(New Orleans heißt Jazz. Aber mit dem kann unser Autor nichts anfangen. Er zieht Bounce-Hip-Hop vor und lernt sogar twerken. Bis er auf Abwege gerät. Aus der ZEIT Nr. 11/2020)
Lebte ich in New Orleans, begreife ich nach einer Weile, ich säße viel. Ich säße auf der Verande, morgens mit Kaffee, abends mit einem Drink, und der Stuhl, auf dem ich säße, hinge an Ketten von der Decke des Vordachs; und so schaute ich sachte schwingend auf die Straße. Es wäre immerzu warm, selbst im Januar schon, und von Monat zu Monat würde die Luft schwerer und öliger. Ich säße auch viel am Mississippi, um dem Fluss zuzuschauen und den Schiffen auf ihm. Und vielleicht wippte ich dabei mit einem Fuß zu fiebriger, flirriger Musik, wie ich sie fürchterlich fände an jedem anderen Ort.
Um mich einzustimmen auf den Süden der Vereinigten Staaten, nähere ich mich ihm langsam: Ich fahre mit dem Greyhound-Bus ab New York. Bei diesem Namen, da schwingt ja sofort jede Menge Reiseromantik mit. Bilder wie aus Kinofilmen, alte Damen mit Pappkoffern auf dem Schoß, so stelle ich mir das vor, und junge Männer mit Seesäcken, unterwegs, um fern der Heimat Ansehen und Vermögen zu finden. Wir werden miteinander ins Gespräch kommen, meine Mitreisenden und ich. 36 Stunden dauert die Fahrt mit Pausen und einmal Umsteigen.
Ich starte nachts. Es gibt mehr Beinfreiheit als in der Flugzeug-Economyclass. Mein Nebenplatz ist frei, die Lüftung funktioniert. Dies wird eine gemächliche Fahrt werden, denke ich. Diese Einschätzung ist auch korrekt, teilweise. Einen ersten längeren Halt macht der Bus in Richmond, Virginia. Ich bestelle in der Wartehalle einen Kaffee und muss nachfragen, als die Verkäuferin den Preis sagt, so unvermittelt trifft mich ihr flach gesungener Dialekt. Sie wiederholt und hängt ein „Schatz“ an ihre Antwort, und es klingt so hübsch, so warm, dass ich denke, hier fängt also der Süden an, vielen Dank, Ma’am.
Der Bus ist nun fast immer komplett voll. Es hat geregnet, die feuchten Jacken der Passagiere lassen die Fenster von innen beschlagen, der Fahrer dreht die Heizung weiter auf, es ist ein Innenraumgebläse ohne nennenswerte Außenluftzufuhr, die Luft wird mau.
Durch die Carolinas verlaufen die Appalachen. Also höre ich über Kopfhörer Mountain Music. Gillian Welch singt „I dream a highway“. Vorm Fenster ist nicht viel zu sehen, keine Berge in Sicht. Wir halten in Raleigh, in Greensboro, in der Zigaretten-Stadt Winston-Salem und in Charlotte, alle North Carolina. In South Carolina, irgendwo südlich von Greenville, stoppt der Bus morgens an einer Tankstelle im Nüscht. Ein Pick-up-Truck fährt vor. Er zieht einen Hänger, aus dem Hunde bellen. Der Beifahrer steigt aus und lädt erst seine Gewehrtasche in ein anderes Auto um, dann wirft er ein schlaffes, dunkelgraues Fellbündel auf seine Ladefläche, beide fahren weg. Ein Mann neben mir sieht meinen fragenden Blick. „Waschbären“, erklärt er, im Dunkeln von den Hunden allein nach Geruch aufgestöbert und in die Bäume gehetzt, dann geschossen fürs Fleisch und für den Pelz.
Es geht immer tiefer in den Süden. Gainesville, Georgia, Montgomery und Mobile, Alabama, alles Namen, die mir vorkommen wie aus Büchern, auch wenn mir gerade kein Titel dazu einfällt. Und dann geht es auf eine lange Brücke, in der Dunkelheit darunter ist im Scheinwerferlicht Wasser auszumachen. Das ist Lake Pontchartrain, an seinem südlichen Ufer liegt mein Ziel.
