Schottland I: Highlands Kurven

(DIE ZEIT, 2015)

An meinem zweiten Tag in den Highlands sitze ich frühmorgens vor meinem Zelt im Norden der Applecross-Halbinsel. Das Meer, die Bucht, das Dorf liegen vollkommen ruhig da. Ich starre matt geradeaus. Noch während meines ersten Kaffees poltert mein Campingnachbar aus seinem Wohnmobil, stößt die Angeln um, die außen am Fahrzeug lehnen, und blökt fluchend in sein Mobiltelefon. Ich kann gar nicht sagen, wie wohltuend ich das finde. Denn nun wird mir erst klar, dass mir gleich mein erster Tag in Schottland einen richtigen Schönheitskoller verpasst hat.

Von Inverness aus hatte ich mich auf den Weg gemacht, die nordschottische Küste auf einer neuen Route zu umrunden, der Northcoast 500, kurz NC 500 genannt. Die 500-Meilen-Strecke wird als die schottische Route 66 beworben. Das kam mir beim Lesen wie ein sensationell schräger Vergleich vor. Route 66, da denkt man doch an endlose Fahrten durch US-amerikanische Weiten, an ein Land in Bewegung, an die Suche nach dem Glück im Westen. Wie soll das zu einer Küstenstraße mit Linksverkehr in einer kleinen, bergigen Region passen?

Ich entscheide mich, die Route im Uhrzeigersinn zu nehmen. Noch bevor ich Inverness in nordwestlicher Richtung verlasse, weisen Schilder den Weg nach Loch Ness. In einer Viertelstunde wäre ich da. Doch so nah und so berühmt der See ist und so schön er sein soll – er liegt nicht auf meinem Weg. Und ich will mich nicht schon jetzt in Abstechern verzetteln. Vor mir die geschwungene Landstraße, rechts und links Getreidefelder in Spätsommergelb. Schick und dabei nicht zu aufregend, denke ich, gerade richtig, um Tage und Tage so dahinzugleiten, 500 Meilen, 800 Kilometer lang.

Schon nach ein paar Kurven erwischt es mich: Unter dicken Wolken liegt da schwer ein See, dahinter baumlose Berge in Braun und Dunkelgrün, vorn auf einer Wiese zerfällt ein Haus aus dicken Feldsteinen, rotbraune Hochlandrinder stehen im hohen Gras. Das ist so umwerfend hübsch, dass ich gleich auf diesem Parkstreifen mein Zelt aufbauen und von dort aus ewig auf dieses Bild schauen könnte. Ein Handwerker, der seinen Lieferwagen voller Granitdachschindeln hinter mir geparkt hat, blickt nur kurz vom Pinkeln auf. „Kommt noch jede Menge mehr“, ruft er. Weiß nicht recht, ob das mehr wie eine Drohung oder wie eine Verheißung klingt.

Nur eine kurze Strecke später frage ich mich, wie ich gleich bei diesem ersten See so aus dem Häuschen geraten konnte. Die Straße führt nun in ein lang gestrecktes Tal, zu beiden Seiten begrenzt von Bergketten. In der Mitte des Tales mäandern Bäche durch Steppengras und Moorheide von See zu See, auf kleinen Inseln stehen Kiefern in Grüppchen. Mir ist vollkommen klar, dass ich nie wieder etwas so Vollkommenes sehen werde. Jeder Antrieb zur Bewegung vergeht, ich will den Moment einfrieren und diese ruhige Kraft einatmen. Irgendwann aber halten die Nächsten, um zu staunen, und ihr Türenschlagen ist der Schubs, den ich nutze, um mich loszureißen und weiterzufahren. Bis sich ein, zwei Meilen weiter dasselbe wiederholt: die allerschönste Aussicht jemals. Eine Straßenbiegung weiter: dasselbe. Und dann noch mal und noch mal und noch mal. Stunden brauche ich so allein für mein erstes richtiges Highlandtal, und als ich es hinter mir lasse, bin ich erschlagen.

Manchmal wird die Straße einspurig, dann gibt es alle paar Hundert Meter Ausweichstellen, um entgegenkommende Autos passieren zu lassen. Ich muss nicht oft ausscheren, die Straße wird leer und leerer in dem Maße, in dem die Häuser und Siedlungen weniger werden. Meine Geschwindigkeit messe ich nicht mehr an anderen Autos, ich orientiere mich am Land, und weil sich das so groß und still ausstreckt, drückt das zusammen mit den engen, geschwungenen Straßen aufs Tempo: 100 Stundenkilometer fühlen sich viel zu schnell an.

