Plön

(Ist es nicht egal, wo du Cowboy bist? Hauptsache, du bist Cowboy. Ein Ritt durch Schleswig-Holstein – statt Montana. Aus der ZEIT Nr. 33/2020)

Zwischen Ascheberg und Wahlstorf, am dritten Tag des Ritts, wird Schleswig-Holstein so unlieblich, wie es sommers geht. Aus Osten sind schwere Wolken heraufgezogen, direkt über uns entlädt sich ein Gewitter, und es schüttet und stürmt mit sensationeller Wucht. Die Felder und Waldstücke ringsum, eben noch hübsch grün, verschwimmen im Grau und im Wasser mit dem Himmel.

Anfangs bleiben wir stehen, die Pferde stellen sich mit den Hinterteilen in den Wind und lassen die Köpfe hängen. Als klar wird, dass es so schnell nicht aufhört, ziehen wir weiter. Erst zu Pferd – dann findet meine Begleiterin, wir sollten besser absteigen, um keine Blitze anzuziehen. Also führen wir die Tiere an den Zügeln. Es sickert durch den Filz meines Hutes, es fontänt beim Gehen aus den Nähten meiner Stiefel. Ich ziehe meine Handschuhe aus, und das nasse Leder hat meine Fingerkuppen braun gefärbt, als rauchte ich seit Jahrzehnten filterlose Selbstgedrehte. Meine Jeans wird so eng, dass ich o-beinig gehe wie ein altgedienter Pferdemann.

Das alles könnte man ungemütlich finden. Ich aber bin froh, dass wir uns nicht in einer Scheune unterstellen. Und ich könnte glatt singen vor Glück, mit den Pferden an der Seite der Natur so ausgesetzt zu sein und trotzdem weiterzuziehen, unbeirrt Richtung Westen. Mir wird so cowboyesk zumute, dass ich gern noch eine Rinderherde von einer Stampede abhalten würde, wenn nur eine da wäre. Für solche Montana-Erfahrungen bin ich nach Holstein aufgebrochen.

Ich wollte mein Leben lang Cowboy sein. Damit kann man ja viel verbinden. Manche wollen zum Feierabend nach der Rancharbeit lustig mit den Kumpels in die Stadt reiten, erst zum Kartenspielen und dann zu den Mädchen bei Rosie. Für mich ist ein Cowboy zuerst ein Mensch, der auf einem Pferd sitzt und viel auf andere Tiere und hinein ins Land schaut und darüber alles andere verwehen lässt. Leider besitze ich viele Cowboyhüte und -stiefel, jedoch kein Pferd. Darum wollte ich in diesem Sommer nach Montana reisen, eines mieten und vom Sattel aus auf Berge und Büffel gucken. Mit dem Virus zerstob diese Idee. Bis mir einfiel, dass die Sonne auch zu Hause untergeht, dass es auch in Schleswig-Holstein einen Westen gibt, in den man hineinreiten kann.

Fehlte nur noch ein Leihpferd. Bei der Suche half Britta. Sie ist Wanderreitführerin, kennt haufenweise Pferdeleute und ist ab jetzt mein Trail-Boss. Kurz war von einem Pferd der Karl-May-Festspiele die Rede, das hätte meinem Cowboystreben noch eine edelmütige Old-Shatterhand-Note gegeben. Stattdessen wurde es Vossi, ein Schleswiger Kaltblut – eine von nur noch 200 Zuchtstuten dieser Rasse, nicht groß, aber unfassbar breit und muskulös, dazu freundlich und gleichmütig. Ihre Eigentümerin brachte sie aus Nordfriesland zu meinem Startpunkt am Stocksee.

Vier Tage lang will ich auf Vossi eine Rundtour westlich des Großen Plöner Sees unternehmen, gute 50 Kilometer. In der idealen Cowboywelt wären wir dabei allein. Aber es sind Straßen und Dörfer zu queren mit diesem Pferd, das ich nicht kenne. Deshalb begleitet der Trail-Boss uns auf einem Isländer. Ich werde unterwegs im Zelt schlafen; Britta wird abends nach Hause fahren und morgens zurückkommen. Mein Gepäck wird von Haltepunkt zu Haltepunkt gefahren, sonst bräuchte ich auch noch ein Packpferd.

Die Prärie: ein Roggenfeld

Als Vossi zum ersten Mal aufgetrenst und gesattelt ist und vor der Sitzfläche eine Tasche mit Landkarte, Wasserflasche, Stullen und meinem alten kanadischen Armeekompass hängt, greife ich die Zügel am Sattelhorn. Ich stelle meinen linken Stiefel in den Steigbügel und bin so hin und weg davon, dass es endlich losgeht, dass ich für einen magischen Moment zu einem anderen Mann werde, zu Gene Autry, dem singenden Westernhelden. Und so intoniere ich: „I’m back in the saddle again, out where a friend is a friend, where the longhorn cattle feed on the lowly jimsonweed, back in the saddle again.“ Ich habe nämlich eine kaum steuerbare Neigung, klassische Westernsongs zu singen, wenn es mir gut geht. Mein Pferd versucht das einzuordnen und bewegt im Takt meines Gesangs die Ohren vor und zurück. Beseelt schwinge ich mich in den Sattel. Mühelos, weichhüftig, denkt der Gene Autry in mir.

