(Aus DIE ZEIT, März 2014: Unser Autor war ein Tanzmuffel, bevor er nach Griechenland flog. Im Land des Sirtaki lernte er Schrittfolgen, in den Tavernen Kretas verlor er seine Ängste.)
An einem Januarnachmittag, warme Sonne im Gesicht, sitze ich im Dorf Profitis Ilias ziemlich in der Inselmitte Kretas vor dem Haus eines fremden Mannes, starre ihm auf die Beine und denke: Etwas Schöneres als diese Stiefel habe ich noch selten gesehen. Handgenäht aus Ziegenleder, mit grober, schwerer Sohle, der Schaft knalleng und vom jahrelangen Tragen auf Knöchelhöhe zu Falten gestaucht. Ich möchte sie anfassen, so lockend handschuhweich sieht das Leder aus. Ob Dimitris das missverstehen würde?
Er sieht lange mich an, dann seinen Mandarinenbaum, dreht sich eine Zigarette, krault den brustlangen Bart, trommelt mit den Fingern den Rhythmus eines Liedes aus dem Radio auf der Stuhllehne mit und sagt: „Du bist erst bereit zu tanzen, wenn du von der Musik eine Gänsehaut bekommst.“ Dann schenkt er uns Tee aus den Blüten der Diktamnos-Pflanze nach, der er heilende und beschwingende und ja, das sogar auch noch, aphrodisierende Wirkung nachsagt. Und ich denke, großartig, endlich fängt mein Abenteuer an.
Dazu muss man wissen, dass ich noch nie vor Leuten getanzt habe. Besuchte ich früher Tanzlokale, stellte ich mich mit dem Rücken an die Wand und blieb dort stehen, bis ich ging. Alle anderen stürmten auf die Tanzfläche, sie beugten die Knie und hoben die Arme, sie waren leicht und fröhlich, und mich nannten sie „die Säule“. Ich hätte gern mitgemacht, traute mich aber nicht. Weil ich jedoch glaube, dass gerade im Spätherbst des Lebens die letzten Ängste abgestreift werden müssen, nehme ich eine Expedition in Angriff und buche Unterricht in einer Tanzschule. Nicht in meiner Stadt, denn da wohnen ja auch meine Hemmungen.
Aber ich sah einmal diesen Film über einen anderen schüchternen Stadtmenschen, dem ein viriler Brocken von Kerl am Strand einer Mittelmeerinsel die Angst vorm Stolpern nimmt und ihn das Tanzen lehrt. Das sah so sagenhaft losgelöst aus. Ich las zwar auch, dass es den Sirtaki aus dem Film Alexis Sorbas gar nicht wirklich gibt: Er wurde aus den einfachsten Schritten mehrerer Tänze zusammengebastelt, weil Anthony Quinn die echten Schrittfolgen nicht in die Füße bekam. Aber das ist sogar noch besser: Wenn Anthony Quinn sich schwer tat, darf ich das auch, und bei einem Tanz, den es eigentlich gar nicht gibt, kann man auch nichts falsch machen. Also fliege ich nach Kreta, wo Alexis Sorbas vor fünfzig Jahren gedreht wurde, und lande in Chania.
Die engen Gassen, der venezianische Hafen, von der Außenmole der Blick über die Moschee und die Altstadt hinweg auf die Lefka Ori, die Weißen Berge: Chania ist wirklich hübsch. Aber als ich ihm mein Vorhaben erklärte, fand selbst der Hotelwirt: „Wenn du tanzen lernen willst wie ein Kreter, musst du über die Insel fahren und in die Dörfer gehen und in den Kneipen bei den Leuten essen.“
Kurz darauf saß ich bei einem mir unbekannten Mann im Auto, der mich für die Tage bis zu meinem Tanzschultermin zu Dimitris brachte. Von ihm soll ich alles über den Tanz lernen, was in einer Woche zu lernen ist. Dimitris fragt nichts, er sagt nicht viel, er bringt Salat und Oliven, Käse und Brot, Joghurt und Honig, Wein und Raki, der auf Kreta wie Grappa ist. Wir essen und trinken, dann gehen wir spazieren.
