(DIE ZEIT, 2008)
Die Sierra Madre in Nordwestmexiko, in den Bundesstaaten Sinaloa und Chiahuahua, ist eine Gegend, in der selbst ein paar Wassertropfen die schönsten Westernfantasien blühen lassen. Das spüre ich schon am Bahnhof von El Fuerte ganz deutlich. Der Bahnhof liegt etwa zehn Autominuten vor der Stadt, und man muss sehr früh da sein, denn wenn in Mexiko ein Zug um, sagen wir, neun Uhr kommen soll, kann es sein, dass er um neun Uhr kommt. Oder später. Mitunter aber auch früher, und dann ist er vielleicht längst schon wieder weg, wenn man sich noch freut, dass er pünktlich ist.





Das Warten gehört hier also endlich mal wieder zum Reisen. Weil es schon sehr früh sehr heiß wird, suche ich Schatten. Neben den Gleisen steht ein haushoher Wasserspeicher. Von irgendwo dort oben tropft es. Immer auf die gleiche Stelle am Boden. Und so überlege ich, ob ich mich unter diese Tropflinie stellen soll. Dann könnte sich das Wasser in der Krone meines nagelneuen Hutes – Modell Saddle King – sammeln. Das ewig gleiche Platschen der Tropfen fast direkt auf mein Hirn würde mich herrlich einlullen, bis ich dann nach einer Weile den Hut vorsichtig abnehmen, zum durstigen Munde führen und die Pfütze austrinken würde. Das wäre ziemlich lässig vor meinen Mitwartenden. Denn so macht es einer der Banditen im Wildwestfilm „Spiel mir das Lied vom Tod“, während sie auf den Zug mit Charles „Mundharmonika“ Bronson warten und derweil, genau wie ich jetzt hier in El Fuerte, die hitzewabernde Schienentrasse abwechselnd in beide Richtungen hinunterstarren, wo sie sich irgendwann in dem bisschen Busch und in den fahlen Wüstenfarben verliert.
Trotzdem spare ich mir das Wasser auf dem Hut lieber. Das gibt nur Flecken. Die werden noch früh genug kommen, da kann man gar nichts machen, aber nun ist es erst einen Tag her, dass ich diese schicke Kopfbedeckung aus weiß gelacktem Stroh gekauft habe, um ein wenig mexikanischer auszusehen. Da stelle ich mich eben ein bisschen an. Mexikanischer Männer sind auch in dieser Hinsicht wesentlich rustikaler. Auf staubigen Feldern und in öligen Werkstätten und am Hühnerschlachtklotz arbeiten sie mit ihren Sombreros, sie klopfen sich damit den Dreck von den Hosen, und selbst die Hüte in den preisgünstigsten Ausführungen bleiben dabei stets rein und tadellos in Form, wie durch einen Zauber geschützt. Ich lege fünfmal, zehnmal, zwanzigmal so viele Pesos hin für meine Deckel und habe die Hüte noch nicht einmal richtig aufgesetzt, da verkommen sie schon. Und ich hasse Hüte, deren Krone noch am ersten Tag die ersten Knicke bekommt und so jede Majestät verliert; sie sind so sinnentleert wie ein Cowboy, der seinen Sattel selbst trägt.

In der Ferne taucht nun der Zug aus Los Mochis auf. Für die 650 Kilometer von hier bis Chihuahua wird er 16 Stunden brauchen. Die Fahrt ist aus gleich zwei Gründen besonders: Erstens gibt es in Mexiko überhaupt nur auf zwei Eisenbahnstrecken Personenverkehr. Zweitens soll dies eine der zehn schönsten Zugreisen der Welt sein. Sie führt durch die Sierra Madre Occidental, durch den Gebirgszug der westlichen Sierra Madre. Und in deren Zentrum liegen die Barrancas del Cobre, eines der größten Schluchtensysteme Nordamerikas. Bis dahin sind es nur ein paar Stationen. Die klimatisierten Abteile werden meinem Strohhut gut tun. Mir auch. Darum gibt es diesen Passagierzug, den Ferrocaril Chihuahua Pacifico oder kurz Chepe, ja auch in zwei Klassen. Für uns Touristen gut gekühlt und schnell, denn der primera express hält nur an neun ausgewählten Stationen. Grob eine Stunde später fährt der clase económica durch, der Zug der zweiten Klasse. Der stoppt an fast jeder Milchkanne, und an Bord gibt es echtes mexikanisches Essen. Im Speisewagen der primera geht man auf Nummer Sicher. Das ist wichtig, denn Mexiko macht vielen Menschen Angst, und die mitfühlende Erkundigung nach darmfloralen Problemen gehört zur gepflegten Kennenlernkonversation.
Auf dem Weg durch den Zug überholt mich eine Gruppe texanischer Rentner. Jeder Zweite von ihnen drückt eine Flasche Handdesinfektionsmittel in Gastronomiegebindegröße wie ein rettendes Kruzifix gegen mexikanische Keime an sich, sprüht gelegentlich zwei, drei Schübe auf die Hände und verreibt das schützende Fluid sorgfältig wie ein Chirurg vor der Operation am offenen Herzen. Als Vorspeise gibt es heute Kartoffelsuppe mit Käse, danach einen Burger, aber so weit komme ich gar nicht: Ich finde meinen Platz nämlich schon einen Waggon vor dem Speisewagen – im Barwagen. Der fährt tatsächlich mit, und dann sitze ich in einem rotledernen Clubsessel, greife mein frostbeschlagenes Pacifico-Bier und schaue hinaus in die Weite. Auf Kandelaberkakteen sitzen Geier, in türkisen Seen spiegelt sich von Brücken herab unsere rote Lokomotive mit ihren grün-orangefarbenen Wagen, und in Schluchten liegen Waggonwrackteile weniger glückvoller Reisen.






