Ritter der Keksdose

Und dann machten die guten Leute von DIE ZEIT mal wieder so eine Sonderbeilage, diesmal unter dem Motto, Autoren reisen an die Orte ihrer Lieblingsgedichte, und dies kam bei mir dabei heraus, erschienen 2016.

An einem Januarnachmittag stehe ich einige Kilometer südwestlich von Cosenza, etwa in Höhe des Spanns am italienischen Stiefel, über einer Schlucht. Die könnte hundert Meter tief sein, vielleicht sind es auch keine zehn Meter, das kann ich in Regen und Dämmerung und Nebel nicht erkennen. Es rauscht um mich herum, ich fühle mich beobachtet und sehe doch niemanden und überhaupt fast nichts. Dass mich das kein bisschen ängstigt, dass stattdessen sogar ein Indiana-Jones-Gefühl in mir aufsteigt, das habe ich Onkel János und einer Dose Butterkekse zu verdanken.

Als ich sieben oder acht Jahre alt war, feierte mein Vater seinen Geburtstag mit vielen Verwandten, mit vielen Kisten Holsten Edel und mit viel Weinbrand. Irgendwann wurden meine Schwester und ich zu unserem Schutze aufs Zimmer geschickt, um die wohnzimmerliche Feiereskalation nicht miterleben zu müssen. Ich schlich immer wieder in den Flur, um zu lauschen und zu spähen. Sie tranken, sie stritten, sie umarmten sich; Onkel Erwin fiel in die Scherben einer Weinflasche und blutete wie ein Schwein, Onkel Kay verband ihn. Im Morgengrauen wurde es ruhig. Ich wollte mich gerade hinlegen, da begann Onkel János, eingeheirateter Ungar, diese Ballade vom „Grab im Busento“ aufzusagen. Er sprach auf Deutsch, aber der ungarische Akzent gab seinem Vortrag einen schweren, klagend singenden Rhythmus. Das war mein erstes richtiges Gedicht jenseits von Weihnachtsreimen. Der Gotenfürst Alarich, seine Mannen, der Schatz, die fackellichtflackernde Stimmung – ich war vom Fleck hin und weg.

Nur die eröffnenden beiden Zeilen blieben bei diesem ersten Hören hängen, die aber gründlich. Für viele Jahre kamen sie mir immer wieder unwillkürlich in den Sinn und mit ihnen der Ton des ganzen Gedichtes, wie ein Nachhall aus einer tiefen Höhle, wie die kurz angeschlagene Seite eines Basses. Vervollständigen konnte ich mir die Strophen lange nicht, denn in meiner Jugend wollte ich gern viril wirken, da glaubte ich leider, mir keine Gedichte erlauben zu können. Dann wurde ich mutiger und suchte und fand die fehlenden Zeilen. Ich probierte sogar noch andere Gedichte und merkte, selbst ganz ohne Heldenvolkbeschwörung können Reime berühren. Weil manchmal aber nur eine wirklich großzügige Portion Pathos hilft, komme ich immer wieder zu meiner Ballade zurück, sage sie mal mir, mal anderen auf und gerate dabei sofort in eine herrlich getragene Gemütslage.

Nun will ich nachsehen, ob meine Vorstellung vom Schauplatz des Gedichts überhaupt zur leibhaftigen Stadt passt. Das ist natürlich eine riskante Reise: Was, wenn all mein Sinn für Romantik an der süditalienischen Wirklichkeit zerschellt?

Mein Mietwagen wartet in Neapel unter einem Orangenbaum, im Radio wird italopopgeschmachtet und in Pompeji bestaune ich die Wandpornos im restaurierten Bordell. Ich fahre nach Süden. Die Amalfi-Küste, Schiffe auf Reede vor Salerno, in der Ferne kleine Dörfer auf Hügeln, spektakuläre Schinkenstullen an den Raststätten: Italien ist wirklich hübsch. Durch Kampanien und die Basilikata erreiche ich abends das kalabrische Cosenza, eine Autostunde landeinwärts des Tyrrhenischen Meeres. Ich suche den Fluss. In der Haupteinkaufsstraße poussieren junge Männer mit Mädchen. Wie die Jungs Eindruck machen wollen, ist mir nicht klar, es sind fast 15 Grad, und sie tragen alle Parkas mit Fellkragen, aber das geht mich zum Glück nichts an. Und dann stehe ich zu fortgeschrittener Dämmerung auf der Ponte Martire, der Brücke der Märtyrer, unter mir der Busento, der Natur-Hauptprotagonist meines Gedichtes.

