(Wer es gern einsam hat bei der Fahrt über die Insel, biegt am besten nach Norden ab. Dort verläuft, nahe am Polarkreis, der neue Arctic Coast Way. Unser Autor stellt sich mutig in den Wind und findet einen lange vermissten Speer. Aus der ZEIT Nr. 33/2019)


An meinem letzten Tag auf Island, am nordöstlichen Rand der Insel, kommt mir ein Radfahrer entgegen. Tief gebeugt hängt er über seinem Lenker, das Gesicht verzerrt, der Tritt unrund, seine Regenklamotten flattern im Wind. Ich verbeuge mich im Geiste und fahre hinter meiner Windschutzscheibe weiter die langen Abwärtskurven hinunter. Nach einigen Minuten kommt mir eine Radfahrerin entgegen, noch abgekämpfter als der Mann. Sie weint. Ich verbeuge mich noch tiefer, bereite ihr im Geiste eine heiße Schokolade zu und denke, die beiden sind bestimmt heute viele, viele Höhenmeter tiefer in Seydisfjördur gestartet, dem Hafen für die Fähre aus Dänemark. Und dann gleich so eine Tortur. Ich wittere Beziehungsbelastung und denke auch wieder, wie hübsch, wie schön allein und kommod ich es hatte auf meiner Autotour entlang des Arctic Coast Way.