Den besten Ausblick habe ich, mit dem Bier in der Hand, aus den Sesseln durch die leicht getönten Scheiben. Aber wir sind ja in der Wüste, und die Wüste ist hart, und das will ich eigenen Körper spüren, und so gehe ich gelegentlich auf die offene Plattform zwischen den Waggons. Dort kann ich meinen Hut nicht tragen. Zu groß ist die Gefahr, dass Dieselrußpartikel herumfliegen und ihn versauen. Also lasse ich mir die Sonne ins Gesicht brennen und blinzele gegen das Licht und gegen den Fahrtwind. Nach einer Weile bemerke ich leichte Schweißflecken auf meiner Hemdbrust. Macht sich gut. Fühle mich zunehmend viril und stelle mir vor, ich durchstreifte dieses grandios schroffe Land zu Fuß auf Goldsuche. Wie lange würde ich wohl brauchen, um genauso paranoid zu werden wie Humphrey Bogart im Film „Der Schatz der Sierra Madre“, der nur wenig südlich in Durango gedreht wurde?
Ich nehme noch ein Bier. Der Typ neben mir am Tresen sagt, es wäre Zeit für etwas mit mehr Substanz. Er trägt hellbraune Cowboystiefel und ein knallrotes Hemd und ein geblümtes Halstuch, und weil ich Herren mit Schnurrbart, dieser ist sogar stellvertretender Bürgermeister von El Fuerte, im Hauptberuf jedoch Rancher, grundsätzlich vertraue und gern glaube, trinken wir also Tequila. Das sage ich so, weil das Getränk so aussieht, aber wieder weiß mein neuer Bekannter es besser: Es ist Sotol und schmeckt auch so – so toll. Kommt vielleicht von der Hitze dort draußen, aber Sotol ist ganz ernsthaft ein großartiges Getränk, mit einem sehr komplexen, scharfen Antritt, im Mund dann eher weich, umweht von einem süßlichen Agavenaroma. Vor allem aber zeugt der Genuss von echtem Interesse an den botanischen Eigenheiten Chihuahuas, denn diese spezielle Agavenart wächst nur hier. Und gewinnt man aus einer gewöhnlichen Blauen Agave drei Flaschen Tequila, gibt eine Agavacea Dasylirion nur eine einzige botella Sotol her.
So schick es im Barwagen ist, ab und zu will ich diese umwerfende Landschaft nicht nur gut gekühlt draußen vorbeiziehen lassen. Die tourist stations des Chepe liegen meist nah am Rand der Canyons. In Divisadero etwa sind es nur ein paar Schritte, aber schon vom Zug aus kann man in die Canyons hineinsehen. Darum liegt es nicht allein an meinem Hut oder an der Höhe von 2500 Metern, dass ich betont langsam auf die Schluchtkante zugehe: Ich muss mich langsam auf die ganze Aussicht einstellen, sonst bin ich völlig erschlagen. In Divisadero, der nordmexikanischen Wasserscheide zwischen Atlantik und Pazifik, laufen gleich drei Canyons zusammen, nämlich die Barrancas de Urique, die Barrancas de Tararecua und die Barrancas del Cobre, die diesem riesigen kupferfarbenen Schlundsystem den Namen gegeben haben. Bis über 1800 Meter geht es vor hinunter, tiefer als in den Grand Canyon oben in Arizona.





