(Mit zwei Halbwüchsigen nach Santiago de Compostela! 25 Kilometer pilgern am Tag. Wenn alles, was weh tut, vergessen ist, gibt es kaum etwas Gemütlicheres – findet Bjørn Erik Sass. Aus der ZEIT Nr. 22/2012 24. Mai 2012)
Gleich unsere erste Krise zeigt uns, dass man mit Hass und Trotz doch weiterkommt im Leben. Da sind meine beiden Mitwanderer und ich seit zwei Stunden unterwegs. Die Sonne brennt, die Straße windet sich schier endlos hügelan, die Rucksäcke drücken. Stiefel schlurfen, Schultern sacken immer weiter nach unten, ich rieche schlechte Laune. Er schlägt mit seinem Stock gegen Bäume und Zäune, sie stellt zum ersten Mal die böse Stiefmutter aller Wanderferienfragen und kommt vom Schleichen zum Stehen: „Wie weit ist es noch?“ Ich rechne: Zwei Stunden bei diesem Tempo machen noch keine acht Kilometer. Damit fehlen noch 15 Kilometer zum Tagesziel und über hundert nach Santiago de Compostela . Das denke ich still. Und mir wird ein wenig mulmig bei diesen Zahlen.

Ich bin nicht gläubig, aber neugierig; und meine Kinder waren noch nie richtig wandern. Also beschloss ich, mit Emma, 12, und Matti, 15, in fünf Tagesetappen die letzten 112 Kilometer des Jakobsweges zu gehen. So ein „Jawohl-wir-schaffen-es-zusammen“-Gefühl versprach ich mir von dieser Familienpilgerei, vielleicht sogar spirituelle Erlebnisse und ganz womöglich, dass die Beiden etwas über christliche Kultur lernten.
Meine offiziellen Argumente waren andere: Beim Pilgern, schwärmte ich vor der Reise, bekämen wir viel frische Luft. Hätten ein Gemeinschaftserlebnis, auf das wir noch in vielen Jahren zufrieden zurückschauen würden. Und der Knüller zum Schluss: Sollten wir Santiago wirklich zu Fuß erreichen, wären auch noch alle unsere Sünden getilgt. Mit richtiger Urkunde, der Compostela .
Nun aber stehen wir hier und kriseln, und ich denke nichts Spirituelles, ich überlege: Wie kriege ich meine Leute wieder in die Gänge? Und: Warum haben wir keinen Badeurlaub gemacht? Mein Blick geht in die galicische Berglandschaft. Mattis Blick geht zum Baum gegenüber. An dem kann man ablesen, dass der Jakobsweg nicht nur ein Weg der Erlösung, sondern auch der Versuchung ist, aber vielleicht gehört das eh zusammen: Alle paar Hundert Meter haben Taxifahrer aus den umliegenden Dörfern ihre Telefonnummern an Bäume geklebt, damit sich die Fußmüden und Willensschwachen einsammeln lassen können. Matti sieht erst seine Schwester an, dann mich: „Wir würden uns auch dran beteiligen.“

Andere Wanderer ziehen vorbei, und wirklich jeder sagt „buon camino“ . Die meinen das alle ganz freundlich, aber wir sind gerade nicht in der Stimmung für Heiterkeit und aufmunternde Worte. „Scheißanstrengender camino“, murmelt Matti. Ich fühle meine Etappenziele zerbröseln. Und gerade da kommt er, ein Landsmann mit Begleiterin. Hat gehört, dass wir Deutsch sprechen und bleibt kurz stehen. „Na, schlapp gemacht, die Kleinen?“ Nee, wir genießen nur kurz dieses sagenhafte Panorama und hören zu, wie der Wind in den Blättern der Eukalyptusbäume raschelt. Dass die hier wachsen, damit rechnet man ja gar nicht. „Die Reise nicht richtig geplant, was? Sonst wären die Kinder vernünftig trainiert. So kommen Sie mit denen nie bis Santiago. Schaffen die gar nicht.“ Er lacht herzhaft, marschiert weiter, und ich merke, dass sein pädagogischer Ansatz viel besser funktioniert als meine Wanderfibel-Weisheiten. „Idiot“, sagt Matti mit Zornesfalten auf der Stirn, und: „Jetzt müssen wir ankommen, damit der nicht recht hat!“ Emma gibt ihm High Five, sie stapfen los und reden darüber, welche Leute sie schon mal so doof gefunden hätten wie den Kerl eben und was doofen Leuten wegen ihres schlechten Karmas alles passieren könne. Klingen richtig fröhlich dabei.