Herz der Finsternis
Um es spätestens hier klarzustellen: Ich bin der Musik wegen nach New Orleans gekommen. Und ich weiß, dass dies die Stadt des Jazz ist. Aber ich werde sicher nicht zu den Klängen einer Dixieland-Kapelle schwofen. Auch zu keinem anderen Jazz. In meinen Ohren klingt Jazz fürchterlich unsortiert und anstrengend, nach Alte-Leute-Musik. Aber es gibt ja Alternativen wie Bounce-Hip-Hop. Bounce ist das, was sie in den Neunzigern in den Sozialbausiedlungen von New Orleans aus Gangsta-Rap machten. Später entwickelte sich daraus „Sissy-Bounce“: noch schnellere Beats, die Zeilen noch mehr auf Sex fokussiert und noch schneller gerappt, oft von schwulen und Trans-Männern gemacht wie Katey Red oder Big Freedia.
Das muss der echte, moderne Sound von New Orleans sein, denke ich mir, gender- und zeitgemäß offen und dabei immer noch schwarz. Zur Untermalung gehört wie bei anderen Hip-Hop-Stilen gern twerkendes Personal.
Beim Twerken geht es darum, den Po aus dem Becken heraus zum Kreisen und zum Zucken zu bringen. Das ist vom athletischen Aspekt her mitunter beeindruckend und für meinen unbedeutenden Geschmack manchmal auch anregend. Zu hören ist allerdings, dies erniedrige die tanzenden Frauen zu Objekten. Beim Sissy-Bounce, wo das nicht mehr so eindeutig ist mit Frau und Mann, muss man diese Angst wohl nicht haben. Und wenn schon Grenzen fallen, wie wäre es, wenn ich als weiße Hete dabei mitmachte? Sähe ich die Stadt so anders? Also buchte ich einen Twerking-Kurs bei Move ya brass.
Mein Hotel liegt Downtown, ein paar Hundert Meter nur bis zur zentralen Canal Street, gleich auf der anderen Seite beginnt das French Quarter, der alte Kern der Stadt. Dorthin gehe ich als Erstes, unerschrocken ins Herz der Finsternis, völlig klar, wie schrecklich voll es dort sein wird. Das French Quarter steht in allen Reiseführern ganz oben auf der Liste, fürs Bummeln und Häuserbestaunen bei Tag und für die Kneipenpartys bei Nacht. Mein Plan: die Klassiker abmarschieren und milde lächeln. Leider strahlt mich das Herz der Finsternis vom Fleck weg freundlich an, und ich muss zurückstrahlen. Diese alten Häuser sind wirklich grandios, manche schick renoviert, andere nicht, verschnörkelte Balkone, sogar die Blumenampeln mag ich leiden, obwohl ich mir aus Blumen sonst überhaupt nichts mache.
Zu meiner ersten Bounce-Stunde gehe ich den Mississippi hinunter. Breit ist er hier und schnell, auf seinen letzten Meilen vor dem Meer, und sein Wasser unergründlich dunkel und trüb von allem, was er mit sich trägt. Im Crescent Park, einer alten, renovierten Werft- und Lagerhausanlage mit offener Fassadenfront zum Fluss, treffe ich Gabby, die Bounce-Lehrerin. Nach und nach kommen die Teilnehmerinnen, alle weiß, alle kennen sich, ich bin der einzige Mann und der einzige Neue. Wir sind nur zu siebt. Ich stelle mich ganz nach hinten in die Gruppe und konzentriere mich voll auf das, was Gabby vormacht. Das sieht nicht so verrucht aus wie in den Videos, die ich im Kopf habe, und fühlt sich entschieden untersexy an.