In Shieldaig im Bezirk Wester Ross stoppe ich für die Nacht. Das Dorf liegt an einem Fjord, der sich nach Nordwesten in Richtung der Insel Lewis hin öffnet. Ungefähr jedes vierte Haus bietet Bed-and-Breakfast-Übernachtungen, eines heimeliger als das andere. Trotzdem baue ich mein Zelt auf. Es sind die letzten warmen, trockenen Tage des Jahres, da will ich so viel wie möglich draußen sein. Errichte mein Heim auf einer öffentlichen Wiese oberhalb der Kirche am Ende der Strandstraße. Es gibt Reis mit Dosenzeug, direkt aus dem Topf gelöffelt. Müsste fade schmecken, aber vor mir diese zerklüftete Atlantikküste, im Kopf Berge und Wiesen und Weite, in der Nase Salz und Algen und Heidekräuter – in diesem Moment kann ich mir nichts Leckereres vorstellen. Schaue den Dämmerungswolken zu, wie sie sich aus langen Streifen zu dichten Ballen zusammentun, und gehe hinunter ins Dorf in den Pub.

Im Fernsehen läuft das Rugby-WM-Spiel England gegen Wales ohne Ton, eine Liveband spielt Kneipenfolk zum Mitstampfen, und Maureen feiert samt Großfamilie ihren 21. Geburtstag. Eigentlich mache ich mir nichts aus Whisky, und besonders fern sind mir Single Malts. Dieses Herausschmecken und Sinnieren und womöglich Reden über die vielen Geschmacksnuancen, das stresst mich beim Trinken. Aber hier, in seiner natürlichen Umgebung, will ich es mit dem Whisky noch mal versuchen.

Ich kenne mich nicht aus, fange also oben links an. Stelle mich an eine Wand und schlürfe vorsichtig. Salzig, erdig, warm, hinten ein bisschen karamellig – kann man machen. Nehme Bier dazu und gehe dann über zur zweiten Flasche von links und zur dritten. Schmeckt tatsächlich jede vollkommen anders.

Ich verstehe leider auch nichts von Rugby, aber der Sinn dieses Spiels besteht offenbar darin, den Engländern eine Packung zu verpassen. Jedenfalls ist der Saal geschlossen fröhlich für Wales, und wer für England ist, hält die Klappe. Ein Mann sieht meine unentschlossene Haltung. „Nicht, dass wir die Waliser mögen würden. Sie waren nicht immer freundlich zu uns. Aber die Engländer hassen wir mehr.“ Nach einem großen Schluck Guinness seufzt er: „Alte Geschichten, spielen heute keine Rolle mehr. Außer beim Rugby. Und beim Fußball. Und wenn du in der Kneipe merkst, dass der Kerl neben dir ein Engländer ist.“ Nach dem Schlusspfiff fangen sie zu tanzen an. Das kann ich heute nicht auch noch.

In der Nacht werde ich ein paarmal kurz wach, als der Wind über die Zeltplane streicht, es ist so beruhigend wie eine freundliche Hand auf der Schulter. Im ersten Morgengrauen schaue ich dann hinaus. Schlürfe Campingkocher-Kaffee und knabbere schottische Butterkekse. Und dann wird mein Nachbar aktiv. Er rumpelt in seinem Bus, stapft in Unterwäsche auf der Wiese auf und ab, und die ganze Zeit schimpft er in sein Telefon. Da ist viel von bloody die Rede. Klingt ernst. Nach dem Ende des Gesprächs entschuldigt er sich für den Lärm: „Die Missus ist kein Fan davon, dass ich ein ganzes Wochenende allein zum Fischen wegfahre. Hatte ihr aber einen Zettel dagelassen.“ Mich entspannt sein Ausbruch wahnsinnig, er reißt mich raus aus meinem Schönheits-Overdrive.

Auf dem kurzen Weg von Shieldaig nach Torridon halte ich hoch über einem sea loch, wie sie hier ihre Fjorde nennen. Sie machen sich gern lustig über Engländer, die das weiche Kehlen-ch nicht aussprechen können und stattdessen „lok“ sagen. Ich breite meine Karte auf der Motorhaube aus. Den Verlauf der NC 500 habe ich mit Textmarker aus dem Internet darauf übertragen. Nicht weit südlich finde ich ein Burgsymbol knapp abseits meiner Rundfahrt. Eilean Donan, eine Festung, die von einer kleinen Felseninsel aus die Wasserwege zwischen drei Lochs kontrolliert, liegt spektakulär. Hier entlang ritt Connor MacLeod im Film Highlander nach Hause. Über eine Steinbrücke erreiche ich den Burgeingang, davor spielt ein Mann in traditioneller Montur Dudelsack. Ich nehme mir fest vor, dieser Folklore mit ironischer Distanz zu begegnen. Das fällt nur so verdammt schwer, wenn man dabei einen Kloß im Hals vor Rührung hat! Und ja, ich weiß, dass das, was wir heute für uralte schottische Volkstradition halten, zum Teil erst 150 Jahre alt ist und noch dazu von den englischen Royals zum Erfolg gehypt wurde. Das hilft mir bloß gar nicht. Ich finde: Kilts sehen hinreißend aus, und schon beim ersten Brummen des Dudelsacks atme ich tief durch, um nicht die Kontrolle über meine Tränenkanäle zu verlieren.