August Graf von Platen

Das Grab im Busento

Nächtlich am Busento lispeln bei Cosenza dumpfe Lieder.
Aus den Wassern schallt es Antwort, und in Wirbeln klingt es wider.

Und den Fluss hinauf, hinunter zieh’n die Schatten tapfrer Goten,
Die den Alarich beweinen, ihres Volkes besten Toten.

Allzu früh und fern der Heimat mussten hier sie ihn begraben,
Während noch die Jugendlocken seine Schultern blond umgaben.

Und am Ufer des Busento reihten sie sich um die Wette.
Um die Strömung abzuleiten, gruben sie ein frisches Bette.

In der wogenleeren Höhlung wühlten sie empor die Erde,
Senkten tief hinein den Leichnam mit der Rüstung auf dem Pferde.

Deckten dann mit Erde wieder ihn und seine stolze Habe,
Dass die hohen Stromgewächse wüchsen aus dem Heldengrabe.

Abgelenkt zum zweiten Male, ward der Fluss herbeigezogen.
Mächtig in ihr altes Bette schäumten die Busentowogen.

Und es sang ein Chor von Männern »Schlaf in deinen Heldenehren!
Keines Römers schnöde Habsucht soll dir je dein Grab versehren!

Sangen’s, und die Lobgesänge tönten fort im Gotenheere.
Wälze sie, Busentowelle, wälze sie von Meer zu Meere!

Vierzig Jahre habe ich den Namen dieses Flusses mit mir getragen und dazu ein Bild von ihm, geformt aus dem, was August Graf von Platen, Onkel János und meine Fantasie dazu beitrugen. In meinem Kopf gab es an seinen Ufern keine Häuser, aber die stören gar nicht. Etwa 15 Meter ist er breit und offenbar nicht sehr tief. Sein Bett ist in eine Mauer gefasst, die von Strahlern beschienen wird. Deren rötliches Licht spiegelt sich im Fluss. Ich stelle mir das vor als den Widerschein der Lagerfeuer des Gotenheeres. Das macht den Busento noch dunkler, und ich bin noch froher, ihn zum ersten Mal bei Nacht zu sehen.

Es beginnt üppig zu regnen, und es wird in den nächsten Tagen nicht mehr ernsthaft aufhören, aber das weiß ich ja noch nicht. Ich fange an, die Jungs in ihren Parkas und die vielen Billigregenschirmverkäufer an den Straßenecken besser zu verstehen. Dennoch bleibe ich eine Weile auf der Brücke und starre auf das Wasser und hinüber auf die Altstadt. Dazu würde ich gern behaupten, dass mich das Echo des Gedichtes in seiner natürlichen Umgebung emotional vollkommen ergreift und ich mich darum trotz des Unwetters nicht fortreißen kann. So würde ich meine Empfindsamkeit betonen. Muss aber zugeben, ich habe schlicht einen „Und was jetzt?“-Moment. So viele Jahre, so viele Kilometer bewegte ich mich auf den Fluss zu. Nun sehe ich ihn, und mir ist nicht klar, was ich damit anfangen soll. Müsste ich ergriffener sein?

Das gleichmütige Gurgeln des Busento gibt mir schließlich einen Schubs. Die verwinkelten, steil aufsteigenden Gassen der Altstadt; Häuser in allen Stadien des Verfalls und seit Kurzem der Sanierung, handgemalte Firmennamen über der antica salumeria, über der chitarreria, über der scuola tapetti caruso, blumenkübelvolle Dachgärten und offene Fenster, in denen die Gardinen flattern, räudige Hunde und Katzenbanden: Im mattgelben Licht, das auf dem regennassen Pflaster widerscheint, sieht das aus wie eine Opernkulisse. Vor dem Dom probt eine Rockcombo unter Plastikplanen. Vielleicht ist das auch ein richtiges Konzert, das hat dann aber niemand mitbekommen, kein einziger Zuschauer steht vor der Bühne. Die 21-Uhr-Messe geht zu Ende, einige Leute kommen aus dem Dom, sie schwatzen kurz, steigen in ihre Autos, und die Straßen werden noch stiller und ruhiger.