„Beim nächsten Mal nicht ganz so schwer reinplumpsen lassen, ist nicht gut für den Pferderücken“, höre ich den Trail-Boss. Ihr kann ich mit meinem Cowboygetue natürlich nichts vormachen. Kann ich denn überhaupt reiten? Ich saß immer gern auf Pferden, gelernt habe ich es nie.

Gleich nach dem Start springt mich die Wildnis an: Unmittelbar vor uns kriecht eine Schlange über den Weg. Eine Blindschleiche nur, aber was für ein Omen für abenteuerliche Tage dort draußen! Die Landschaft öffnet sich; am Horizont ist Wald, davor eine weite, rollende Prärie. Man könnte auch schlicht „Roggenfeld“ sagen, aber es sieht wirklich toll aus, der Rand gesprenkelt mit roten Mohn- und blauen Kornblumen. Ich summe When the Flowers in Montana Are Blooming von Patsy Montana. „Sieht aus wie im Allgäu, finde ich immer“, sagt der Trail-Boss. Ich ignoriere das.

Wir biegen in einen Wald mit dem Märchennamen „Der Holm“. Auf der Karte erkennt man, dass er nicht unfassbar groß ist. Reitet man aber hinein, kommt er einem schnell riesig vor, so dicht und hoch wachsen die Buchen und Eichen auf dem hügeligen Grund. Von einem Ast löst sich ein Milan und fliegt zum Jagen hinaus in die Prärie. Wir kommen an einen kleinen Fluss. Neben einem Holzsteg für Fußgänger gibt es eine Furt für Reiter. Mein Trail-Boss lenkt den Isländer heran und hindurch.

Ich lenke mein Pferd ans Wasser, mehr passiert zunächst nicht. Ein paar Mal tasten wir uns voran, Vossi streckt ihren Kopf vor und beäugt das Wasser, traut sich aber nicht weiter. Oder hat keine Lust, sich die Füße nass zu machen. Da muss ich mich nun durchsetzen, so gern ich eigenwillige Pferde mag. Ich bringe Vossi am Furtufer in Stellung, lasse sie noch einmal Luft holen, gebe Schenkel- und Hackengas und dem Zügel Luft, und dieses starke, schwere Tier pflügt durch das Wasser wie auf Attacke. Der Fluss ist vielleicht sieben Meter breit. Fühlt sich aber an, als wären wir mindestens durch den Rio Bravo gejagt.

Danach ziehen wir durch den Nehmtener Forst. Ab und zu kommen uns Fußgänger entgegen. Dann versuche ich, Vossi auf die rechte Seite des Weges zu bugsieren. Ich versuche es so, wie man es beim Westernreiten macht, und ich versuche es so, wie man es beim Englischreiten macht. Das Pferd aber bleibt unbeirrbar in der Mitte des Weges. Das nagt an meinem Selbstbild. Zum Glück ist der Trail-Boss meist deutlich voraus und sieht meine Mühe nicht. Irgendwann traue ich mich doch, zu fragen, was ich falsch mache. „Vossi wird sonst viel als Kutschpferd eingesetzt“, sagt Britta: „Da ist sie es gewohnt, in der Mitte zu gehen, damit der Wagen genug Platz auf beiden Seiten hat.“ Das Pferd versucht also nur, seinen Job gut zu machen, und ich fuhrwerke ihm ahnungslos dazwischen. Ab jetzt lasse ich das möglichst. Lasse meine Montana-Fantasien fahren und versuche mich stattdessen mehr hineinzudenken in mein Tier. Begleitet von dem Klackern der Hufe und dem Knarzen des Sattelleders und dem gelegentlichen Schnauben des Pferdes, von seinem Geruch und dem Spiel seiner Muskeln merke ich, wie Vossi sich entspannt, und das entspannt mich auch. Bloß fühlt sich unsere Tour jetzt nach Ferien auf dem Immenhof an.

Zur Mittagszeit halten wir auf Gut Nehmten direkt am Plöner See. Breite Wege, riesige Scheunen und Ställe, eine spätfeudale Postkarte. Das Gut gehört immer noch einer adligen Familie, aber sie hat Untermieter. Im Herrenhaus zum Beispiel logiert ein Callcenter. Britta bringt mich nicht allein wegen des Sightseeings her, sondern auch, damit wir Pause machen. Wir können unsere Pferde ja schlecht unterwegs vor irgendeinem Café anbinden. Auf dem Gut hat sie uns beim Professor eingeladen. Der ist emeritiert, wohnt in einem der Nebenhäuser des Guts und kümmert sich um seine Kutschen und Pferde, mit denen er Ausfahrten anbietet. Der Professor schenkt uns in einem Stall einen sensationellen Rum aus. Ich atme das alte Holz ein und den Geruch vieler Generationen von Pferden, die in diesen Boxen lebten, während die Schwalben ein und aus fliegen.