Dieser Arctic Coast Way, Norðurstrandarleið auf Isländisch, wurde zu Beginn der diesjährigen Sommersaison eröffnet. Die Route verknüpft bestehende Straßen und verläuft über die Halbinseln an Islands Nordküste. Die bekanntere Ringstraße, die die Insel gut ausgebaut umrundet und an die sich die meisten Besucher halten, liegt südlich davon. Die 900 Kilometer des Arctic Coast Way sollen durch einige der abgelegensten Gegenden Islands führen und bieten sich vielleicht als Ausweichroute für diejenigen an, denen es entlang der Hauptstraße zu voll wird. Denn es kommen noch immer Jahr für Jahr mehr und mehr Touristen.
Ich befahre den Nordurstrandarleid also von West nach Ost, von Hvammstangi bis Vopnafjördur. Eine Woche habe ich dafür. Vom Flughafen Keflavík tief im Südwesten des Landes rolle ich nach Norden. Bei Borgarnes bekomme ich Appetit und steuere eine Tankstelle mit Shop an. Ich finde eine Gaskartusche für meinen Campingkocher und einige Konserven, um in den nächsten Tagen autark zu sein. Dann esse ich einen Hotdog, draußen, an meinen Wagen gelehnt. Ich schaue auf einen tiefgrauen Fjord unter dichtem, tiefgrauem Himmel, dahinter Berge, schroff, dunkel, in der Ferne auch schneebedeckt, und die Luft ist gleichzeitig klar und gedämpft von der Schwere der Berge und des Himmels.
Keine drei Stunden soll ich brauchen bis Hvammstangi, behauptet die Navi-App, mehr als doppelt so lange dauert es tatsächlich. Denn nach dem Hotdog fahre ich durch eine weite Hochebene, in der das Band der Straße, noch dunkler als das Land, wunderschön auf und ab schwingt. Die Straße folgt nicht stur dem Profil der Landschaft, manchmal schwingt sie zur einen Seite, wenn das Land der anderen Seite zuzustreben scheint, manchmal beschreibt sie eine weite Kurve, ohne dass man versteht, warum sie ausgerechnet dort nicht einfach geradeaus führt, und das eine betont so den Swing des anderen, als führten sie zusammen ein Stück auf, das nur als Duett vollkommen gelingt, und je länger ich ihm beiwohne, desto ruhiger und dabei wacher werde ich.
Kein Baum steht, es könnte eine Steppe sein, aber wenn ich aussteige, sehe ich kaum Gras; fast nur Flechten und Moos krallen sich in den Boden. Immer wieder halte ich an und starre ins Weite, und als ich mein Ziel erreiche, ist es zwar noch hell, aber Nacht und die Rezeption meines Hotels nicht mehr besetzt. Über einen Code gelange ich aufs Zimmer. So erspare ich es mir, nach den ruhigen Stunden wieder mit dem Sprechen beginnen zu müssen.
Hvammstangi hat knapp 600 Einwohner, einen Supermarkt, eine Tankstelle, eine Apotheke, eine Post, ein Gesundheits- und ein Seehundzentrum. Es ist nicht sein urbanes Glitzern, was den Ort zum Startpunkt des Arctic Coast Way macht. Er liegt schlicht am südwestlichen Ende von Vatnsnes, der ersten Halbinsel auf der West-Ost-Route. Auf schmaler Rollsplittpiste knirscht mein Auto an der Küste entlang nach Norden. Ich sehe Schafe, wenige Bauernhöfe, kaum andere Wagen. Auf einer Grasfläche unterhalb der Straße, direkt am Strand, steht ein alter hölzerner Pferch, kreisrund und unterteilt wie ein riesiges Kutschenrad, zum Schafesortieren. Hier bleibe ich ein paar Minuten, und zwei weitere Mietwagen halten, Leute steigen aus und fotografieren. Wir beachten uns betont nicht, als wollte so jeder für sich glauben können, der einzige Besucher hier zu sein. Ein Stückchen weiter halte ich, weil ich die orangefarbene Kuppel eines Leuchtturms so pittoresk finde. Weit im Westen über die riesige Húnaflói-Bucht hinweg sind auf dem Meer Konturen auszumachen, eine Ahnung von Land. Wäre ich Seefahrer: eine Hoffnung.
Dann drückt der Wind Löcher in die Wolkendecke, aus ihnen strahlt die Sonne gebündelt nach unten, und aus den Konturen schälen sich im Scheinwerferlicht Berge heraus. Der Scheinwerfer wandert weiter mit dem windgewehten Wolkenloch, auf schneebedeckte, schroffe Berge, auf Strände. Das ist tatsächlich Land, das ist Strandir, ein Abschnitt der Westfjorde, der großen, zerklüfteten Extraportion Island im äußersten Nordwesten.
Über die nächsten Stunden fahre ich und halte an, koche Kaffee, schaue herum, fahre weiter und sehe nur wenige Menschen. Das Karge, Leere beginnt sich wohlig in mir breitzumachen als entspannende Gedankenlosigkeit. Auf der östlichen Seite der Halbinsel biege ich einmal von der Piste ab, um mir eine Klippe näher anzusehen, und kreische beinahe vor Schreck: Ein Dutzend Autos und ein Reisebus stehen auf einem Parkplatz. Kurz überlege ich, kehrtzumachen vor diesen Horden. Und dann ist es wie oft: Wo viele hinwollen, ist es oft wirklich hübsch. Unten im Wasser steht ein einsamer Felsen, 15 Meter hoch, verwittert. Der Legende nach ein Troll, der versteinert wurde. Weil aber die vielen Vögel, die auf ihm nisten, auch viel auf ihn kacken, heißt er nicht Versteinerter Troll, sondern Weißer Kittel.

Am Ufer direkt vorm Felsen gibt eine Gruppe Chinesen Kameravollgas und brüllt sich Posieranweisungen zu. Zuerst denke ich, warum so laut, Leute. Aber die freuen sich so überschwänglich über den Felsen und nicken mir grinsend zu, hoch die Daumen, dass ich meine Strenge fahren lasse. Ich setze mich in den schwarzen Sand, schaue auf die Chinesen, auf die Seehunde im Fjord, auf diesen merkwürdigen Felsen und fühle mich dermaßen kontemplativ, mir fällt noch nicht einmal mehr ein aufregenderes Wort dafür ein.
Wenn ich auf Vatnsnes schon dachte, ist aber geistbefreiend reduziert hier, ist die nächste Halbinsel Skagi noch weiter, rauer, leerer. Im Ort Skagaströnd schlafe ich zum ersten Mal im Zelt, und der Wind fährt so schick über die Plane, dass ich mich fühle wie sanft in einer Wiege geschaukelt. Morgens steige ich auf den Berg hinter dem Dorf. Von da erkenne ich die Ostküste der Westfjorde noch besser als gestern. Lange schaue ich nicht hinüber. Obenrum lediglich bekleidet mit langem Unterhemd, Hemd, Fleece, Jacke und Windjacke, wird mir beizeiten frisch im brüllenden Wind, trotz milder 10 Grad Celsius.





