Chapeau!

(Schafhirten, Schauspieler und Intellektuelle haben sie getragen. Auch unser Autor will schon lange eine Baskenmütze. Aber natürlich nur das Original. Eine Pilgerreise nach Südfrankreich. Aus der ZEIT Nr. 47/2020)

Tief in den Pyrenäen bilde ich mir kurz ein, ich wäre angekommen, metaphysisch betrachtet. Von der Passstraße zum Col d’Aubisque schaue ich hinunter auf das Land, aus dem ich heraufgewandert bin. Auf meinem Kopf ruht die nagelneue Baskenmütze. Jeder, der mich so sieht, muss mich für einen echten Franzosen halten, zutiefst durchdrungen vom Land und seinen Bräuchen und an der entscheidenden Stelle gekleidet wie seine Menschen. In dieser Stimmung erreiche ich einen Pferch neben der Straße. Dort scheren ein halbes Dutzend Männer und eine Frau Schafe. Einige der Männer tragen Schnurrbärte, ausladend wie in Asterix-Büchern, drei von ihnen Baskenmützen. In einer Pause nimmt einer der Männer seine ab, wedelt mit ihr herum beim Sprechgestikulieren, fährt sich damit übers Gesicht und platziert sie wieder auf dem Kopf. Er legt sie dort mehr ab, als dass er sie aufsetzt, so beiläufig macht er das; und trotzdem sitzt das Ding perfekt. Ich denke an meine eigene Filzkappe, noch frei von Knicken und Patina. Und auf einmal beschleicht mich der Verdacht, dass ich doch noch einen weiten Weg vor mir haben könnte bis zu original schafhirtiger Nonchalance.

Eine Baskenmütze wollte ich schon lange haben. Bei der Bundeswehr trug ich gern das Barett. Seinen Ahn, die Baskenmütze, hatte ich schon davor im Kopf – wahrscheinlich ein Wunsch nach einem Hauch Eleganz und französischer Leichtigkeit. Aber ich ahnte immer: Wenn ich sie in einem deutschen Hutgeschäft kaufte, würde sie sich nur aufgesetzt anfühlen, ich käme mir damit vor wie ein Mann aus einer Werbung für französische Produkte. Und deshalb würde die Mütze bald im Schrank landen. Also hatte ich die Idee, mir die Mütze dort zu erwandern, wo sie herkommt, so kann unterwegs viel Südfrankreich in mich einsickern.

Im Frühherbst dieses Jahres, vor den neuen Ausgangsbeschränkungen, mache ich mich auf den Weg. Um mir selbst die spirituelle Tragweite meiner Mission zu vergegenwärtigen, marschiere ich zwei Wochen größtenteils entlang der Via Tolosana, die von Arles über Montpellier und Toulouse an die spanische Grenze führt, ein Zubringer zum Jakobsweg. Ich trage einen Pilgerstab und einen Rucksack mit daran baumelnder Jakobsmuschel, damit jeder sieht, dass ich wichtige Gründe habe. Schlafen werde ich in Herbergen oder meinem Zelt.

Mein Ziel ist klar, leider, denn es gibt nur noch einen Baskenmützen-Fabrikanten im Land: Laulhère in Oloron-Sainte-Marie im Département Pyrénées-Atlantiques. Mein Startpunkt ist Carcassonne: Die Festungsmauern der Altstadt sah ich vor Jahren im Vorbeifahren in der Sonne leuchten und dachte, dass es gut sein müsste, dort mal eine Reise zu beginnen. Und es ist noch viel besser als gedacht, mit einer Tüte Chocolatines und einem Becher Kaffee die aufgehende Sonne über die uralten Sandsteinquader wandern zu sehen. In der Basilika St-Nazaire-St-Celse ordnet eine Nonne Flyer. Ich zünde eine Kerze an und setze mich auf eine Bank. Der weiße Schäferhund der Nonne kommt und lässt sich kraulen, und ich weiß nicht, ob ich eine Reise schon mal in solcher Ruhe begann. „Bon chemin“, sagt die Nonne, als ich mich aufraffe, „Guten Weg“, und dass ich ihren Hund leider nicht mitnehmen dürfe.