Im Kafenion sitzen die alten Männer wie angeschraubt, nur die Hälse biegen sich uns hinterher. Dimitris nimmt den Weg hinauf zum Berg über dem Dorf, der Schritt ruhig und stetig, ein Mann, der offensichtlich schon viel Zeit in den Bergen verbracht hat. An seinem Gürtel hängt eine Plastiktüte. In die sammelt er Thymian, Salbei, Löwenzahn. Und immer noch redet er nicht viel. Oben gibt es zwei Gipfel. Auf dem südlichen steht die Ruine einer byzantinischen Festung, auf dem dorfnäheren eine kleine weiß gekalkte Kapelle. Der Weihrauch glimmt, im Norden taucht die untergehende Sonne die Ausläufer des Ida-Gebirges in Weichzeichnerlicht. Dimitris zeigt auf einen Berg, den er Jouchtas nennt. „Dort liegt Zeus begraben, von Iráklion aus kannst du sein Gesicht erkennen.“
Zurück im Haus, macht Dimitris Abendbrot. Zum Salat und zu den selbst gemachten und in Olivenöl frittierten Pommes gibt es eine Wurst so grob, als hätte man das Schwein komplett in den Darm gestopft und darin erst zerkloppt. Beim Ausmaß dieser Fettstücke müsste ich mich eigentlich winden vor Ekel. Aber man kann ja nicht den ganzen Tag auf Berge schauen und stundenlang schweigen und Selbstgedrehte mitatmen und kännchenweise Raki trinken, ohne dass das was mit einem macht. Die Wurst schmeckt dann auch grandios, so üppig kräuterwürzig, wie die Luft riecht. Im Hintergrund läuft das Radio, zu einer rasend schnellen Geige zieht ein Sänger klagend die Laute in die Länge. „Ich lasse meine Lyra singen und lachen und hüpfen, doch niemand tanzt“, übersetzt Dimitris. Die Musik ist großartig, schlicht, rau, treibend.
Eine alte Frau kommt in die Küche. Sie setzt sich grußlos auf die Eckbank, Dimitris bringt ihr einen Teller, lädt auf, sie isst zahnlos und verschwindet wieder. „Meine Nachbarin“, sagt mein Gastgeber. „Sie hat keine Rente.“ In Dimitris’ Haus gibt es keine Heizung. Zur Nacht machen wir ein Feuer im Kamin. Der steht mitten im Erdgeschoss, das nur aus einem Raum besteht. Eine schmale Treppe führt nach oben, zu einer Computerarbeitsecke und ins Schlafzimmer mit riesigem Ganzwandfenster und Blick auf die Berge. Das Radio läuft, die Lyra singt, und wenn es Dimitris mitreißt, klatscht er rhythmisch in die Hände, abwechselnd mit den Fingern der einen Hand in den anderen Handteller und mit beiden Handflächen gegeneinander.
Fast den ganzen Tag ist diese Musik in mich eingesickert, nun will sie wieder raus, wenigstens an den Füßen. Ich wippe ein bisschen, aber die Musik in mir drinnen wird davon nicht weniger, als würde die Lyra dort ganz tiefe Saiten anspielen, die ewig nachvibrieren, und so schaukelt sie mich in einen satten Schlaf, unter einer Wolldecke auf der Bank vor dem Kamin, die Luft zieht kalt und klar von draußen durch die Türritzen.
Wenn er auch nicht viel darüber spricht, beschäftigt Dimitris sich offenbar doch mit meinem Projekt. Er telefoniert herum, welche tanzrelevanten Menschen ich treffen könnte. Ein Dorf weiter lebt Ross Daly, der, so höre ich, wahrscheinlich weltbeste Lyra-Spieler – ein Ire, der sich vor Jahrzehnten in dieses Instrument verliebte und deshalb nach Kreta zog. Aber wie wir erfahren, ist er gerade in Athen. Dafür erwischt Dimitris einen Kostis. Der schreibt Bücher über kretische Tänze, mit dem soll ich mich unterhalten.
Die Fahrt nach Iráklion dauert eine halbe Stunde. Aus den Olivenhainen qualmt es, die Ernte ist vorbei. Jetzt werden die Bäume zurückgeschnitten, auf den Feldern verbrennt das Kleinholz, die größeren Äste werden als Feuerholz gestapelt. In Iráklion stiefelt Dimitris mit seinem schwarzen Kopftuch quer durch die Innenstadt, vorbei an schicken Geschäften, über Plätze mit Cafés voller schöner Feierabendmenschen unter Heizstrahlern, bis wir in der Nähe der alten Stadtmauer die verabredete Kneipe finden. Wir sitzen kaum, da steht schon das Kännchen Raki auf dem Tisch, und wir haben noch nicht eingeschenkt, da taucht Kostis auf. Der hat auch einen Vollbart und auch handgenähte Stiefel, aber die Stadtvariante mit glatter Sohle und glänzendem Leder.