Endlich haben wir es wieder hübsch auf unserem Weg. Wenig später stoppt vor uns eine Gruppe junger spanischer Wanderer. Sie tragen wie wir die klassischen Pilger-Erkennungszeichen, am Rucksack die Jakobsmuschel, dazu Holzwanderstöcke mit Eisenspitzen. Die Stöcke halten sie nun unbeholfen vor sich, als wollten sie angreifende Maurenscharen abwehren, wüssten aber selbst, wie es um ihre Chancen wirklich bestellt ist. Vor ihnen auf dem Weg stehen ein paar Kühe. Matti und Emma gehen quer durch die Herde. „Warum sind die Menschen nicht weitergegangen? Darf man Kühe hier nicht stören, wie in Indien?“, fragt Emma ihren Bruder. „Nee“, sagt der, „die hatten Schiss.“
Wenn wir nun schon gelernt haben, dass persönliche Krisen überwunden werden können, so merken wir auch bald: Das nächste Tief kommt bestimmt. Manchmal dräut es peu à peu auf, dann kann ich zusehen, wie einem der beiden langsam der Akku leerläuft; dann wieder ist es, als hätte jemand direkt den Stecker gezogen. Aber seit dem ersten Tag ahnen die Kinder zumindest, dass Müdigkeit genauso ist wie eine Fünf in Mathe: Das geht vorbei.
Mit dieser einsetzenden Wandergelassenheit nehmen wir, was kommt, und leiden immer leiser. Sitzt einmal der Rucksack unangenehm, rutscht als Nächstes ständig die Hose. War es am ersten Tag zu heiß, regnet es an den nächsten Tagen zu viel. Dann setzen wir und die anderen Pilger mit unseren Regenklamotten die Farbtupfer im grauen Galicien.


Unser Weg führt durch Wälder und kleine Orte mit feldsteinernen Häusern und Dächern aus Schieferplatten. Das sind noch richtige Bauerndörfer mit Äckern und Koppeln gleich neben den Höfen, und in fast jedem steht eine Kapelle. Bei den ersten frage ich mich: Müssten wir nicht innehalten und irgendwie besinnlich werden, wenn wir schon nicht wissen, wie und wofür und warum man betet? Sonst klappt das ja nie mit der Erleuchtung.
Die Kurzen sehen die Sache pragmatischer. Emma überlegt, wie viele Menschen hier wohl schon langgegangen sind. „Über tausend“, schätzt sie. „Millionen“, sagt Matti. „Und früher gab’s sicher mehr Pilger, weil man keinen Urlaub hatte“, sagt Emma, „bestimmt sind manche nur pilgern gegangen, weil sie sonst gar nicht verreisen konnten.“
In einem Dorf steht ein alter Mann unter dem Vordach seines Hauses. Er sagt viel, ich höre nur heraus: „Llueve mucho en Galicia!“ Matti antwortet mit dem einzigen Satz, den er auf Spanisch weiß: „Los caminos del Señor son infinitos.“ Die Wege des Herrn sind unendlich. Der alte Mann nickt, was soll man dazu sonst auch sagen. Matti kennt den Satz aus dem Drogenschmuggel-Film Traffic , da sagt ihn ein korrupter General. Hier wirken wir damit garantiert schick christlich beseelt.
Allmählich entspanne ich mich. Vielleicht sollte man sich bei der Pilgerei spirituell gar nicht so stressen. Ich sehe auch keinen anderen Wanderer beten oder in der Bibel lesen oder was man sonst so machen könnte.


Jetzt im Frühling ist es hier nicht übervölkert, allein müssen wir uns aber auch nicht fühlen. Wenn wir uns mal fragen, wo es langgeht, dann warten wir ein paar Minuten und dackeln den Nächsten hinterher. Viele kennen wir vom zweiten Tag an vom Sehen. Da ist der humpelnde Japaner mit dem verbundenen Knie. Matti macht sich Sorgen um ihn, aber so heiter, wie der Mann vor sich hinsummt und uns Schokolade anbietet, wird der schon seinen Weg gehen. Dann gibt es einen jungen Amerikaner. Der beeindruckt vor allem Emma. Denn erstens hat er einen Vollbart, das gefällt ihr schon mal sehr gut. Dazu ist dieser Mann äußerst stilvoll gekleidet mit einer altmodischen Wollhose, schweren Stiefeln, einem Filzhut mit Federn am Kronenband und einem richtigen Hemd, nicht mit Trekking-Fähnchen wie wir. Er schreitet so frisch aus und wirkt durch und durch positiv eingestellt, so muss John-Boy Walton aussehen, wenn er wandern geht.
Zu unseren engsten Camino-Bekannten gehören auch die beiden dicken Frauen. Matti beobachtet sie eine Weile und sagt: „Wir müssen auf jeden Fall vor denen in Santiago ankommen!“ Ich weiß, ich müsste ihn tadeln wegen seiner unangemessenen Genderpolitik. Aber ich bin jetzt mal egoistisch: Wenn ihm das hilft, habe ich es auch leichter, dann ist da vielleicht ein Läunchen weniger, das ich versuchen muss, seidenweich verständnisvoll aus dem Kindergemüt wegzuzaubern. Und wenn wir Santiago tatsächlich erreichen sollten, dann wird uns ja auch auf Machismo der Ablass erteilt.