Unterwegs sehe ich zuerst weit rechts noch die Ausläufer der Cevennen, dann wird es weitgehend flach, ich finde meinen Rhythmus. Die Werbung lügt übrigens: Franzosen tragen gar nicht alle Baskenmütze, die erste sehe ich nach 100 Kilometern in Toulouse, auf dem Haupt eines jungen Mannes, der vor einem Café in seinen Laptop starrt. Er hat sie in den Nacken gezogen, sodass sie vorn mit dem Haaransatz abschließt und die Stirn frei lässt. Signalisiert vielleicht Offenheit, das Gesicht so unbeschattet zu zeigen, oder Sensibilität; es wäre aber nicht meine bevorzugte Tragevariante, dass kann ich schon mal sagen.

Auf dem Weg hinaus aus der Stadt sind von erhöhten Punkten die Konturen erster Bergketten im Westen zu sehen. Ich erreiche das Département Gers und wandere auf die Stadt Auch zu. Die Landschaft rollt ruhig, kraftvoll und irgendwie entrückt. Aber dass mir das so vorkommt, kann auch daran liegen, dass dieser Pilgerweg viel auf Seitenstraßen verläuft, auf Pfaden oder querfeldein: Alles scheint hier zu wachsen, Weizen und Mais, Wein, Äpfel, Feigen, Sonnenblumen. Ich komme durch viele Dörfer. Und da gibt es ja diese romantische Idee, die ärgste Mittagshitze zu meiden, indem man auf einem Dorfplatz im Schatten vor einem Bistro Siesta hält, Wein schlürft, im Ohr das Klacken von Pétanque-Kugeln. Das klappt eher nicht. Ich passiere Dorf um Dorf, und es gibt nichts, kein Café, keinen Laden, keine Tankstelle und nur wenige Menschen.

Die wenigen sind dafür umso entzückender. Auf einer Nebenstraße kommt mir eine Frau im Auto entgegen. Sie stoppt und fragt: „Sind Sie Pilger, mein Herr?“ Bin ich. Ob ich genug Wasser habe, sonst würde sie welches von zu Hause holen. Vielen Dank, reicht noch. „Einen sehr guten Tag, mein Herr.“ Und: „Bon chemin.“ Ein Lieferwagen bremst, der Fahrer fragt: „Bist du Pilger?“ Jupp. „Habe ich auch gemacht, den Weg. Mal weg von allem. Hast du Hunger? Ich hatte immer Hunger.“ Er reicht mir eine Tüte Pfirsiche. Auf ähnliche Weise komme ich zu Birnen, Stullen, Käse, Tomaten. Dazu immer dieses unfassbar wohlmeinende „Bon chemin“, zwei Wörter wie eine kurze Umarmung; so nah, wie man Fremden in diesen Zeiten risikofrei kommen kann.

Der letzte Baskenmützenhersteller

Solcherart getragen, kämpfe ich mich bei Castelnau-Barbarens einen Anstieg hoch. Zwischendurch fluche ich auf die Scheißhitze, die Scheißstraße, den Scheißrucksack und meine Scheißidee, so Urlaub zu machen. Das hält aber nie lange an. Oben verläuft die Straße auf einer Hügelkette. Der Wind dort weht warm und trocknet meinen Schweiß. Ich schaue weit ins Land und fühle mich grandios frei. Ich war oft in Frankreich, aber so hinreißend ist es mir noch nie vorgekommen. Hat Corona das Reisen so kostbar gemacht? Oder liegt es daran, dass ich mich zu Fuß so langsam bewege?

Nur Baskenmützen habe ich seit der einen in Toulouse keine gesehen. Haben die Franzosen den Sinn für Tradition verloren? Nach der Stadt Auch schwenke ich Richtung Süden. Das Vorgebirge rückt näher, und in den Lücken zwischen seinen Erhebungen ragen die schroffen Gipfel der Pyrenäen auf. Ich bin noch nicht im Baskenland, das der Kappe ihren Namen gab, aber im Département Béarn, aus dem sie stammt.