Das ist so tief und groß und weit, das kann man nicht auf einmal erfassen. Also sucht sich das Auge Zwischenpunkte als Halt. Auf einer Felsnase, weit hinten und tief unten, aber noch längst nicht ganz unten, funkelt das Wellblechdach einer Hütte in der Sonne. Davor, gerade noch zu erkennen, als winzige bunte Tupfer die Wäsche auf der Leine vorm Haus. So wohnen die Tarahumara-Indigenas. Sie selbst nennen sich Rarámuri, und das kommt von einem wirklich interessanten Hobby: Sie laufen gern. Vor allem im Ausdauerbereich. Das können dann auch mal 150, 160, 180 Kilometer sein, auf schottrigen Pfaden die Canyons rauf und runter. Erst liefen sie so den Spaniern davon, dann den Apachen und schließlich allen. Und weil es immer gut ist, direkten Kontakt zur Erde zu haben, laufen sie in Sandalen, früher aus Leder, heute aus Autoreifenstücken. So laufen sie zum Spaß oder hetzen Wild, bis es zusammenbricht. Ich gucke mich dagegen schon nach ein paar hundert Metern nach einem Mietpferd um.



Zum Ausgleich gibt es abends im Hotel doppelte Ration. Mexikanisches Essen ist ja eine Wucht. Nörgler finden die Kost Nordmexikos mitunter wenig abwechslungsreich, aber ich brauche nicht viel mehr als ein paar Fladen, Fleisch, Salsa mit viel Chili und Koriander und einen Schlag frijoles, gebratenes Bohnenmus. Dazu klappt die untergehende Sonne an den Canyonrändern den Farbfächer auf, und Kolibris flattern aufgeregt um die Zuckerwasserspender, mit denen sie für unsere Fotos angelockt werden. Ich atme den Duft der Pinien und meiner Aftershave-Lotion ein, streichele über meinen immer noch sauberen und knickfreien Hut und denke, viel besser kann man es ja gar nicht haben. Dazu eine weitere gute Nachricht: Chihuahua ist kein Mariachi-Land. Da steht also nicht plötzlich eine fünf-, sieben- zwölfköpfige Combo am Abendbrottisch und schmettert so fröhlich, dass man ein ganz schlechtes Gewissen bekommt, weil das natürlich trotz aller Liebe zur Folklore unendlich nervtötend ist.



Wenn übrigens die schlechte Nachricht für US-Amerikaner die ist, dass die Barrancas größer, tiefer, weiter als der Grand Canyon sind, haben auch Deutsche nicht nur Grund zur Freude. Ein Guide erklärt mir nämlich, dass hier mehr unterschiedliche Eichenarten wachsen als irgendwo sonst auf der Welt. „Damit ist klar“, sagt er „die Eiche ist ein mexikanischer Baum.“ Um all seine Arten ausgiebig kennenzulernen, könnte man Wochen an und in diesen Canyons verbringen. Dabei auf 250000 Quadratkilometern klettern, wandern und mountainbiken, reiten, Vögel beobachten und jagen. Oder auf dem Dach von Geländewagen, angeschnallt in Spezialsitzen, die Schotterpisten runterballern, dass der Staub tagelang in der Luft hängt. Allerdings bekommt man davon schmutzige Haare und versaut so den Hut von innen.






Zurück im Zug stehe ich mit einem Bier auf der Plattform. Ein Landsmann steht neben mir und zeigt auf eine Schweißnaht: „Wenn das der TÜV sehen würde. Uiuiui.“ Auf der anderen Seite lugt einer der Sicherheitsmänner nach draußen. Er trägt eine schusssichere Weste und ein halbautomatisches Gewehr und ein so dermaßen entschlossenes Gesicht, dass ich überlege, ob ich besser hineingehe, obwohl ich ja gar nichts falsch gemacht habe. Oder? In Chihuahua ist Alkoholgenuss im Freien verboten. Tatsächlich reisen vier Bewaffnete mit. Sie haben es aber nicht auf mein Bier abgesehen, sie sollen uns Touristen beschützen. Das hat ein Schweizer uns und dem Chepe eingebrockt. Vor (zum Zeitpunkt der Geschichte) 12 Jahren fuhr dieser Eidgenosse mit dem Zug. Der Zug wurde auf freier Strecke überfallen. Super, wie im Western, dachte der Schweizer und filmte. Lass das, sagten ihm die bandidos. Er drehte weiter. Also verpassten sie ihm eine Kugel.
Nicht weit weg von der kleinen Stadt Creel soll das damals passiert sein. In Creel ist für mich Endstation. Gerade findet ein Dorffest statt. Bunt gekleidete Tarahumara schnuppern schüchtern Stadtluft. Kleine Jungs hauen sich in einem Ring auf die Fresse. Solange sie ihre Boxhandschuhe tragen, gucken sie so ernst und entschlossen, dass ich vorsichtig zurückbleibe, um niemanden versehentlich zu provozieren. Danach gehen sie Arm in Arm kichernd zum Zuckerwattestand. Ihre Väter, die Cowboys, haben sich fein gemacht. Die Schnauzer gekämmt und rosa und türkise und gelbe Westernstiefel und dazu passende Gürtel. Ich lobe ein besonders schönes Paar Stiefel aus Alligatorleder mit goldenen Spitzen. „Ein richtiger Mann muss keine Angst vor Farbe haben“, sagt sein Besitzer.


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