Vielleicht sollte ich mir doch erst das echte Zeug von der Straße angucken. Aber wer kennt sich aus mit so was, wer nimmt mich mit auf eine Party in die dunklen Ecken der Stadt? Jemand hat die Nummer von DJ Jubilee und ruft ihn an. DJ Jubilee, lerne ich, ist eine große Nummer in der Branche. Er geht ans Telefon, hören wir zusammen über den Lautsprecher des Telefons. Er sagt, er sei gerade einkaufen und wolle sich umhören. Ich solle später noch mal anrufen.
Nachts klingen die Signale von Güterzügen in mein Hotelzimmer in der Innenstadt. Ich bemerke ihre Bewegung, aber ich kann nicht klar unterscheiden, ob ich die Züge höre oder ihr Schienenrollen über den Boden fühle. In meinem Kopf habe ich die Vorstellung, dass wir hier nur auf einer dünnen, inseligen Schicht Land stehen, die auf einem tiefen Sumpf treibt wie der Zucker auf der Espresso-Crema, und dass das Rollen des Zuges darum überall in der Stadt zu spüren ist.
Früh am Morgen, es ist noch dunkel, gebe ich dem Rufen endlich nach und gehe hinaus auf die Straße, zwei Blocks in Richtung Canal Street und die paar Hundert Meter Richtung Süden am Kasino vorbei hinunter zum Fluss. Noch sind die letzten Kneipenheiteren unterwegs und schon die ersten Putzkolonnen. Bald sehe ich fast nur Schwarze, zu Fuß, auf Fahrrädern, an Bushaltestellen. Sind die auf dem Weg zu und von Jobs, die Weiße eher nicht machen? Oder denke ich das womöglich nur, weil ich mit meinen Vorurteilen auf die Dinge schaue, auf den Süden als ewigen Hort der Ungerechtigkeit?
Am Ufer des Mississippi, gleich neben dem vertäuten Schaufelraddampfer Natchez, sehe ich das erste Licht des Tages aufdimmen und bald die ersten Sonnenstrahlen auf dem Strom. In dem ist so viel Bewegung, so viel strudelnde Unaufhaltsamkeit – darauf zu schauen wirkt am Morgen besser als Kaffee.
Bei meiner zweiten Bounce-Stunde, wieder in der alten Lagerhalle, sind wir doppelt so viele Teilnehmer. Wieder bin ich der einzige Kerl. Diese Stunde ist deutlich steißübungslastiger. Die Trainerin macht vor, worum es geht: ruckartige Bewegungen aus dem Becken, mit Schwung tief ins Hohlkreuz und zurück in die Gerade. Nun soll das Ding aber nicht nur eintönig vor und zurück hüpfen, sondern kreisen wie die Trommel einer Waschmaschine, gleichmäßig, mühelos auch die Laufrichtung wechselnd. Das sieht toll aus bei unserer Trainerin, und wir machen es ihr nach, auch den sogenannten Hairflip mit dem kessen Blick aus der Hocke heraus nach hinten über die Schulter. Dabei wird so viel gekichert, dass sogar ich lockerer werde. Anschließend rufe ich noch einmal DJ Jubilee an, wieder erfolglos. Wer weiß, wie bescheuert ihm meine Idee vorkommt.
Darum stiefele ich eben allein los durch die Stadt. Durch Viertel in Uptown, flussaufwärts, mit wirklich bezaubernden Häusern, die meisten aus Holz, alle mit Veranden zur Straße hin und mit Schaukelstühlen und Bänken, die an Ketten von der Decke hängen. In die andere Richtung, wieder flussabwärts, bis in den Lower 9th Ward, den unteren, flussnahen Teil des 9. Distrikts. Den hatte Hurrikan Katrina 2005 besonders heftig erwischt, weil die Gegend tiefer als andere Teile der Stadt liegt. Er war schon immer der Stadtteil der ärmeren Bewohner und ist es jetzt erst recht. Die Holzhäuser sind nicht so hübsch zurechtgemacht, die Gärten weniger grün. Es gibt Wohnanlagen. Junge Leute auf den Parkplätzen davor. Zwei-, dreimal pumpt die richtige Musik aus Bluetooth-Lautsprechern und vorbeifahrenden Autos. Dann ist sie wieder weg.