In Lourdes sehe ich auf dem Platz vor der Kathedrale zwei Baskenmützen, zwei alte Herren kombinieren sie zu schwarzen Anzügen. Sie tragen sie gerade, knapp über Ohren und Augenbrauen, den Stoff gleichmäßig verteilt, nicht so keck militärbarettmäßig zur Schläfe heruntergezogen, wie es Che Guevara gern tat. So wie sie will ich meine auch tragen, schnickschnackfrei.

Vor einer Bar sitzt die nächste Baskenmütze auf dem Kopf eines Priesters in Soutane vor einem Bier und einem Cognac-Glas. Mit den vielen Hotels, Restaurants, Bars, Devotionalienläden und den breiten Wegen um die Kathedrale ist Lourdes eingerichtet, Menschen sonder Zahl zu beherbergen und zu den heiligen Stätten zu schleusen. Gemessen an der Infrastruktur ist nun kaum jemand da. Ich bin nicht nur nicht katholisch, sondern eher gar nicht gläubig, trotzdem ist die Abendmesse großartig. In der Grotte am Fluss Gave de Pau, zum Wasser hin offen, wo die Muttergottes der heiligen Bernadette erschienen sein soll, stehen Priester und sprechen das Ave Maria in vielen Sprachen, davor Gläubige und Besucher. Eine Nonne singt zum Steinerweichen rein und erfüllt. Die Türme und Zinnen der Kathedrale, die auf dem Felsen über der Grotte thront, strecken sich in den Abendhimmel. Als Teil der Messe zieht die Gemeinde mit Kerzen den Fluss hinunter, quert ihn auf einer Brücke und kommt über eine zweite zurück, und da bilde auch ich mir ein, Friede und Hoffnung lägen in der Luft.

Von Lourdes ist es eine Tagesetappe nach Nay; dort gibt es ein Geschäft des letzten Baskenmützenherstellers Laulhère. Das zugehörige Museum zeigt Maschinen, die man zur Herstellung braucht, an einer Wand hängen Bilder von Prominenten mit Baskenmütze, Brad Pitt, Marlene Dietrich, Madonna. Der Laden selbst ist klein; um flache Wollmützen zu verkaufen, braucht man keine Hallen. Es gibt Mützen in Rot, in Hellblau, mit aufgestickten Blumen. Ich frage nach einem klassischen Modell aus der Linie Héritage, wie es auch Hirten tragen, in Dunkelblau, Größe 60. Das ist ein aufregender Handschweißmoment; so lange habe ich auf die Mütze gewartet und bin über 300 Kilometer darauf zugewandert. Auch aus der Nähe bin ich hin und weg von der Haptik der weichen, doch festen Wolle und der Handarbeitsoptik. Fühlt sich aufgesetzt genauso grandios an. Mein Spiegelbild sieht so gut aus, die Verkäuferinnen könnten ruhig mehr durchdrehen vor Begeisterung, denke ich kurz. Ich helfe mit dem Kauf ja auch, französische Traditionen zu bewahren, wenn es die Franzosen schon nicht geschlossen selbst tun. Es gibt aber keinen Rabatt.

Ich wandere weiter, nun bemützt. In Oloron, wo Laulhère seine Produktionsstätte hat, besuche ich die Kathedrale und lasse meinen Pilgerpass stempeln. So gewappnet, erbettele ich mir in einem schmucklosen Gewerbegebiet im Werk von Laulhère eine Führung. 700 Meter Merinowollfaden gehen in eine Mütze, sagt Mark Sanders, Marketing- und Vertriebschef: „Und wenn Sie mit einem Fernglas auf die Hänge dort drüben schauen würden, könnten Sie die Schafe sehen, deren Wolle bei uns landet.“ Höflich habe ich meine Mütze abgenommen und streichle bei diesen Worten klammheimlich verliebt über ihren Stoff. Eine Viertelmillion Mützen produziert Laulhère jährlich. Viele gehen als Barett ans Militär, auch im Ausland. Die könnten viel billiger einkaufen in China und Indien. „Aber wenn wir Glück haben, besuchen uns die Einkäufer vorher. Dann zeige ich ihnen, wie viel Handarbeit, Erfahrung und Tradition in unseren Produkten stecken“, sagt Sanders. In einer Kiste liegt ein Stapel Rohlinge, ungefärbt, familienpizzagroß und eher grobmaschig. In einer Halle laufen riesige Waschmaschinen. Darin werden die Rohlinge heiß gewaschen, bis sie zu Filz schrumpfen und wasserfest sind. Wann die Mützen herausgeholt werden müssen, damit sie nicht zu stark schrumpfen, das kann kein Sensor messen, das weiß nur der Waschmeister, sagt Sanders.