Auf der Piazza dei Valdesi an der Uferstraße des Busento finde ich ein Restaurant, in dem ich sitzen und meine Klamotten zumindest an der Oberfläche antrocknen lassen kann. Der Wirt fragt dreimal nach, ob ich tatsächlich allein essen werde. Das muss denen fürchterlich ungesellig vorkommen. Ich werde am letzten freien Vierertisch platziert. Bekomme einen Salat und eine Pizza und eine Flasche Wein, und mit dem Essen kommt die Wärme, und der Genuss und das Zurücksinken füllen die Ankunftsleere vollkommen aus. Drei weitere Gäste werden an die freien Plätze meines Tisches gesetzt und nehmen mich sofort in die Mitte. Was ich in Kalabrien alles besuchen werde? „Die Strandorte ganz im Süden und dann hinüber nach Sizilien?“ Nein, ich werde mir drei Tage lang Cosenza und die unmittelbare Umgebung ansehen. „Und die Hauptstadt Reggio di Calabria?“ Nein, ich bin tatsächlich nur für diesen Ort gekommen, weil der in einem 196 Jahre alten deutschen Gedicht erwähnt wird. „Aber du kannst doch nicht drei Tage in Cosenza bleiben, was willst du hier tun?“

Teller um Teller werden gebracht mit chilischarfer Wurst und Wildschweinfleisch und Käse mit Zwiebelmarmelade und Dingen, die ich nicht kenne. Ich soll alles probieren. Normalerweise verabscheue ich es, wenn Gabeln verschiedener Esser in einer Speise herumrühren. Das fällt mir hier, eingelullt von der Wärme und dem Wein, aber erst ein, als es eh zu spät ist. Besser so, die würden mich sonst wohl vollends für bescheuert halten. Und siehe, das Teilen fühlt sich gar nicht schlecht an und bekommt mir auch körperlich.

Als ich das Restaurant verlasse, bin ich nach ein paar Metern wieder so nass wie vorher, es regnet ununterbrochen. Überlege, ob mir das schlechte Laune machen sollte. Alle Welt schwärmt vom heiteren, sonnigen Süden, da fühle ich mich ein wenig veräppelt. Am anderen Ufer des Busento, auf der flussseitigen Mauer einer Kirche, flackert es. Gehe näher und sehe, da wird ein Film projiziert, unterlegt mit dramatischer Musik. Die Bilder sind grob animiert und laufen total künstlerisch ineinander, aber ich erkenne doch Heere, Schlachtengetümmel, eine brennende Stadt, Münzen und Preziosen sonder Zahl, ein Gewässer, in dem der Schatz versinkt.

Gefällt mir, dass die cosentini mit diesem Film in Samstagabend-Endlosschleife an Alarich erinnern. Die Szenen folgen der Legende, aus der auch von Platen seine Ballade formte: Ende des 4., Anfang des 5. Jahrhunderts suchten die Westgoten eine Festanstellung, um gegen Land und Jahreszahlungen für das weströmische Reich Krieg zu führen. Das wurde ihnen versprochen; aber es wurde nicht Wort gehalten. Irgendwann dachte sich König Alarich, genug gewartet, gehen wir nach Rom und klären wir das vor Ort. 410 eroberten und plünderten sie die Stadt. Mit riesiger Beute, darunter womöglich der Tempelschatz aus Jerusalem samt Bundeslade, zogen sie nach Süden, um über Sizilien nach Nordafrika zu gelangen, wo sie sich in fruchtbaren Gebieten niederzulassen gedachten. Das misslang; sie fanden nicht genug Schiffe. Alarich erkrankte an Malaria und starb in der Nähe von Cosenza.

Manche Sagen wollen ihn im Flussbett des Busento begraben wissen. Eine favorisierte Stelle für die vermutete Grablege ist der Punkt, an dem der Busento in den Crati fließt, ungefähr 200 Meter östlich der Ponte Martire. Vorher habe ich nie darüber nachgedacht, aber eine beklopptere Stelle kann es im ganzen Flusslauf natürlich nicht geben: Zu Alarichs Zeiten war Cosenza schon seit 800 Jahren eine Stadt. Wozu die ganze Heimlichtuerei, den Fluss umleiten, König und Schatz versenken, Fluss wieder zurückführen, römische Grabbaugefangene Stillschweigen garantierend massakrieren – wenn von den umliegenden Hügeln Tausende Bewohner zuschauen können? Aber von Platen schreibt ja auch, das Begräbnis habe bei Cosenza stattgefunden, nicht in Cosenza.

