Ans Netz gegangen

(Zu Schulzeiten wurde unser Autor Bjørn Erik Sass immer als Letzter in die Mannschaft gewählt. Jetzt nimmt er in der Türkei an einem Beachvolleyballcamp mit den deutschen Olympiasiegern teil. Aus der ZEIT Nr. 47/2012)

Unten links in der Türkei, in der südwestlichsten Ecke Kleinasiens, liegt Sarigerme . Am Strand dieses Ortes erlebe ich, wie eine Waschmaschine das Fliegen lernt. Das mag ungeheuerlich klingen, aber für genau solche überdynamischen Entwicklungen bin ich an diese ferne Küste gereist. In der Reisebeschreibung hatte ich von All-inclusive-Unterbringung im Clubhotel gelesen, von exquisiter, teils landestypischer Verpflegung, von den klimatischen Vorzügen der Ägäis im Frühherbst. Alles nur Fußnoten. Denn ganz oben stand: Beachvolleyballcamp mit den deutschen Olympiasiegern, sechs Tage lang trainieren mit Jonas Reckermann und Julius Brink. Da wollte ich mitmachen und sehen, ob ich meine Beziehung zu diesem Sport mit Profi-Hilfe auf ein neues Niveau bringen kann.

Zur Eröffnung des Camps treffen wir uns in der Nähe der Beachvolleyballfelder. Schon auf den wenigen Metern dorthin ist klar, wir werden es hier hübsch haben. Großartiges Wetter, das Licht klar und warm, Palmen im Wind, schrofffelsige Inseln in der Bucht vor uns, tief aufgefächerte Bergketten mit Pinien und Morgenrestdunst im Hintergrund. Es gibt Begrüßungscocktails, alkoholfrei, und der Schweizer Hoteldirektor hält eine Rede. Er mag Beachvolleyball, das hört man gleich. Er spricht über die Spiele neulich in London . Da werden spektakuläre Ballwechsel erwähnt, und es fallen viele Namen. Offensichtlich handelt es sich dabei um Gegner unserer Recken. Die Umstehenden nicken und lächeln kennerhaft. Mir sagt das alles nichts, ich höre nur halb zu und schaue mir die beiden Sportler genauer an. Wir sind ja alle hier, damit ein bisschen von dem Glamour und dem Können des Duos auf uns und unser Spiel abfärbt; und damit wir später Ballgeschichten mit einem nachlässigen »Als ich mit Jonas und Julius trainierte…« für unsere Zuhörer adrenalisieren können. Die beiden tragen ihre Arbeitskleidung: knielange Schlabberhosen, Trikots und Schirmmütze mit Sponsoren-Logo, großflächige Sonnenbrillen. Ich muss mir das noch aufsagen: Jonas Reckermann ist der sehr Große, Julius Brink der Normalgroße. Die beiden stehen nebeneinander, ein paarmal besprechen sie etwas und flüstern dabei so, wie es nur Leute machen, die sich sehr gut kennen.

Zu Beginn des Trainings stellen wir uns vor. Es zeigt sich noch einmal, dass die meisten der zwanzig Teilnehmer deutlich involvierter in diesen Sport sind als ich. Sie nennen die Namen ihrer Vereine und die Zahl der Trainingscamps, die sie schon absolviert haben. Ich höre Wörter wie Verbandsliga und Wünsche wie »Ich möchte vor allem mein Angriffsspiel verbessern«. Florian und Caro haben in ihrem fränkischen Dorf ein eigenes Beachvolleyballfeld im Garten; Markus überlegt, ob er sich eine Halle kaufen soll. Ich weiß nicht, was eine Verbandsliga ist, und über mein Angriffsspiel habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Meine Beziehung zum Volleyball lässt sich seit der Schulzeit mit folgendem zentralen Satz jeder Mannschaftsaufstellung zusammenfassen: »Ihr nehmt Björn, wir haben letztes Mal verloren.« Bisher hielt ich mich darum von Teamsport möglichst fern. Dann aber wurde Beachvolleyball populär. Überall an den Stränden spielen Menschen sich fröhlich Bälle zu; federleicht springen sie weit in den Himmel, umflort von sonnensattem Gegenlicht. Das möchte ich auch lernen, so möchte ich auch aussehen, darum bin ich hier. Das denke ich. Um meine Mitstreiter nicht mit meiner Trauma-Genese zu belasten, sage ich aber nur: »Ich bin Kieler, und ich habe das Ballgefühl einer Waschmaschine.« Gibt es dafür scheele Blicke? Nein, Beachvolleyballer sind anscheinend grundpositiv. »Waschmaschine ist doch super: fester Stand, hohe Umdrehung und ein ganzes Dutzend hochspezieller, automatisierter Programme. Du wirst Spaß haben!«, sagt Bernd. Bernd ist Schulsportlehrer, Volleyballtrainer für Bundesligavereine und Olympiaduos und im Camp neben Jonas und Julius unser dritter Coach.

