(Irgendwann erschien so eine Geschichte ja in jeder deutschen Zeitung und in jedem Fernsehsender und selbst in Heidi Klums Sendung, aber, ohne auf die Kacke hauen zu wollen, wir waren damals die ersten im Lande, die von den Helden in diesem Text erzählten. Erschienen in DIE ZEIT, 2011)
Ungefähr auf halber Höhe der langen Kette von Inseln, die die Exuma-Gruppe in der Mitte der Bahamas bildet, liegt Big Major Cay. Im lauen Wasser vor dem Strand dieser Insel beißt mir die Sau Stephanie in den Hintern. Vielleicht erzähle ich aber lieber von vorn, was ich hier mache, damit man mir glaubt.



Ich las von Marlinen, die man in dieser Inselwelt beim Hochseefischen angeln kann. Von der Artenvielfalt, die den Taucher an den Riffen umschwirrt. Von sensationellen Segelrevieren, von Flamingos und Wasserschildkröten. Finde ich alles schick. Und dann las ich von schwimmenden Schweinen. Das klingt so bekloppt, dachte ich, das ist doch sicher ein Märchen für Touristen, trotz vermeintlicher Beweisfotos im Internet. Um dies aufzuklären, bin ich hier. Ich werde rausfahren und nachsehen und die Wahrheit erzählen.
Für den Bootstrip habe ich Pat angeheuert. Angeblich ist er einer der erfahrensten Pig-Watch-Skipper des Archipels. Zur Einschiffung treffe ich im Hafen von Barreterre im Nordosten der Hauptinsel Great Exuma ein. „Hafen“ ist eventuell irreführend. Es gibt einen 20 Meter langen Steg, ein Willkommensschild, gestiftet von der Barreterre Development Association, eine betonierte Sliprampe und eine gezimmerte Bar ohne Seitenwände. Einmal in der Woche legt das Postschiff aus Nassau an. Dazwischen passiert nicht viel in Barreterre. Einen Skipper mit Boot sehe ich noch nicht. In meinem Diensteifer habe ich mich überpünktlich herfahren und dafür das Frühstück ausfallen lassen. Das ist mit Blick auf Seefestigkeit sicher nicht hilfreich.

Hundert Meter die Straße hoch gibt es einen Laden, Rayann’s Convenience Store. Daneben sitzen zwei alte Damen in Campingstühlen. Die eine krakeelt etwas in Richtung Wohnhaus. Ein dicke Frau schiebt sich heraus und schließt den Laden auf. Ja, ich bin zum ersten Mal auf den Bahamas. „Willkommen auf der sonnigen Seite des Lebens“, sagt die Verkäuferin fröhlich und fragt, ob ich auf dem Weg zu den Schweinen sei. Gibt es die denn wirklich? Ja, sicher, draußen in den Cays. Selbst gesehen habe sie sie leider noch nicht, die Bootsfahrt sei zu teuer. Aber die meisten Touristen würden inzwischen eine Tour dorthin machen. Ob doch was dran ist an der Geschichte? Zu Hause, in Deutschland, wollte niemand glauben, dass Schweine überhaupt schwimmen können.


Mit Cola und Kokosnusscremekeksen gehe ich zurück zum Hafen. Da hocken nun zwei Männer auf der Bank im Schatten. „Du fährst heute mit Pat zu den Schweinen, oder?“ Vielleicht normal, dass ich hier nicht lange verdeckt recherchieren konnte: In Barreterre leben keine 100 Menschen, auf allen 365 Exuma-Inseln zusammen sind es nur 3500. „Und, dein erstes Mal auf den Bahamas?“ Ich muss unbedingt Conch essen, finden sie, diese kindskopfgroßen Meeresschnecken. Eigentlich finde ich Meeresfrüchte eklig. Conch sei anders, sagen die Männer, und wie sie die Dinger aussprechen, konk, mit einem nachlässigen Rachenklicken zum Abschluss, das hat etwas Anstößiges. „Conch gibt dir Kraft für die Ladys“, sagt der jüngere. „Yeah, und Ausdauer gleich dazu“, sagt der ältere. So wie Austern? Sie schauen mich angewidert an. „Du isst diesen salzigen Schleim?“
Ich will die Herren nicht ärgern und lenke darum lieber auf mein Lieblingsthema: Was ist denn mit den Schweinen, wart ihr schon mal da draußen? „Natürlich, es gibt großartige Conch-Bänke da draußen!“ Und wie sind die Schweine? „Genau wie andere Schweine auch.“ Das habe ich mir doch gedacht, jetzt fliegt der Schwindel auf. „Außer dass diese schwimmen.“ Und die leben da ganz allein, ohne Hirten oder so was? „Die werden schon nicht abhauen, oder?“ Und wovon leben die? „Von dem, was Leute wie du ihnen geben, und von dem, was da eben so wächst.“
Dann kommt endlich Pat. Wie er sein Boot vom Autoanhänger zu Wasser lässt und es mit ein paar Handgriffen startklar macht, das wirkt schon sehr professionell. Die Bestimmtheit seiner Bewegungen hat bei aller Lässigkeit nicht dieses extrem Energieschonende, das sie in anderen Inselreichen so gern betonen. Vielleicht liegt das ja daran, dass die Bahamas, nördlich von Kuba und östlich von Florida, im Atlantik liegen und zumindest geografisch nicht mehr wirklich in der Karibik.