Ich breche am nächsten Morgen früh auf, um eine Tageslicht-Tour durch die Stadt zu machen. Drehe wieder Runden durch die Altstadt. An einigen Hauswänden hängen Großformatgemälde, offenbar regenwasserfest. Sie zeigen Szenen aus dem mittelalterlichen Cosenza, sehr bunt und hübsch idealisiert gemalt. Mir gefallen sie trotzdem, denn ich wäre nicht nur gern ein viel besungener Gotenkönig geworden, auch eine Laufbahn als stahlblickiger normannischer Fürst, der sich ein Reich zusammenklaubt, wo immer es ihn hin verschlägt, hätte mich interessiert. Ohne diese innere Grunddisposition hätte wohl auch ein anderes Lieblingsgedicht zu mir finden müssen.

Schleife um Schleife ersteige ich den Gipfel des Colle Pancrazio am höchsten Punkt der Altstadt und ganz im Süden von Cosenza. Oben thront das Castello Svevo, die alte byzantinische Festung, im 13. Jahrhundert ausgebaut von Kaiser Friedrich II. Ich sehe, wie sich Cosenza, knapp 70.000 Einwohner groß, schmal und lang nach Norden zieht, ich sehe den Busento tief unten von Westen kommen und in den Crati eintauchen, der ihn dann mitnimmt Richtung Ionisches Meer. Nur wenige andere Besucher sind mit mir hier oben. Zwei Engländer schimpfen leise über das Wetter. Es gießt und gießt. Schwer und schwarz hängen die Wolken über den umliegenden Hügeln und Bergen. Der helle Sandstein, aus dem die Burg gebaut ist, leuchtet so noch mehr, mich aber zieht das Düstere, Abweisende des Hinterlandes an.

An einem dieser Berge entspringt auch der Busento. Ich fahre in den Nationalpark des Sila-Gebirges, weil es da nun am dunkelsten dräut. Zehn Minuten hinter der Stadt ist jede urbane Lieblichkeit vergessen. Die Straße windet sich durch dichten Wald steil empor, rechts und links tief eingeschnittene enge Schluchten. Zu Wolken und Regen kommt Nebel. Die Temperatur fällt auf knapp über null Grad. Ich sehe ein paar Autos mit Snowboards und Skiern auf dem Dach, nur Schnee finde ich noch nicht. Öffne ein Fenster, es riecht modrig, nach einem kurzen Kreislauf zwischen Vergehen und neuem Leben. In Camigliatello kaufe ich kräutersatten Käse, Wildschweinsalami, Chili-Anchovi-Paste, Brot und als Souvenir getrocknete Steinpilze. Alles zusammen riecht es damit im Auto genauso kraftvoll und lebendig wie draußen im Wald.

Hinter dem Ort wird das Land weiter, es rollt wie eine nordamerikanische Prärie dahin, der Wald weicht zurück und lässt langen braunen Gräsern Raum. Suchte man hier nach einem Königsgrab, viele Flecken sähen besonders genug aus: kleinere, ein bisschen zu gleichmäßig geformte Hügel, die merkwürdig aus dem Fluss der Landschaft herausstechen; Ansammlungen von Steinen, wo sonst keine Steine liegen. Ich mache ein Picknick am Straßenrand unter meiner Kofferraumklappe. Von irgendwoher kommt ein Hund, dann noch einer und noch einer und immer mehr, und dann steht da eine ganze Bande zehn Meter von mir entfernt, aber ohne zu betteln, sie schauen nur.