Seit dem Morgen in Arzúa kennen wir dann noch den Sänger: Das Dorf durchströmt ein kleiner Fluss, über den eine alte, steinerne Brücke führt. Auf der anderen Seite steht eine besonders schöne Pilgerherberge. Hinter uns kam jemand singend heran, es klang nach klassischen spanischen Volksliebesliedern. Aus einem Fenster im ersten Stock lehnte eine Frau und schüttelte einen Teppich aus. Der Sänger, bestimmt 70 Jahre alt, hielt neben uns auf der Brücke, breitete die Arme aus und schmetterte der Frau mit solcher Inbrunst und solchem Tremolo seine Liebe entgegen – sie musste ihren Teppich zur Seite legen. Sie stützte die Unterarme auf das Fenstersims und legte den Kopf in die Hände. Ganz ehrlich, das ganze Tal seufzte, und wir waren vollkommen hin und weg. „Oper“, sagte Matti. „Als wenn er die Frau gekannt hat“, sagte Emma.
Mal überholen wir also den Sänger, mal die beiden dicken Frauen, dann sie wieder uns. Wenn wir ein paar Stunden lang niemanden sehen und Hunde, Ziegen oder Pferde nicht spannend genug sind, verkürzen sich die Kinder die Kilometer mit Gedankenspielen. Das finde ich toll, denn zur Auseinandersetzung mit dem Geistigen sind wir ja schließlich hier. Am beliebtesten ist das „Würdest du“-Spiel: „Matti, würdest du für zehn Euro aus der Pfütze trinken?“ – „Wie viel trinken?“ – „Einen Schluck!“ – „Wie groß müsste der Schluck sein?“ Das Schöne an diesem Spiel ist: Es kann unendlich fortgesetzt werden, niemand fragt mich, ob ich mitmachen will, und wenn sie so quasseln und kichern und nichts Neues wehtut und alles, was schon seit gestern wehtut, vergessen ist, fällt mir nichts Gemütlicheres ein, als mit den beiden Kurzen hier unterwegs zu sein.

Das geht gut, bis sie hungrig werden. Ursprünglich hatte ich die Idee, diese Reise auch zu einer körperlich asketischen Erfahrung zu machen, damit wir uns ganz auf den Geist konzentrieren könnten. Frühstück, mittags Brot und Käse, abends eine Suppe und dazwischen bei äußerster Entkräftung einige Nüsse, trinken würden wir nur Wasser. Dieses Konzept hat sich in unserer Gruppe als nicht mehrheitsfähig erwiesen. Also futtern wir mehr oder weniger ständig. Schokoladencroissants, galicischen Zitronenkuchen, Schinkensandwiches und am Abend dreigängige Menüs. Die heißen Pilgermenüs und kosten acht, neun, höchstens zehn Euro. Für wenig mehr könnte man wahrscheinlich richtig lecker essen, aber „Pilgermenü“ klingt einfach so schön nach entsagungsreichem Tagwerk und demutsvoller Stärkung.