Bevor es endlich an die Bälle geht, werden wir gruppendynamisch tätig. Neben allen körperlichen Handicaps hat mich das vom Mannschaftssport bislang auch ferngehalten: dass man sich immerzu absprechen und abklatschen muss. Jetzt bilden wir einen Kreis, linke Fäuste innen aneinander, die Hände nach oben explodieren lassen und den Hotelnamen silbengedehnt rufen. Ich geniere mich, mich einzureihen. »Los, alle machen mit!«, sagt Jonas. Und dann kann die Scham mich eben mal, ich fäustele und rufe mit und sehe, man kann sich das Fremdfühlen viel besser weghandeln als wegdenken.

Aufgetankt mit Optimismus und Teamgeist, verteilen wir uns auf drei Felder. Jeder Trainer beaufsichtigt nur eine Handvoll Teilnehmer, da entgeht keinem was. Weil wir aber keine Listen mit Fehlerquellen aufgetischt bekommen, sondern bei jedem immer nur ein einziger wichtiger Punkt kritisiert wird, merken wir uns peu à peu, was wir besser machen können. Dass ich bei der Annahme von unten, dem Baggern, aus meinen gestreckten Armen ein solides Brett bauen muss, zum Beispiel. Und dass ich den Ball einfach abprallen lassen muss, allein mit einer kleinen Bewegung aus den Schultern, statt auf ihn einzudreschen. Klare Sprache hilft – die Haltung, mit der man dem Ball entgegensehen soll, nennt Bernd etwa die Lucky-Luke-Stellung: Knie gebeugt, Hintern raus, Gewicht nach vorn, die Arme gebeugt, als hätten wir beidseits die Colts gezogen. Fühlt sich zuerst übertrieben an. Was nützt der perfekte Duell-Stand, wenn meine Revolver noch nicht geladen sind? »Das kommt«, sagt Bernd, »mit der Zahl der Ballkontakte.«

Die Waschmaschine fliegt

Je öfter wir die Abläufe üben, desto mehr automatisieren sie sich. Also ist die Frequenz hoch. Dazu das kleinschrittige Laufen im Sand – das schlaucht. Alle 20 Minuten gibt es eine kurze Trinkpause. Und noch in der allerersten Vormittagseinheit einen Ausfall: Mareike humpelt vom Platz. Ausgerechnet. Sie und ihr Gefährte Mirko hatten besonders erfahren gewirkt, den Ball stets fest im Blick. Nun melden sich die gerade verklungenen Schmerzen eines Bandscheibenvorfalls wieder. Wäre ich Arzt, ich würde sagen, so unerbittlich, wie sie die Kiefer immer zusammenbeißt, muss das doch ungesund in den Rücken hineinwirken. Aber was weiß ich von Beachvolleyball-Lässigkeit?

Ich denke zuerst auch, dass Jonas ein typischer Westfale ist, wie er betont ruhig seine Gruppe beaufsichtigt, immer eine Hand in der Tasche. Bernd erzählt dann aber, dass Jonas unmittelbar vor dem Flug hierher operiert wurde. Die Hand ist in der Hosentasche, um die rechte Schulter zu entlasten. »Ja, das sind einfach Profis«, sagt Horst, und es klingt wie vieles, was er über Beachvolleyball sagt, sehr bewegt. Horst scheint eine Art Jonas-und-Julius-Groupie zu sein. Er kannte die beiden schon vor dem Trainingslager und trägt jeden Tag ein neues Original-Brink/Reckermann-Trikot, das die Sportler bei wichtigen Spielen trugen. Horst, Mitte 50, hat erst vor ein paar Jahren mit Beachvolleyball angefangen, ist aber so ehrgeizig in die neue Passion eingestiegen, dass er eindeutig zur Leistungsspitze des Camps zählt.