Zurück auf der Route in Torridon genügt es mir nicht mehr, die braunen Berge durch die Windschutzscheibe anzuschauen, ich will raus und rauf. Das ging mir bei meinen Fahrten entlang der Route 66 im amerikanischen Südwesten immer anders: Sobald ich im ersten Western Store einen passenden Hut gefunden hatte, reichte es mir, mit dem auf dem Kopf und dem Arm aus dem heruntergekurbelten Seitenfenster geradeaus durch die Landschaft zu gleiten, ich hielt nur an, um zu tanken und Staub in den Nähten meiner Stiefel zu sammeln.

Über Torridon ragt der Beinn Liathach. Mein Parkplatznachbar zeigt mir auf seiner Wanderkarte den Weg hinauf. „Das wird dein erster Munro?“ – Wieso, ich dachte, der heißt Beinn Liathach. Ein Munro, lerne ich, ist jeder schottische Berg über 3.000 Fuß Höhe, benannt nach Sir Hugh Munro, der vor 120 Jahren eine Liste mit all diesen Gipfeln zusammenstellte. Mein Parkplatznachbar, der mir das über einem Schlückchen Verschnitt-Whisky im Kaffee erklärt, nennt sich selbst einen munro bagger, und das ist jemand, der möglichst viele Munros besteigt. Hier, auf dem Parkplatz, kommt mir das wie ein sehr britisches Hobby vor. Oben denke ich, viel Großartigeres kann man sich nicht wünschen. Auf den Wiesen und in den moorigen Abschnitten quietscht das Wasser unter jedem Schritt, als würde das, was tief in den Highlands steckt, mit einem reden. Und so subarktisch karg das Land durch die Windschutzscheibe aussieht, so voller Leben steckt es aus der Nähe, noch in die kleinsten Felsspalten keilen sich rot blühende Flechten. Die Seen und Bäche und Meeresbuchten leuchten, auf den anderen Hängen wächst es in allen Schattierungen von sattem Braun, weiter unten durchflochten von Heide, weiter oben durchstoßen vom nackten Gneis. Ich bleibe lange da oben, und mit jeder Wolke vor der Sonne ändert sich das Licht. Wenn dies Braveheart wäre, würde ich so Ausschau halten nach den Kämpfern der anderen Clans, die mir gegen die Engländer zu Hilfe eilten.

Ein Pass führt hinunter nach Kinlochewe, auf dem Parkplatz über Loch Ewe steht ein Wohnwagen. „Scotland, eh?!“, sagt der Mann zu mir, das ganze Staunen über dieses Panorama in zwei Wörtern. Er ist 87, erzählt er, und lebt mit seiner Frau in Edinburgh. Jedes Jahr kommen sie hier herauf, weil sie nie wissen, wie lange sie das noch schaffen. In Ullapool erzähle ich dem Hostelwirt, wie umwerfend ich das Land bisher finde. „Es wird jetzt noch schöner“, sagt er und hat recht. Statt der verschachtelten Bergketten werden die Ebenen nun weiter, und die Gipfel wachsen unvermittelter daraus empor, und weil dieses Gestein viel älter ist als etwa das der Alpen, hatten Wind und Wasser mehr Zeit, daran zu arbeiten und es weicher und weniger abweisend zu machen. Im Gegenlicht sieht der braune Flechtenbewuchs an den Kämmen aus wie Fell. Ich stelle mir die Berge als riesige Murmeltiere vor, die in diesen Ebenen liegen, und gleich werden sie sich räkeln. In einem Hochmoor scheint die Sonne aus Hunderten Pfützen und Rinnsalen wider, es sieht aus, als hätten die Götter einen Spiegel fallen gelassen, der hier zersprungen ist, und im Autoradio läuft BBC Gael mit gälischen Nachrichten und Dudelsackmusik.

