglich, wenn seine Reste in einer durchsichtigen Plastiktüte modern. Vielleicht kommt es aber auch von dieser Reiseträgheit, dass ich mich so in meinem Abscheu hineinsteigere. Ich jedenfalls bin rücksichtsvoll, ich habe nur Stullen mit einem milden Käse dabei.

Die beiden Polen neben mir reißen mich aus meinem krausen Fensterguckgedanken. Auf der Fähre nach Dänemark haben sie einen Karton Carlsberg-Bier gekauft. „Probably the best beer the world“ steht auf dem Karton. Der ist inzwischen fast leer. Bei 24 Dosen Füllmenge macht das bis jetzt etwa drei Liter Pils pro Mann. Noch beeindruckender finde ich, dass beide mit halb vollen Dosen in den Händen schnarchend eingeschlafen sind. Eine Dose fällt auf den Boden, ihr Inhalt versickert im dankbar dunklen Teppich. Die andere Dose aber, die kippt wie im schlechten Film aus der Hand in den Schritt ihres Eigentümers und entleert sich dort langsam.

Zuerst ist der Fleck genau in der Mitte der delikaten Zone nur etwa handtellergroß, aber nach einer halben Minute reicht die Lache den linken Oberschenkel zur Hälfte hinunter. Der Stoff der Trainingshose ist offensichtlich recht saugstark, aber einige Pfützen bleiben doch stehen. Wie besoffen muss man sein, davon nicht wach zu werden?! Ein tiefes Schlagloch weckt den jungen Mann, er sieht das Malheur und wischt das Pils mit einer Handbewegung lässig von seiner Hose. Ich bewundere das

Wäre mir das so passiert, ich hätte gekreischt vor Ekel. Ich trinke vom Salbeitee aus meiner Thermosflasche und schaue aus dem Fenster. Wir fahren durch Småland und Småland ist umwerfend. In Skandinavien gibt es ja ohnehin nur richtige Farben in fetten Tönen, nicht dieses unentschlossene, laue Pastell vom Bodensee oder vom Mittelmeer. Und an diesem Abend legt Småland noch mal kräftig einen drauf. Da gibt es Wald, da gibt es Seen, die Häuser sind dunkelrot gestrichen, und die Erde ist so uneben und zerfurcht und voller Steine und Felsbrocken, da kann man richtig sehen, wie die letzte Eiszeit gekratzt und gegraben und geschoben hat. Eine Landschaft wie aus den Petterson-Kinderbüchern. Als wir dann noch den Vätternsee entlang fahren, denke ich, das darf aber auch nicht viel mehr werden, sonst wäre das ja nicht auszuhalten.

Die Sonne geht nun bald unter, und dieses Licht verstärkt die Farben noch. Der See ist lang und schmal. Die Konturen des westlichen Ufers schneiden im Gegenlicht scharf ins Bild, nach Norden ist kein Land zu sehen. An einem Rastplatz nicht weit von Gränna, immer noch vier oder fünf Stunden bis Stockholm, machen wir Abendbrotpause, 20 Minuten. Der Himmel färbt sich knallorange, dann rot. Das ist so viel Schönheit, das ist schon schwer, einfach so hinzunehmen. Also hole ich mir einen Hotdog.

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