Pat nimmt Kurs nach Norden. Die Exumas sind sauber aufgereiht von Südost nach Nordwest. Die allermeisten sind unbewohnt, auf einigen leben Bahamians in kleinen Siedlungen, und ein paar mehr sind in Privatbesitz. Wir bleiben an der Westseite der Kette. Dabei sieht Pat immer wieder so aus, als schlafe er. Würde ich mich so fläzen wie er in seinem Skippersessel, ich hätte spätestens morgen einen schlimmen Rücken. Pat verbindet aber seine massige Kraft mit so viel Entspanntheit, dass er wahrscheinlich gar nicht verkrampfen kann. Mit einem Augenblinzeln ist er dann wieder voll da. Kurvt um eine Sandbank, zeigt auf jagende Rochen, auf die Insel von David Copperfield. Auf der steht ein Wohnkomplex, groß genug für ein Feriendorf. So möchte ich nicht leben. Leaf Cay würde eher passen. 160000 Quadratmeter, unbebaut, für nur sieben Millionen Dollar zu verkaufen. „Nicolas Cage braucht schnelles Geld, er hat Steuerprobleme“, sagt Pat.
Das glaube ich ihm natürlich alles. Bei der Schweinestory bleibe ich skeptisch. Wie sollen die denn auf die Insel gekommen sein? Pat sagt, es gebe dazu drei Theorien. Nummer eins ist, dass vor langer Zeit Menschen auf Big Major Cay lebten, die Schweine hielten und irgendwann wieder wegzogen, dabei aber mindestens ein Schweinepärchen vergaßen. Und Theorie Nummer zwei? Welche Conch-Rezepte ich bis jetzt probiert habe, will Pat wissen. Wie, noch gar kein Conch gegessen? „Hilft, wenn du ein Date hast!“ Aber ich habe hier nur ein Date mit den Schweinen. Hoffentlich. „Conch ist immer gesund.“ Pat hat keinen Neoprenanzug dabei, sonst würde er jetzt gleich nach den Meeresschnecken tauchen. Wir kommen an einem winzigen Boot vorbei. Das ist so überladen, dass keine 20 Zentimeter Freibord bleiben. Dutzende Conchs bedecken den Boden des Nachens, dazwischen stehen ein Mann und sieben Jungs. Der Mann lebt vom Meeresschneckenfang, und die Jungs sind nur einige seiner Kinder. „Er isst viel Conch“, sagt Pat und lässt sich zwei Schnecken zuwerfen.
Wir ankern an einer sichelförmigen Sandbank in einem Sund zwischen einigen Inseln. Hier liegen schon ein paar Boote. Die Passagiere schnorcheln oder gehen spazieren. Der Sand ist so weiß, das Wasser davor so fies türkis, dass ich mich frage, wie ich je wieder an einem Ostseestrand glücklich sein kann. Pat macht für mich Conch-Salat. Mit einem Hammer schlägt er leicht aufs Gehäuse. Vor Schreck zieht sich die Schnecke innen zusammen, Pat schiebt ein Messer hinein und bekommt durch die enge Öffnung das Tier zu fassen und zieht es heraus. Ein zwei Hände großes, zuckendes Ding liegt da. Das Fleisch ist weiß, oben hängt was dran, das aussieht wie ein nickender brauner Papageienschnabel. In einer Muskelfalte steckt eine Art Glasnudel-Makkaroni. Pat bietet mir eine an. „Salziger Gummibär!“ Hilft bestimmt auch bei irgendwas.


Conch-Salat geht so: rohe Schnecke klein schneiden, Tomaten, Zwiebeln, Chili, Pfeffer, Salz, Orangensaft drauf. Und ganz ehrlich, auf so einer Sandbank knapp außerhalb der Tropen, die Beine im Badewannenwasser, schmeckt das Zeug knackig, gesund und trotz des leicht gummiartigen Bisses gut. Ob die Schnecke in Leib und Gemüt so grandios wirkt wie versprochen, kann ich leider nicht sagen. Ich mag nicht über Pat herfallen, um das zu testen. Ich will endlich die Schweine sehen. In zehn Minuten sind wir da, sagt mein Skipper. Theorie zwei zur Schwimmschweine-Genese? Ein paar Schweine könnten im Sturm vom Deck eines Frachters gespült worden sein und sich auf die Insel gerettet haben. Weil sie in der Not schwimmen gelernt hatten, blieben sie dabei.
Wir passieren ein Inselchen, das komplett hohl ist, unter der Wasseroberfläche gibt es einen Einstieg für Taucher: die Thunderball-Grotte aus dem James-Bond-Film. Dann biegen wir um eine felsige Landzunge und halten auf den Strand von Big Major Cay zu. Hier sollen sie sein. Sie kommen uns auch schon entgegen, und zwar tatsächlich: geschwommen, Ringelschwanz und Rüsselschnauze in die Höhe. Sie paddeln wie Hunde. Strampeln und schnauben und grunzen. Vom Ufer aus sieht ein halbes Dutzend Ferkel zu. Die Viecher sind nun längsseits angekommen. Drei Säue, eine in Rosa, die beiden anderen in geschmackvollem Kamelbeige mit dunkelbraunen Punkten. Keine Ahnung, was das für Rassen sind. Normale Hausschweine, sagt Pat. Der verteilt jetzt Brot und Gemüsereste. Wie geht Herkunftstheorie Nummer drei?, frage ich. „Die Schweine gehören Bewohnern von Staniel Cay nebenan, die bringen sie hierher, damit sie fressen: von dem, was sie finden, und dem, was wir ihnen geben. Und wenn sie fett genug sind, gibt es ein Grillfest.“ Diese Theorie klingt für mich am unromantischsten.