Auf dem Weg zurück in mein Hotel passiere ich wieder das French Quarter. Dicht an dicht die Kneipen, und aus jeder kommt Live-Musik, Rock, Blues, Jazz. Vor dem Balcony Music Club bleibe ich eine Weile stehen. Mir entgeht nicht, dass ich anfange, mich dazu zu bewegen, erst nur der Fuß, dann etwas mehr. Drinnen spielt eine Band, die Dapper Dandies. Das ist, es steht sogar auf der Tafel, Dixieland. Warum gefällt mir das plötzlich? Tiffany, die Sängerin, wirkt wahnsinnig gut gelaunt, und sie singt super, ich glaube, das reicht mir schon. Ein paar Häuser weiter tritt eine Cajun-Band auf. Der Sänger gellt sein altertümliches, raues, lehnwortdurchsetztes Französisch ins Mikrofon, das Akkordeon orgelt, die Rhythmussektion poltert: Das könnte man anstrengend finden. Und es ist auch überhaupt nicht das, wofür ich hier bin, sage ich mir, aber es nützt nichts: Ich bin hin und weg.
In der Pause spreche ich mit dem Sänger. Wenn mir das gefalle, sagt er, müsse ich am Samstagmorgen nach Mamou. Nun folge ich Ratschlägen von fremden Männern mit Schnurrbart grundsätzlich gern. Außerdem schwant mir, dass das mit der Partyvermittlung durch DJ Jubilee nichts mehr wird.
Also miete ich ein Auto und lenke es am Samstagmorgen um vier Uhr nach Nordwesten. Wälder gleich außerhalb der Stadt, Sumpfzypressen knöcheltief im Wasser, regelmäßig Dämme, um Überflutungen zu kontrollieren. Ich wollte die Tiefen der Stadt erkunden, ich wollte harte Rap-Lines und Beton. Nun rolle ich durch Sumpfland. Es ist warm genug fürs offene Fenster. Die Luft riecht unten modrig, darüber nach Erdöl von den Raffinerien. Obwohl es bald dämmern sollte, wird der Himmel immer schwärzer, im Radio Tornadowarnungen für Osttexas und Westlouisiana, also genau hier, und dann bricht es los, Gewitter und Flutregen für die nächsten 150 Kilometer, und der Süden wedelt nicht mehr freundlich mit Palmen und gefällt mir so noch besser.
Sie nennen Mamou das Herz von Acadiana, dem Cajun-Land. Von überall aus der Gegend kommen sie seit 1946 samstagmorgens in Fred’s Lounge. Und dann stehe ich um acht Uhr in dieser herrlich schreddeligen Kneipe mit herzlichen Menschen, jeder hat ein Bier in der Hand, und um mich herum wird geraucht. Ist dies der letzte Ort in Amerika, an dem das erlaubt ist? Die Band legt los, und die Männer bitten ihre Frauen zum Two-Step. Das ist noch ein Tanz, den ich nicht beherrsche, aber innerlich wippe ich mehr als ein bisschen mit.
Zurück in New Orleans, geht eine traurige Nachricht durch die Stadt: 5th Ward Weebie ist gestorben. Einer der ganz großen Bounce-Künstler, höre ich, selbst die Bürgermeisterin tweetet ihre Trauer. Ich gehe zu einer der Trauerfeiern. Rechne mit gereimten Nekrologen und prächtigem Bling-Bling. Stattdessen spielt eine Brassband laute, intensive Blechblasmusik. Ringsum eine tanzende Menge. Bin ich hier richtig? Bin ich, grundsätzlich. Die Band marschiert los durch die Straßen, die Menschen hinterher, ich mit, und es werden immer mehr, viele Hundert. Kurz, ganz kurz, bin ich irritiert, dass also eines Rappers Seele in dieser Stadt mit Jazz ins Jenseitige verabschiedet wird. Inzwischen ahne ich aber: Die Hauptsache ist, es bewegt dich.

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