Rollt nicht rund

Mein erster Blogpost wird von etwas Schönem erzählen, dachte ich immer, von einer Reise in ein Land mit Sonne und mit Sand zwischen den Zehen etwa. Das liegt mir nur gerade gar nicht auf dem Herzen. Sometimes you can’t choose your fight, sometimes the fight chooses you oder so ähnlich. Also dies:

Ich bin also Bjørn und auf das ø komme ich vielleicht später noch mal genauso zurück wie auf den Hut im Titelbild, 57 Jahre alt, die Haare dünn geworden und auf meinem Klischee-Zettel gibt es noch einige Kreuze mehr. Zum Beispiel habe ich vor drei Jahren nach fast drei Jahrzehnten wieder mit dem Radfahren angefahren und ich trage gern enge Klamotten dabei. Vorm Radfahren prüfe ich stets den Luftdruck und ich trage unterwegs Ersatzschlauch und Werkzeug mit und ich lausche sorgfältig in mein Rad, auf dass es kummerfrei rund laufe. Hätte ich das mal woanders früher auch schon gemacht.

Das nächste Klischee-Kreuz ist, ich rede gern über vieles, über die Schönheit von Stahlrahmen, über Kettenwachs vs Öl, die wohlige Wirkung des Passatwindes auf nackter Haut auf Oahu nach dem Baden in der Schlange vor dem Thai-Curry-Foodtruck, über die Schlacht von Agincourt und die Kohortentaktik der Römer – nur über Gefühle redete ich nicht gern und nicht leicht, wenn es meine eigenen waren, und wenn ich schon darüber redete, dann sicherheitsdistanzhalber mit einem pseudolustigen Twist.

Und die Garde hat sich doch ergeben

Das wird ein geiles Jahr, war vor 12 Monaten vollkommen klar. Aber dann gab es doch keinen Verlag für das Buch über das Radrennen 2023 in Kirgisistan, das ich so gern geschrieben hätte. Ich hatte sein Papier schon riechen können, den Füller für die Widmungen nach den Lesungen ausgesucht und der Haufen Kohle durch die Verkäufe dieses Bestsellers wäre auch hübsch gewesen. Aber nö.

Habe ich jemanden erzählt, wie tief mich das getroffen hat? Nein. „La garde meurt mais ne se rend pas“, sagte ich mir auf und ich lächelte dabei, damit ich merken würde, wie so eine kleine äußere Muskelregung jede mögliche innere Aufregung glattbügeln könne. Dabei bin ich gar keine Garde und Napoleons General hat ja lieber doch aufgegeben, als zu sterben, falls er den Satz überhaupt gesagt hat, und tief drinnen hatte der Satz auch nicht den Effekt, den ich mir einreden wollte.

Eine hat vielleicht gewusst, wie es mir ging, aber wir sprachen nicht darüber. Sie wohl nicht, weil sie geahnt haben wird, dass ich mich minimalsilbig weggeduckt hätte. Ich nicht, weil ich den Misserfolg für eine schlimme Niederlage hielt, die allein in mir begründet war. Dann waren die Grundidee und das Exposé und die Schreibproben offenbar also doch nicht gut genug.

100pro bescheuert. Ging aber leider noch nicht anders

So eine selbstverursachte Niederlage aber, dachte ich, müsste ich allein tragen. Denn sie hatte an das Buch geglaubt wie ich, aber sie hatte nichts zum Misslingen beigetragen. Wie kann ich dann zu ihr, die selbst enttäuscht ist, gehen und die Niederlage und den Schlag, den sie tat, eingestehen und mich fallen lassen wollen, dass sie mich tröstet, meine größte Sehnsucht – wie stehe ich dann in ihren Augen da? So schwach, dass sie selbstverständlich sofort abhauen wird. Total bescheuert, diese Gedankenkette? Jupp. Das Gegenteil von dem, was wirklich passiert wäre, hätte ich mich getraut? 100pro.