Die rosa Sau knabbert ein bisschen zögerlicher an den Bissen als ihre Verwandten, und dreht auch schneller beleidigt ab, wenn die anderen mehr bekommen. So wie sie hier um Aufmerksamkeit strampelt und vornehm dabei tut, kann sie nur Stephanie mit ph heißen. Hat sie an Land einen Freund, ist der garantiert in einer schlagenden Verbindung.
Nach uns sind zwei weitere Boote gekommen, Dingis von Segelbooten, die weiter draußen ankern. In einem davon sitzt ein älterer Herr, Brite offenbar. Er hört, wie ich Pat ausfrage. Dass Schweine schwimmen können, sei doch wohlbekannt. Ob ich denn auch noch nie von Tirpitz gehört hätte. Nein? Tirpitz war ein deutsches Lebend-Verpflegungsschwein, das sich 1915 nach der Versenkung des Kreuzers Dresden im Südpazifik eine Stunde lang über Wasser halten konnte, bis es von britischen Einheiten gerettet wurde. Sein Kopf hängt noch heute im Imperial War Museum.



Unsere Schweine hier scheint die Geschichte nicht sehr zu beeindrucken. Die wollen fressen. Pat hat nichts mehr. Er zeigt ihnen die leere Tüte, und sie drehen ab. Blöd sind die offensichtlich nicht. Abdrehen geht so, dass sie mit den Vorderpfoten den Takt halten und hinten auf der Seite aussetzen, zu der sie hinwollen. Gleichzeitig wird durch noch mehr Strampeln der Schinken herumgewuchtet. Diese Hinterteile sehen dank der täglichen Sportroutine der drei Damen übrigens hervorragend aus: breit, fest und stark. Damit können sie noch vielen Menschen Freude machen.
Weil sie bei uns nichts mehr kriegen, versuchen sie es bei unserem Historiker-Freund. Der hat aber Angst, dass sie ihm mit ihren scharfen Pfoten das Schlauchboot kaputt machen, und fährt wieder raus. Ich kriege Lust auf ein Bad. Vor 24 Stunden im deprimierend dauerkalten Norddeutschland gestartet, liege ich in 24 Grad warmem Meerwasser und plansche mit drei Säuen. Ich schlage Pat vor, mit den Mädchen eine Synchronschwimm-Choreografie einzustudieren. Wie dann wohl erst die Urlauber kämen! Das würde ihn reich machen und mich endlich berühmt: Der mit den Schweinen schwimmt.
Ganz ungefährlich ist das wohl nicht. Denn auch wenn man es bei Damen eigentlich nicht anspricht: Die sind ja alle schwerer als ich. Wenn die mich bedrängen würden, käme ich selbst ins Strampeln. Zum Glück benimmt sich mein Badeteam tadellos. Und ich bin froh, dass meine Schweinchen keine Delfine sind. Ich will mich an Borsten schubbern und weiche Schnauzen tätscheln und keinen spirituellen Bruder im Wasser finden.
Aber dann kommt wohl das Gerücht auf, ich hätte Häppchen gebunkert. In einem Tumult aus Gier und enttäuschter Suche nach Aufmerksamkeit gerät Stephanie in meinen Rücken. Da gehört sie nicht hin, denkt sie. Sie beißt mir in den Hintern und schwimmt beleidigt ans Ufer. Pat fällt fast aus dem Boot vor Lachen: „Vielleicht hat die Conch, die du gegessen hast, sie nervös gemacht, Mann!“
Am nächsten Tag fahre ich zum Chat’n’Chill Grill gegenüber von Georgetown, der Hauptstadt der Exumas. Das Spanferkel schmeckt heute besonders gut. Ich trinke eiskaltes Kalik-Bier und blicke auf einen dieser sagenhaften Strände. Mission beendet. Ich habe Schweine schwimmen sehen. Und wenn mir einer daheim nicht glaubt, zeige ich meinen blauen Fleck.



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