Im Norden der Halbinsel gehe ich zur Siedlung Kálfshamarsvik, die aufgegeben wurde, als sich der Fischfang nicht mehr lohnte. Es gibt ein paar Grundmauerruinen, ein Kliff aus sechseckigen Basaltsäulen und Hunderte Küstenseeschwalben, die überhaupt keinen Bock auf Besuch haben. Ein paar ihrer Kackbomben treffen. Beim Rückzug passiere ich neben dem Weg einen kleinen Vogel mit rostrotem Halsgefieder. Oh, ein Odinshühnchen, denke ich; und weil mir das Geschrei der Küstenseeschwalben und ihre Exkremente auf meiner Jacke noch so vehement im Gemüt sind, frage ich mich nicht einmal, warum ich so etwas weiß.


Während meiner Skagi-Etappe finde ich übrigens auch einen seit 800 Jahren verschollenen Heldenspeer. In der Stadt Saudárkrókur bittet man mich, bei der Suche zu helfen, es sei wirklich eine enorm wertvolle Waffe. Auf Island war es nämlich nicht immer so friedlich wie jetzt auf dem Arctic Coast Way. Im 13. Jahrhundert kämpften Clans um die Vorherrschaft. Es kam zur Schlacht von Örlygsstadir, nur ein paar Kilometer südlich von Skagi. Am Ende war Sturrla, Chef des Sturluson-Clans und Neffe des Sagaschreibers Snorri Sturluson, tot. Tot war auch die alte, unabhängige Verfassung Islands: Der norwegische König nutzte den Zwist, spielte die Parteien gegeneinander aus und krallte sich am Ende die Insel, ohne einmarschieren zu müssen. Ebenso dramatisch: In der Schlacht ging auch Grásída, Sturrlas Speer, verloren. Und siehe, ich finde die Waffe tatsächlich in kürzester Zeit. Eine Art Wiedergänger von Sturrla nimmt sie von mir entgegen, prächtig gekleidet nach alter Art und auf einem Pferd. Das denke ich mir alles echt nicht aus. Ich hätte auch ein Erinnerungsfoto gemacht, aber entweder trage ich diese Spezialbrille und Sensorenhandschuhe im Virtual-Reality-Raum des Museums „1238: The Battle of Iceland“ und suche holografische Speere, oder ich knipse, beides zugleich geht nicht.
Die Suche war durchaus schweißtreibend. Im Innenhof meines Hotels gibt es ein Wasserbecken zum Baden, gespeist von einer heißen Quelle. Aber wenn ich Sachen mache wie ein Held, will ich auch entspannen wie ein Held. Einige Kilometer nördlich der Stadt, direkt am Meer, liegt Grettislaug, Grettirs Bad. Grettir der Starke ist ein Held aus den alten Sagas. Der stieg einmal, um sich nach einer Schwimmtour durch den arktisch kalten Fjord aufzuwärmen, in eine heiße Quelle. Vielleicht in genau diese, sie trägt zumindest seinen Namen.
Grettislaug ist ein künstlicher Pool, in dem Thermalquellwasser mit kaltem Wasser aus einem nahen Bach auf badefähige Temperatur gemischt wird, gebaut aus dicken Steinen, brusttief, mit Steinbänken an den Innenseiten. Er liegt auf Bauernland, der Besuch kostet 1000 Kronen, zur Feier des Tages gönne ich mir ein Bier, noch mal 1000 Kronen, zusammen rund 15 Euro, der Bauer akzeptiert lächelnd auch Kreditkarten. Nach drei herrlich ruhigen Fahrtagen in 40 Grad Celsius revitalisierend, habe ich nichts zu meckern. Die Dame eines mittelalten deutschen Paares hat sich ihre Fähigkeit zu kritischem Denken dagegen noch nicht wegdampfen lassen und moniert den Algenbewuchs auf den Einstiegsstufen als Unfallgefahrenherd, die Sitzbänke als nicht passgenau für Kleinwüchsigere und wünscht sich eine Ablagemöglichkeit für ihr Telefon in Griffweite vom Pool, jedoch spritzwassergeschützt. Das brabbelt sie auf ihren Kerl nieder, doch der sitzt nur im Wasser und reagiert null. Mir geht das irgendwann auf den Senkel. Ich gehe mir ein neues Bier holen. „Aufpassen, das Geländer wackelt“, warnt sie mich beim Ausstieg, aber ich gebe nicht zu erkennen, dass ich Deutsch verstehe.