Was tun, um nach Mareikes Verletzung den Fokus wieder auf den Ball zu bekommen? »Konzentrat«, sagt Bernd, der eine Neigung zu festen Wortwendungen hat. »Konzentrat« soll uns helfen, uns zu konzentrieren. Und mit »Ohne Mampf kein Kampf« geht es in die Mittagspause. Die meisten sind mit Anhang angereist, und mit dem essen sie zusammen. Julius etwa hat mindestens drei Kumpels mitgenommen. Die kommen dann auf Ideen wie vom Dach des Pavillons am Ende des Bootsstegs ins Wasser zu springen. Es ist, man muss es sagen, Mitte Oktober und noch klar über zwanzig Grad, während sie zu Hause schon mit Handschuhen das Laub aus den Regenrinnen klauben. Dauert übrigens keine fünf Minuten, bis ein Bademeister das Dachspringen verbietet. Das macht er erstaunlicherweise in einer Mischung aus wenig Englisch und viel Türkisch. Eine exotische Abwechslung in dieser Anlage, in der sonst alle Deutsch sprechen.

Vormittagseinheit, Mittagspause, Nachmittagstraining, so vergeht die Zeit. Jeden Tag gibt es ein anderes Thema, nacheinander lernen wir die Haupttechniken des Spiels: Annahme, Zuspiel, Angriff, Block, Feldverteidigung, Aufschlag. Bernd erklärt kurz, wie’s funktioniert, Jonas und Julius untermauern das aus profipraktischer Perspektive. Es klingt dann etwa so: »Sag mal, Julius, wie war das beim Finale gegen Rego/Cerutti , hast du da den Float-Aufschlag bewusst benutzt, um die beiden unter Druck zu setzen?« Floaten heißt hier flattern; der Ball wird mit durchgespannter Hand in seiner Mitte so geschlagen, dass er ins Trudeln gerät und für den Gegner unkalkulierbar wird. Das kam mir zuerst überhaupt nicht wie ein angemessener Aufschlag für Männer vor. Ich dachte, Wucht und Kraft allein sollen uns unüberwindlich machen. Wir hören ja auch keine Klangschalenmusik: Bei einer besonders anstrengenden Übung, wir knien im Sand, und die Trainer werfen uns die Bälle so zum Rückspiel zu, dass wir nach vorn springen müssen, schleift Julius zur akustischen Unterstützung eine kommodengroße Musikanlage an und schaltet Rammstein ein. Das funktioniert prima, und die Damen, die von der Yoga-Stunde zurück zu ihrem Ingwerwasser schlendern, finden uns bestimmt herrlich jung und verrückt. Man kann aber nicht tagelang mit den Zehen im warmen Sand spielen, ohne dass das was mit einem macht. Also akzeptiere ich auch Float-Aufschläge.

Mareike kommt zurück und wirkt sensationell entspannt. Dafür verlieren wir Marius. Nach zwei Tagen fällt erst auf, dass er fehlt. Zu hart kann dem 17-Jährigen das Training nicht gewesen sein. Dann sehen wir ihn. Er schlendert mit einem Bikini-Mädchen den Strand entlang. »Das entschuldigt alles«, ruft Julius ihm zu. Egal, wie diszipliniert sie trainieren, zu richtigen Beachvolleyballern gehört ein surferstrahlendes Strandheldenimage.

Wohin das alles führt? Am letzten Tag spielen wir ein campinternes Turnier, jeder gegen jeden in Zweiermannschaften. Ich versiebe ein paar Bälle. Von der Hotelbühne klingt Musik, sie proben für die Abendshow das Musical über den Boxer Rocky. Auch so ein Underdog, der nach schwerem Start alle Widerstände überwindet und groß rauskommt. Ich atme Mareikes Lachen, Mirkos »Schöner Ball!«-Rufe und die Wärme tief ein, denke an unseren täglichen Schlachtruf-Kreis und die Tipps der Trainer. Ich hätte die Beinmuskulatur für einen Killer-Take-off, hat Bernd gesagt. Im Hintergrund tönen jetzt die Trompeten aus Rockys Titelmelodie: Gonna fly now! Mein Signal!

Ich stehe am Netz. Mein zweiter Mann schlägt einen Ball hinüber zu den Gegnern. Deren Netzspieler springt hoch, um unseren Angriff zu vereiteln. Auch ich stoße mich ab – und tatsächlich: die Waschmaschine fliegt. Am höchsten Punkt klappe ich in der Hüftachse ein, sodass sich meine erhobenen Arme ebenso nach vorne schieben wie meine Füße. Mein Körper gibt nun ein C ab. Ein C, das mit seinen Handflächen den Ball überm Netz im feindlichen Feld berührt. In dem Moment lenke ich meine Hände nach unten und den Ball genau in die nicht abgedeckte Mitte zwischen denen dort drüben. Ich lande, mein Teamkollege und ich geben uns High Five, und ich bin so besoffen, wie nur perfekte Sportaugenblicke trunken machen können.

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