Es gab noch mehr Gelegenheiten, in denen ich mich hätte trauen können, trauen sollen, Wahrheiten und Schwächen und Wünsche und Fehler auszusprechen, in diesem Jahr, in vielen anderen Jahren. Tat ich nicht. Verbuddelte alles in mir und dachte, das bekomme ich schon sortiert.

Anfang des Jahres merkte ich, ich habe Bluthochdruck. Lief immer tipptopp, nun aber permanent auf ungesunden Höchsttouren. Der Arzt fand nichts und es fühlte sich auch nicht körperlich an. Gleichzeitig fiel mir auf, umso mehr, je älter dieses 2024 wurde, ich bin und war immer nur ziemlich, ziemlich selten glücklich, zufrieden oder auch nur gelöst, ich stand mir selbst auf der Bremse und in mir ist fast immer Unruhe und Unerfülltheit, irgendetwas nagt da immer und zerrt, aber ich weiß nicht, wohin, ich schlafe scheiße und ich bin übervorsichtig und misstrauisch in den Beziehungen zu meinen Menschen, da ist die Furcht, nicht genug zu sein.

Endlich leichter werden

Immerzu intuitivfühldenke ich, merkte ich jetzt, also ohne den Kopf bewusst anzumachen und die Logik-Verbindungen zu nutzen, dass die Leute praktisch nur darauf warten, aus meinem Leben zu verschwinden. Damit habe ich es ihnen und mir oft schwer gemacht, uns nahe zu sein, auch über Stress und Streits hinweg. Und vielleicht habe ich mich manchmal auch so verhalten, dass ich es ihnen leicht machte, mich zu verlassen, um meine Erwartung zu erfüllen, dass sie mich ohnehin verlassen würden. Klingt schräg? Finde ich jetzt auch. Konnte ich aber vorher nicht anders draufschauen.

Hat offenbar kein bisschen funktioniert, all das Zeug aus wer weiß wie vielen Jahrzehnten so zu verbuddeln, dass es nicht schadet. Deshalb rief ich, als vor einigen Wochen alles zusammenkam, Hilfe und, when at my lowest, siehe, Hilfe kam. Die Leute rennen also doch gar nicht alle weg. Und plötzlich geht es, reden und teilen und versuchen, schlauer aus mir zu werden, und Brocken abzuladen und so endlich leichter zu werden.

Noch kommt es mir erstaunlich vor, dass womöglich manche meiner Unzulänglichkeiten und Bedürfnisse und Mentalgesundheitslücken und Synapsenschiefverknüpfungen bis in meine Kindheit wurzeln. Bin ja so alt, wie kann sich das noch nicht selbst gerade gebogen haben. Mit Podcasts und Büchern und Gesprächen keimt aber allmählich die Idee, ist gar nicht erstaunlich, passiert auch ziemlich vielen.

Im nächsten Schritt will ich da oben ein paar gesündere Verdrahtungen eintrainieren und irgendwann, wer weiß, mit neuem Vertrauen, falle ich doch noch Atem holend in das Paar Lieblingsarme. Für all das habe ich mir gleich zum Jahresstart Profi-Psycho-Hilfe gesucht. Das wird bestimmt anstrengend, da wird es sicher einige Ecken im inneren Keller geben, die nicht sehr hübsch sind; das wird spannend, befreiend, das wird, ich schwöre, schön. Deshalb sollen das hier auch keine Mitgefühl-Einsammel-Zeilen sein. 2025 wird gut, wünsche ich mir, wünsche ich Euch allen. Liebe geht raus.

4 Antworten zu „Rollt nicht rund“

  1. bin gespannt wie es weitergeht

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  2. Schön, von dir zu lesen, lieber Bjørn. Zwar sagen die ja, dass Schmerz der beste Schreiber sei, aber ich glaub die wissen gar nichts. Also her mit dem schönen Leben, mein Lieber, freu mich drauf, mitzulesen! Küsschen aus Køvenhavn – Vera

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