Das Land zwischen den Halbinseln Skagi und Tröllaskagi wird von mehreren Flüssen durchzogen, es sieht nach fettem Boden aus. Groß die Höfe, groß die Pferdeherden. Mit 20, 30 Kumpels stehen die Tiere hier immer herum. Junge Hengste rangeln und machen sich wichtig. Fohlen gucken verschreckt hoch, ob die Mutter noch in der Nähe ist. Selbst unter Wolken wirkt die Gegend viel leichter und heller als die Halbinseln da draußen. Und so schön dieses üppige Bauernland ist, das andere gefällt mir besser.
Tröllaskagi ist die gebirgigste der Halbinseln. Die Fahrt entlang der Küste, die Straße hoch über den Klippen, ist ein Knüller, hinter jeder Kurve faltet sich das großartigste Panorama überhaupt aus. Und eine Kurve weiter wieder das großartigste. Ich sehe Wale, ich spreche mit einem Mann, der erst vor Kurzem Jürgen Klopp die Hand schüttelte, als der in Dalvík zum Heli-Skiing ging. Und ich fahre nach Akureyri, so etwas wie die Hauptstadt des Nordens. Zeitgleich mit mir kommt jedoch ein Kreuzfahrtschiff an. Und dann schlendern auf einen Schlag 1000, 1500 Menschen durch die kleine Innenstadt, und ich will weg. Während der gesamten 60 Jahre der ersten Besiedlung Islands um das Jahr 900, heißt es im Landnámabók, der Chronik über diese Zeit, seien 400 vor allem norwegische Familien hergesegelt. Da kann man doch nicht jetzt so viele Leute an einem einzigen Ort auf einmal an Land lassen.