Ich fahre im Bogen zurück Richtung Cosenza. Das Land wird wieder wilder, die Schluchten werden tiefer, und der Radioempfang wird mieser, nur christliche Sender kommen noch durch. Immer wieder sieht es aus, als hätte hier jemand großflächig Watte in den Fichten verteilt: faustgroße Spinnweben wie dichte Bäusche um die Zapfen herum. Das könnte Schottland sein oder Skandinavien, aber Süditalien habe ich mir anders vorgestellt, selbst im Winter. Da ist überhaupt nichts Zitrusfruchtiges, Pastelliges, Einladendes, noch nicht einmal sonnenverdorrt Karges. Und so sehr mir Skandinavien-Wetter in Skandinavien oder in Schleswig-Holstein auf die Nerven gehen kann, hier finde ich es nach dem ersten Schreck durch und durch heldenbegräbniswürdig. Ich weiß nicht, in welcher Jahreszeit von Platen Cosenza besuchte, der die letzten seiner wenigen Jahre in Süditalien verbrachte. Aber in Sommerschwüle, zwischen fröhlich Gelato schmatzenden cosentini, kann ich mir meine trauernden Gotenkrieger nicht mehr vorstellen. Wo aber sind sie tatsächlich hingezogen, ihren toten König zu bestatten?

Zurück in Cosenza, gehe ich wieder an den Fluss. Mit dem Regen ist er innerhalb eines Tages deutlich angeschwollen. Er kommt mir noch dunkler und geheimnisvoller vor. Beim Abendessen werde ich auch diesmal gefragt, was mich in die Stadt gebracht hat. Ich erzähle meine Geschichte, man ruft nach der Wirtin, die kommt mit einer bunten Dose. Auf dem Deckel ist ein Mann zu sehen, eine goldene Krone auf dem Haupte, in spätantiker römischer Rüstung, einen Arm stolz in die Hüfte gestemmt, vor sich goldenen Schmuck und einen siebenarmigen Leuchter. Das ist mein Mann, mit einigen seiner Fundstücke aus Rom! Auf der Dose steht die italienische Form seines Namens, und Alarico klingt natürlich viel gemütlicher als Alarich – und als von Platen und ich uns einen waschechten Goten vorstellen. Die Wirtin verteilt Butterkekse aus der Dose und redet auf Italienisch auf mich ein. Aus den wenigen Silben, die ich verstehe, aus Gesten und Fingerzeigen auf meine Landkarte schließe ich zweifelsfrei, dass diese Dame weiß, wo wirklich nach dem Grab zu suchen ist.

Und so fahre ich an meinem letzten Tag dem Lauf des Busento hinterher. Keine zwanzig Kilometer südwestlich von Cosenza liegt die Gemeinde Mendicino. Der Nebel und der Regen sind so dicht, dass ich den Fluss aus den Augen verloren habe. Finde ein Café mit WLAN und suche den Fluss auf Google Earth. Es sitzen nur ältere Männer im Café. Sie schauen mit ausdruckslosen Gesichtern zu mir herüber. Fahre wieder los. Immer enger werden die Straßen. Von den Hügeln kriechen Wolken herunter, undurchdringlich in ihrem matten Granitgrau. In einer Pfütze fahre ich mich fest, schaffe es rückwärts wieder heraus und nehme das Wasserloch mit mehr Schwung. Ein uralter Fiat Panda kommt mir entgegen und fährt an den äußersten Rand, um mich passieren zu lassen. Das Fenster ist offen, der Fahrer starrt mich an. Er fährt auch nicht weiter, nachdem ich vorüber bin. Will der abchecken, was ich hier zu suchen habe? Fühle mich ein bisschen unbehaglich. Ich weiß, dass es hier keine Sarazenen-Banditen mehr zu befürchten gibt und keine Byzantiner, aber vielleicht habe ich mit meinen Erkundigungen über alte Gräber ja die Jungs von der ’Ndrangheta neugierig gemacht.

Die Straße nimmt einen Bogen, der mich wieder weiter vom Fluss wegführen wird. Ich stelle das Auto ab. Regen und Sturm schlagen auf das Dickicht vor mir ein. Schilfkolben wiegen schwer hin und her, als wollte sich das Grünzeug noch breiter, sperriger machen, lauter ablehnend kopfschüttelnde Wächter. Da müsste ich durch, um hinunter zum Fluss zu kommen. Aber es ist kein Weg durch das Gestrüpp zu sehen. Ich brauchte Machete und Spaten und Öllampe. Um was da unten zu finden? Aus den Indiana-Jones-Filmen weiß man ja, dass es bös ausgehen kann, nähert man sich unbefugt einem Schatz. Lieber bleibe ich hier oben stehen. Die Luft ist dicht, sie riecht nach Metall und nach Spannung. Ich stehe in diesem Tosen und Prasseln und weiß, dass hier die Geister von Gotenkriegern wüten, die ihren König schützen.



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