Die Alltags- und die Feiertagsmütze

In einer anderen Halle sitzen Frauen, einige nähen das Lederband, mit dem die Kappen eingefasst sind, auf den Filz, andere das Logo des Herstellers in die Mützen. Eine Frau untersucht jedes Exemplar mit einer extrastarken Lampe und einer Lupe auf Fehler. Kleine Wollunregelmäßigkeiten rasiert sie mit einem Handrasierer weg, bei größeren wird das Stück brutal aussortiert. 76 Euro habe ich für meine Mütze bezahlt, ich würde längst auch mehr hinlegen.

Ab dem späten 19. Jahrhundert wurden die Mützen in dieser Gegend beliebt, zwischenzeitlich gab es bis zu 20 Hersteller, erzählt Sanders, doch nur Laulhère sei geblieben. Dann sagt er: „Eine Burg besetzt eine strategisch wichtige Position. Wer in der Burg sitzt und sie verteidigt, ist nicht entscheidend. Laulhère ist so eine Burg. Wer weiß, wer in 20 Jahren über Laulhère bestimmt. Aber wir werden unsere Nische besetzt halten.“ Keine Ahnung, ob ich verstehe, worüber die da wachen, aber ich mag martialische Sätze.

Weil Baskenmützen und ihre Vorläufer von Hirten erfunden wurden, gehe ich tiefer ins Gebirge, um meine Mütze noch mehr mit diesem Hirtengeist zu imprägnieren. Unterwegs zum Col du Soulor kommt mir eine Herde Schafe entgegen, getrieben von drei jungen Männern. Selbst aus der Entfernung sieht man, wie verwittert ihre Mützen sind. Zwei Stück hat jeder Hirte, hat Sanders gesagt, eine für den Alltag, eine für Sonntage und Feste. Nach einem Jahr ist die Alltagsmütze entsorgungsfällig. Dann wird die Feiertagsmütze zur Alltagsmütze, und für die feierlichen Momente muss eine Neue her.

Das Panorama oben auf dem Col du Soulor ist der Hammer. Immer wuchtigere Gipfel fächern sich auf. Ich ziehe meine Mütze tiefer, verwegener, selbstverständlicher ins Gesicht und stütze mich auf meinen Pilgerstock, wie ich es bei Hirten gesehen habe. Das Licht im Gers und die vielen Kilometer zu Fuß, das sonnensüße Obst und der kräuterige Käse, das breite, gemütliche Französisch, die vielen „Bon chemins“, all die Kirchen und die Gläser Jurançon-Weines kommen jetzt zusammen. Ein Black-Hawk-Hubschrauber der französischen Armee fliegt gen Südosten, ich fühle mich hier und im Moment. Ein Hobbyrennradfahrer hält und fragt, ob er ein Foto machen kann. Alles erreicht, denke ich, der hält dich für einen Franzosen. Aber nee, ich habe ihn falsch verstanden; ich soll ihn fotografieren, vor dem Schild mit dem Namen des Passes.

Nachdenklich ziehe ich weiter. Bis ich kurz vor dem Col d’Aubisque auf die Schafscherer stoße. Und da ist klar: Ich bräuchte noch viel, viel Zeit, um so fröhlich, viril und leicht zu werden wie sie.

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