Gebeutelt von diesem Erlebnis und begierig, es in möglichst intensivem Kontakt mit der Natur zu vergessen, mache ich einen blöden Fehler: Ich fahre zum Godafoss-Wasserfall. Der soll sehr beeindruckend sein. Er ist auch sehr beeindruckend. Aber er liegt ganz nah an der Ringstraße und nahe an Akureyri. Ich zähle fast 20 Reisebusse, dazu Pkw und Wohnmobile sonder Zahl. Dichtes Gedränge auf den asphaltierten Fußwegen und am Rand des Falles. Niemand setzt sich hin und guckt bloß. Dabei ist der Wasserfall wirklich wunderschön. Es braust der Fluss vor seinen Schnellen, es brodelt die Gischt, es leuchten Regenbogen darin. Aber hat man sich solchen Orten nicht früher andächtig genähert, ihre Schönheit nach und nach in sich einsickern lassen, vielleicht bei einem Picknick? Im Wegfahren denke ich an den Film Apocalypse Now. Darin steigen zwei Männer einmal von ihrem Boot an Land, um Mangos zu pflücken. Ein Tiger erschrickt sie. „Niemals das Boot verlassen“ ist ihre Lehre; „Niemals den Arctic Coast Way verlassen“ sollte meine sein.
Die Halbinseln Flateyjarskagi und Tjörnes beruhigen mich wieder. In Húsavík nehme ich einen Anhalter mit, einen Franzosen aus Bordeaux. Sein Rucksack ist ziemlich klein, dafür trägt er eine extra Tasche mit sich, die wirkt schwer und klirrt. „Du hast nicht Wein von zu Hause mitgenommen, um hier trotz der Preise für Alkohol ein würdevolles Camperleben führen zu können?“, frage ich und meine es bewundernd. „Das ist billiger Wein“, sagt er, „aber wenn ich hier erzähle, ich käme aus Bordeaux und hätte diesen Wein dabei, dann halten ihn alle wegen meiner Herkunft sofort für gute Qualität. Ich tausche dann Flaschen gegen Schlafplätze oder ein Essen, wenn es gut ist.“ Wieder doof, aus Kiel zu kommen. Nichts zu exportieren außer Rapsöl.
In der Ásbyrgi-Schlucht zelte ich, auf einem Campingplatz. Freies Campen wie im übrigen Skandinavien ist auf Island nur noch in wenigen Gegenden erlaubt, dafür waren wir irgendwann zu viele, die Flechten zertraten und wild in die Landschaft defäzierten. Am Ende der Schlucht liegt ein Teich, Enten schwimmen darin, einer der zauberhaftesten Orte, die ich je gesehen habe. Ein Paar kommt dazu. Wir schweigen, staunen. Immer wieder ist ein Flappen zu hören. Die Frau fragt mich, ob ich wisse, welcher Vogel dieses Geräusch mache, sie findet es unheimlich. Das ist die Bekassine, eine Schnepfenart, sage ich, dieses Flappen entsteht beim Balzen im Sturzflug, wenn der Vogel die Steuerflügel aufstellt.
Ist mir selbst peinlich, diese Klugscheißerei. Jetzt fällt mir auch das Odinshühnchen von Skagi wieder ein. Ich hatte es nie mit der Ornithologie. Mein Vater aber, und er versuchte lange, mir sein Wissen weiterzugeben, ob ich wollte oder nicht. Ich hielt es für erfolgreich versenkt. Diese Route holt es offenbar in Bruchstücken wieder hervor.
Zelten ist toll. Aber was macht man, wenn es zu kalt ist, um abends lange malerisch vor dem Lager zu hocken? Ich stehe wieder auf und fahre gegen Mitternacht, taghell, hinunter zum Dettifoss-Wasserfall. Es ist bildschön, nur ein paar Leute, langes Stehen und Staunen über die Macht des Wassers.

Melrakkaslétta fasst mir alles zusammen. Es ist die letzte der Halbinseln auf meiner Strecke. Sie ist die leerste, die kargste, die abweisendste, nirgends zieht der Wagen eine längere Staubfahne hinter sich her. Blaue Schilder weisen entlang von Islands Nebenstraßen auf nahe Gehöfte hin. Werden die Gehöfte aufgegeben, bleiben ihre Namen stehen, aber das Gehöft-Symbol wird mit einem X durcíhkreuzt. Nirgendwo sehe ich so viele X auf den Schildern wie auf Melrakkaslétta. Der ewige Wind und die Kälte, die schroffen Steine, das Gefühl des Ausgesetztseins: Man muss nicht lange fahren, um zu verstehen, dass Aufgeben manchmal die vernünftigste Option ist.


Vorm Leuchtturm Hraunhafnartangi parke ich und gehe das letzte Stück zu Fuß. Ob der Turm am nördlichsten Punkt Islands steht, ist umstritten, aber egal, ein Fleck ist hier so weit draußen wie der andere. Der Weg ist voller Treibgut. Rostige Ölfässer, eine Ninja-Turtle-Socke, blank gewaschene Stämme aus Sibirien. Und ein dickes Bündel Fischernetz, schöne Farbe, tolle Maschengröße. Ich hebe das Paket an, etwa 20 Kilo, und gehe weiter. Aus dem Netz könnte man wundervolle Dinge basteln. Einkaufstaschen, Wanddeko, Schlüsselanhänger mit dem Hinweis „vom nördlichsten Strand Islands“. Ich wittere Bastelspaß, Kunstsinn, Verkaufserfolg. Garantiert ließe sich ein Business draus machen, dann käme ich ständig zurück und könnte Leere atmen, wann immer ich will.
Als ich wieder beim Netz bin, steht dort ein junges Camperbus-Pärchen. Ob ich ein Messer hätte. Habe ich, kriegen sie. Ich denke an einen Splitter im Finger, an eine verhedderte Anorakkordel. Und dann schnippeln sie mein Netz entzwei, und jeder trägt eine Hälfte weg. Doch schon zu voll auf dem Arctic Coast Way?


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