Aus den Bergen der Western Highlands gleite ich hinauf an die Nordküste. Das Fahrgefühl verändert sich. Die Landschaft bringt mich nicht mehr so aus der Fassung, ich kann sie auch im Fahren aufnehmen. Beim Cruisen um diese schottischen Fjorde, fern-fernab jeder größeren Stadt, im Zen-Zustand der automobilen Meditation – noch eine Kuppe, noch eine Kurve –, kommt mir die Angeberei mit der schottischen Route 66 wieder in den Sinn. Ist da vielleicht doch was dran? Eine Straße, die das Land herzeigt? Aus kleinen Buchten leuchten Strände, bei deren Anblick im Reisekatalog man entrüstet „Photoshop“ rufen würde. Ich besuche 5.000 Jahre alte Grabsteine und zerfallene Siedlungen, aus denen Landarbeiter im 18. und 19. Jahrhundert vertrieben wurden, damit die Grundbesitzer großflächig Schafe züchten konnten. Das mischt noch einen sentimentalen Ton mehr in meinen Schottland-Soundtrack. Thurso, John O’Groats, Wick, mir bleibt jetzt nicht mehr viel von meiner NC 500. Möchte aber ewig so weiterfahren.

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In Helmsdale gebe ich dem Whisky eine weitere Chance. Das Bannockburn Inn ist eine normale, schreddelige Kneipe ohne jeden Touristen-Schnickschnack. Drinnen sitzen nur vier Gäste, alles Einheimische. Aber schon bald stellt sich heraus: Zwei von ihnen kommen aus Aberdeen, der Wirt stammt ursprünglich aus London und der Goldwäscher David, den sie Klondike Dave nennen, aus Glasgow. Glasgow liegt in den Lowlands. Also wird erörtert, was schlimmer ist, ein Engländer zu sein oder ein Lowlander. Mich lässt man danebensitzen und zuhören und am Whisky arbeiten. Ich beginne wieder oben links, diesmal ist es ein Ben Riach. Ben heißt Berg, so viel weiß ich jetzt. Keine Ahnung, was Riach bedeutet, aber es hat wieder dieses grandiose kehlige „ch“ als Ablaut. Wie holzklotzgrob mein deutscher Akzent im Englischen auch sein mag, das gälische „ch“ beherrsche ich wie ein Schotte. Nach dem Ben Riach spendiert mir der Wirt einen Schluck aus einer eckigen, blauen Flasche. Sieht bescheuert aus, wie ein übergroßer Angeber-Parfüm-Flakon, und schmeckt erbärmlich flach. Ich sage das laut über den Tresen hinweg, drücke es bewusst vorsichtig aus, man weiß ja nie, welche Lokalpreziose man womöglich heruntermacht. Es ist einen Augenblick still. Dann lachen sie, und mir wird noch wohliger in dieser Kneipe. Ist ein Whisky, für den der Londoner David Beckham Reklame macht, sagen sie mir, aus Weizen gebrannt, und gratulieren mir zu meinem Urteilsvermögen. Dieses Zusammenstehen und Lachen und Zuhören, das fühlt sich beinahe wie eine Umarmung an, und mit dieser Wärme schwappt noch einmal eine Riesenportion Highlands in mich hinein.

In Inverness schleiche ich lange um den Laden des Kiltschneiders herum. Schwere einheimische Wolle, auf alten Webstühlen gefertigt, auf Maß gearbeitet, herrlich warm und weich anzufassen: Bevor ich losfuhr, fragte ich mich, ob ich als Nichtschotte so etwas überhaupt tragen dürfte. Nun traue ich mich. Und um das Prachtstück und mich darin noch einmal so richtig mit dem Land zu imprägnieren, fahre ich gut 80 Meilen in südwestliche Richtung nach Glen Coe.

Viele sagen, dies sei das schönste Bergtal der Highlands. Im Besucherzentrum lese ich, dass 1692 der hier lebende Teil des Clans MacDonald auf königlichen Befehl massakriert wurde. Im Auto fühle ich mich in diesem Tal klein. Enge Felswände, scharfe Passkurven, üppige Farben und nur eine Handvoll Häuser, die sich weiß gekalkt der Weite entgegenstellen, um nicht von ihr aufgesogen zu werden. Wie grandios mag das erst im Winter aussehen, und wie viel Highlander muss man in sich haben, um das auszuhalten? Ein paar Meilen östlich des Dorfes Glencoe lasse ich das Auto stehen. Ich wandere über den Fluss Coe und bergan auf die Drei Schwestern zu. Zwischen dem zweiten und dem dritten Gipfel dieses Massivs, hinter Schluchten, jenseits kleiner Rinnsale, über Steinbrocken hinweg finde ich das Hidden Valley.

Hier versteckten die MacDonalds das Vieh, das sie auf ihren Raubzügen in den Lowlands erbeuteten. Ich postiere mich auf einem Felsen und starre und atme ein, und jetzt merke ich, wie viel von diesen Highlands in der NC 500 steckt und mit mir hier hochgewandert ist. Die Falten meines Kilts schwingen. Es könnte ein Windzug gewesen sein. Oder meine nackten Knie zittern vor Kälte. Ich glaube lieber, es sind die Geister der erschlagenen MacDonalds, die hier herumstreichen.

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