Die beiden Männer schwatzen und lassen mich schauen und zuhören. Ich kann außer kaliméra kein Wort Griechisch. Aber den Klang der Sprache und ihre Melodie finde ich toll. Ab und zu erklärt mir Dimitris, worüber sie sich gerade unterhalten, und wenn Kostis über Musik spricht, wird seine Stimme noch weicher. Mir sagt er dies: „Wenn du tanzen willst, musst du ein Adler sein, deine Arme ausbreiten und fühlen, ob die Musik der Lyra der Wind unter deinen Flügeln ist, dich in den Himmel zu heben. Fühlst du das nicht, setz dich wieder hin, denn dann heute ist nicht dein Tag zum Tanzen.“ Wie hätten sie wohl früher in den Clubs reagiert, hätte ich, gefragt, warum ich nicht tanze, geantwortet, ich fühlte den Wind unter meinen Flügeln nicht?
Zum Abendessen fahren wir in Dimitris’ Nachbardorf. In der Taverne von Iannis gibt es noch so eine Riesenportion Kreta: kein einladendes Schild, eine Glühbirne über dem Eingang, drinnen gleich links um die Ecke der Herd mit einem riesigen Topf voll Fleisch. Dunkles Holz, niedrige Decken, kein elektrisches Licht, Weinfässer an der Rückwand, aus denen man sich selbst bedient. Am Ende zahlt jeder 15 Euro, egal, wie viel er gegessen und getrunken hat. Die Zutaten liefern die Bauern des Dorfes, alte Frauen helfen für ein paar Euro beim Kochen und Backen.
Nach etwa einer Stunde sind alle Gäste zusammengerückt, auch der Pope im zerknitterten Talar ist dabei, nur das Turtelpärchen bleibt für sich. Eine Mandoline und eine Lyra werden aus ihren Koffern geholt. Unglaublich, wie zärtlich olivenerntenschwielige Hände kleine Verschlüsse öffnen und über Holz streichen können. Die Lyra sieht ehrlich gesagt ziemlich mickrig aus, nur drei Saiten, die Risse an der Vorderseite sind mit Klebeband geflickt. Iannis, unser bulliger Wirt, stellt sie sich auf den Schoß, da wirkt sie gleich noch ein paar Nummern kleiner. Und dass das Ding nicht zerbricht, wie der sich da reinkniet!
Iannis’ Frau kommt aus Russland. Sie singt ein russisches Lied, Iannis antwortet mit einer griechischen Version. Es geht darin um Esel und eine Troika und wie diese Troika darüber entscheidet, wie viel Quadratmeter Weideplatz ein Esel braucht, aber nicht, wie viel Freiheit ein Mensch, und auch wenn mich niemand scheel ansieht, ahne ich, dass das politisch gemeint ist. Mit all der Musik um mich herum sollte ich mich allerdings langsam mehr ums Tanzen kümmern. Ich nehme allen Mut zusammen und sage zu Adam neben mir, der hervorragend Deutsch spricht: „Komm, Adam, lehre mich tanzen!“ Er schüttelt den Kopf. „Das funktioniert nicht. Ich kann dich nur Schritte lehren. Tanzen musst du damit …“ – und klopft sich tatsächlich aufs Herz. Eigentlich sollte ich das theatralisch finden. Aber nach diesen Kreta-Tagen bin ich ausreichend weichgekocht, um zu glauben, dass er recht hat.


Für die Schritte zieht Adam mich auf die Straße. Dunkel, keine Leute, hervorragend. Trotzdem Discoerinnerungen und Anflug von Handschweiß. Ich soll meine Hand auf seine Schulter legen, dann volle Konzentration auf die Füße. Kleiner Schritt nach rechts, linker Fuß hinter den rechten, Schritt rechts, Kick links, Kick rechts. Ich fühle mich wie ein fossiliertes Stück Holz, viele Jahrzehnte Tanzlosigkeit machen schwer. Ich stolpere ständig. „Du brauchst nicht nach vorn zu treten wie beim Elfmeterschießen“, sagt Adam. Zu Hause würde ich wahrscheinlich knallrot anlaufen und abhauen. Hier sage ich mir, gut, dann lockere ich die Fesseln meiner Bewegungslosigkeit eben erst, bevor sie fallen, vielleicht morgen schon. Jedenfalls denke ich nicht daran, den Traum von der weichen Hüfte gleich nach dem ersten Versuch abzuhaken.