Mir fällt ein, dass ich vor Jahren schon einmal auf diesem Gut war. Ich besuchte eine Freundin, die in der Nähe wohnte und ihr Pferd hier stehen hatte. Als sie in der Reithalle trainierte, zickte das Tier nachhaltig. Die Freundin ließ blitzschnell alles Freundliche fahren, bekam einen entschiedenen Gesichtsausdruck, und dann arbeitete sie sich mit dem Pferd durch die Halle, bis es erschöpft lammfromm ging und sogar so guckte. Das erzähle ich dem Professor und rechne mit einem „Hö-hö“. Er aber wird ganz still und ernst und sagt: „Das hätte ich nicht so gemacht. Ich hätte mich damit auseinandergesetzt, was den Unwillen in meinem Pferd auslöst. Sonst setzen sich leicht Muster fest, die dem Pferd nicht guttun.“ In der sanften Bestimmtheit, mit der er das sagt, steckt kein bisschen John Wayne. Ich finde es damit umso hinreißender.

Wir ziehen weiter am See entlang. Nur ein unbefestigter Weg säumt das Ufer, streckenweise sieht man immer wieder kein Haus, obwohl Plön gleich auf der anderen Seite liegt und ringsherum lauter andere Orte. Vom Pferd aus kommt mir dieses Land viel naturnäher vor als im Auto oder sogar mit dem Fahrrad. Für die Nacht quartieren wir uns auf einem Hof ein, die Pferde im Stall, ich baue mein Zelt auf einer Wiese auf. Ich koche Dosenzeug auf dem Gaskocher, zum Essen gehe ich mit meinem Topf hinunter zum See, durch eine Herde Trakehner hindurch. Wenn ich vom Steg aus hinüber zur Insel schaue, sehe ich nichts als Wasser und Wald und Himmel und spüre hinter mir die Pferde. Das ist sagenhaft hübsch, und es fühlt sich wahnsinnig weit weg an, wenn auch nicht wie im Westen, sondern eher wie tief im alten Osten, 70 oder 150 Jahre zurück.

Und das ist wohl das Cowboyhafteste an mir, schwant mir hier, dass ich ein Auge für Stiefel habe.

Am dritten Tag unserer Reittour dann, knapp außerhalb von Ascheberg, dreht das Wetter von Sommer auf Weltuntergang und beendet den Wohlfühlmodus. Wir geraten in das Gewitter, der Regen peitscht auf uns ein, und ich fühle mich endlich wie der unerschrockenste Reitersmann der Great Plains. Ziehe die Hutkrempe etwas tiefer in die Stirn und ramme meine Mundwinkel noch entschlossener Richtung Boden. Und bei alldem halte ich die Herde, die nur ich sehe, fest im Blick. Jeder weiß ja, wie schnell die Rinder bei Gewitter nervös werden. Mit Roy Rogers & The Sons of the Pioneers singe ich: „Lightning a-flashin’ everywhere, thunder a-rollin’ through the air, wind and rain, cattle look insane, this herd might stampede tonight“.

In dieser Stimmung erreichen wir bei Wahlstorf den Hof der Pferdetrainerin. Sie gibt Seminare in Horsemanship und reitet Criollos ein, südamerikanische Gaucho-Pferde, die sie auf die Arbeit mit Rindern vorbereitet. Bauern können die Frau anheuern, wenn einzelne Rinder aus der Herde sortiert werden sollen. Dann geht sie mit ihrem Pferd hinein und weist auch bockigen Bullen den Weg. Näher als hier werde ich dem Cowboyleben nie kommen.

Die Frau und ich reiten ein Stück zusammen aus. Sie lenkt ihr Pferd, ohne dass ich sehe, wie, mit Gewichtsverlagerungen und leichtem Schenkeldruck, scheinbar vollkommen mühelos. „Und wenn das Pferd einmal doch nicht so will wie du?“, frage ich sie. „Dann frage ich es, was es davon abhält, und meist antwortet es mir, und wir können daran arbeiten“, sagt sie noch pferdeflüsteriger als der Professor.

Sie trägt schicke Arbeitsstiefel. Ich rate die Marke richtig. Sie lobt mein Auge. Und das ist wohl das Cowboyhafteste an mir, schwant mir hier, dass ich ein Auge für Stiefel habe. Ich denke an die Machete an der Garderobe in ihrem Hausflur, mit der sie und ihr Mann, ein Goldschmied, beim Ausreiten die Reitwege der Umgebung immer wieder von überhängenden Ästen freihauen. Bis zum Montanamann habe ich noch ein paar Meilen zu reiten.

Hinterlasse einen Kommentar