Auf diesem letzten Stück des Jakobswegs ist man selten länger als eine halbe Stunde ohne Chance auf Einkehr unterwegs. Selbst wenn wir die mal nicht zum Essen nutzen, halten wir meistens: Denn an den Verpflegungsstationen gibt es die Stempel in unsere Pilgerbriefe. Um in Santiago die offizielle Urkunde zu bekommen, müssen wir für die letzten hundert Kilometer mindestens zwei Stempel pro Tag nachweisen können. Matti und Emma zeigen sich darin ausgesprochen ehrgeizig. Es gibt Tage, da haben wir schon vor der Mittagspause ein Dutzend Stempel, als sicherte uns das auch für spätere Wiedergeburten den Sündenablass.
Konsequent sind wir bei den Übernachtungen. Von der ersten Nacht an schlafen wir ausschließlich in Pilgerherbergen. In Castañeda nahmen wir eine private, da hatten wir ein ganzes Zimmer nur für uns. Mit Bettwäsche. Die Mühsal des Tages wuschen wir in einem kuscheligen, zitronenfrischen Badezimmer von uns ab. Später saßen wir in der kleinen Gaststätte der Herberge, umgeben von netten Leuten, es war warm, wir waren satt. Als Christen hätten wir sicher ein dankbares Gebet nach oben geschickt; wir nannten es nicht „beten“, aber machten und fühlten im Grunde doch dasselbe. Im Fernseher an der Wand lief erst eine spanische Soap-Opera, dann kamen die Nachrichten. Da gab es Schauspielerinnen, Nachrichtensprecherinnen, Wetterfeen, eine idealspanischer als die andere. Matti dachte lange nach und fragte: „Ist Galicien anders als der Rest von Spanien?“ Ich sagte, wie viele Teile des Landes pflegte auch Galicien einen Stolz auf seine Eigenarten. Das meinte er nicht. „Wenn man die Frauen im Fernsehen anschaut, ahnt man, woher das mit Penélope Cruz kommt. Davon merkt man hier in Galicien aber leider nichts.“

Am Abend vor unserer Schlussetappe landen wir in Arca. Wie immer fragen wir bei der ersten Gelegenheit nach einem Bett. Bloß nicht so lange herumlaufen und was Hübscheres suchen, bis am Ende alles belegt ist. Die Herberge in Arca ist ein großer Bau, der von außen neu aussieht und von innen nicht. Hinter einem Resopaltisch sitzt die Leiterin dieser Gemeindeeinrichtung. Vor ihr liegt eine Liste, ihr Blick richtet sich inquisitionsstreng auf mich. „Haben Sie bitte noch drei Betten frei?“ – „Reisepass und Pilgerausweis!“ Die Bettwäsche, die wir hier bekommen, ist ein dünner Gazestoff, den man über die Plastikmatratze zieht. Ungefähr 40 Leute sind wir in dem verwinkelten Schlafsaal. Die Badezimmertüren stehen meist offen. Es riecht nicht so, wie wir es schön finden, und es ist auch nicht so ruhig, wie wir es gern mögen. Matti beantragt die Regierungsgewalt für den nächsten Morgen. Haben wir reihum, und er ist morgen tatsächlich dran. „Wir stehen um fünf auf“, sagt er, „dann sind wir zur Mittagsmesse in Santiago.“ 18 Kilometer haben wir noch vor uns, seine Rechnung kann also wirklich aufgehen. Finde ich natürlich toll, dass Matti nun in diesen kernigen Wanderrhythmus gefunden hat. Später wird er zugeben, dass er nur wegwollte, weil er die Duschen eklig fand.


Und dann sitzen wir tatsächlich pünktlich zur Mittagsmesse in der Kathedrale von Santiago. Die kann man gar nicht anders als umwerfend finden, aber nach den vielen Kilometern, nach Regen und Hitze, Schweiß und Tränen strahlt uns ihr Glanz noch ein bisschen heller an. Eine Nonne singt so hinreißend rein und beseelt, dass ich denke, die schönsten Seiten der Religion sind die, die man nicht nur glauben muss, sondern auch erfahren darf. Wir haben da draußen jedenfalls erfahren, dass tote Punkte spätestens im Nachhinein nur ein kurzer Moment des Schmerzes sind. Und selten waren wir uns im Alltag so dicht wie hier.

Das spannendste spirituelle Erlebnis der Kinder? „Matti hat einen nackten Mann geküsst“, sagt Emma. In der Kathedrale steht eine Statue des heiligen Jakobus, den küssen alle Pilger zum Abschluss. Emma legt ihren Kopf auf meinen Schoß. „Katholisch ist langweilig“, sagt sie und schläft ein. Matti sagt, dass er in den Sommerferien wieder pilgern gehen will.
In der Menge ringsum entdecke ich den humpelnden Japaner, die dicken Frauen, Emmas Amerikaner. Auf der Bank vor uns sitzt tatsächlich unser Krisendeutscher. Er hat Stiefel und Socken ausgezogen; seine rechte Ferse sieht gar nicht gut aus. Zwei Blasenpflaster kleben schon halb übereinander, nun versucht er noch ein drittes unterzukriegen. Er beachtet uns nicht, aber ich weiß, dass Matti sich freut, dass er da ist.


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