Weil viele Kreter sagen, ihre Insel sei an der Südküste am kretischsten, fahre ich am nächsten Tag mit Dimitris hinunter, durch die Berge, über die Messara-Ebene und durch noch mehr Berge, und die Insel wird immer karger. Aber sobald das Land irgendwo Falten wirft, tief genug, dass Erde und Wasser sich auf dem Stein halten können, wächst dort fast alles, was man braucht. Im Asteroussia-Gebirge steigen wir durch eine enge, verwinkelte Schlucht hinunter zum Meer. Dann sitzen wir am Strand, geradeaus gibt es nur noch Afrika, das Libysche Meer schwappt über die Kiesel, wir packen Picknick aus, und Dimitris schnitzt aus einem Bambusstück eine Flöte. Zuerst ist das nur eine gemütliche Bastelei, ein Mann und sein Taschenmesser und Zeit am Strand. Aber dann wird aus diesem Stück Holz tatsächlich ein Instrument, und mit jedem seiner zart schwingenden Klänge sacke ich tiefer in die Insel.
Auf dem Rückweg singt im Radio ein zorniger Mann, er keucht die Töne heraus, die Lyra treibt ihn an wie ein Schwarm Hornissen, und eine Trommel schiebt mit Kraft nach vorn. Das ist Psarantonis, sagt Dimitris, einer der verehrten Großmeister kretischer Musik, und dieses Lied heißt Tigris, und es handelt ungefähr davon, dass ein Tiger in dir steckt, und diesen Tiger sollst du achten, damit er mit seinen Krallen deinen Geist davor bewahrt, bequem zu werden. Den Rhythmus und die Stimme werde ich lange nicht mehr los.
In der Nacht weckt mich die Stille im Dorf. Die Olivenholzklötze im Kamin glimmen noch schwach und werfen flackerndes Licht an die Wand. Die ist lehmgelb verputzt bis auf ein paar absichtlich ausgelassene Stellen, durch die man die Mauersteine sieht. In mir bebt noch immer das Tigris-Lied nach, und dazu fängt es an der Wand an zu tanzen. Die unverputzten Flecken werden zu Menschen, Bergen, Hütten, Tieren, sie zerfließen und finden wieder zusammen, und ich weiß nicht, ob ich träume, ob Dimitris Kräuter ins Feuer geworfen hat oder ob Kreta eben einfach so ist.
Mit dieser durch und durch inseligen Haltung fahre ich zurück nach Chania. Die Stadt ist immer noch hübsch, aber schon nach den wenigen Tagen dort draußen kommt sie mir groß und hektisch und unglaublich modern vor. Die Männer tragen keine Stiefel mehr, am Hafen gibt es eine Filiale einer amerikanischen Kaffeehauskette und am Rande der Altstadt tatsächlich ein vegetarisches Restaurant. Ich versuche, mich an den Geschmack der Grobwurst zu erinnern und an die Gerüche in den Bergen. Das beruhigt mich, weil auf dem Weg in die Tanzschule wieder die alte Parkettbeklemmung in mir aufsteigt. Schon die Vorstellung, mich zu Musik zu bewegen, während andere mir dabei zusehen!

Aber die Mädchen sehen so hinreißend aus in ihren Trachten, mit dem üppigen Schmuck, die schwarzen Haare glänzen, da vergesse ich völlig, wie gewohnt zu kneifen und mich an die Wand zu stellen. Sie zeigen mir Pentosalis und Singaro und Sirtos. Die Männer machen großartige Sprünge, sie schlagen sich auf die Stiefel und gucken verwegen, in ihren Bauchbinden stecken Messer, der kretische Mann ein ewiger Rebell und Widerstandskämpfer gegen Araber und Türken und Deutsche. Auf den Köpfen tragen sie fransige schwarze Tücher, die aussehen, als hätten sie Oma das Spitzendeckchen von der Sessellehne geklaut. Die Frauen springen nicht, sie trippeln nur und lassen die Röcke schwingen und schauen über die Schulter.



Das finde ich alles zum Niederknien hübsch. Und irgendwann stolpere ich dann nicht mehr bei den Grundschritten, und ich finde auch nicht mehr peinlich, was ich mache. Aber ich kriege das Tigris-Lied nicht aus dem Kopf, den Gipfel über Dimitris’ Haus, Kostis’ Satz mit dem Adler und dem Wind und den Flügeln. Vielleicht wenn ich noch mal in die Berge führe und auf dem Berg die Arme ausbreitete und das Herz mit all diesem Kreta darin öffnete.

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