Ich und Kafka

In unserem Stil und überhaupt erkennt Ihr eine starke geistige Verwandtschaft zwischen Franz Kafka und mir? Das empfinde ich ganz genau so. Denn einmal las ich einen Satz des Kollegen, keine Ahnung, in welchem Band, der ging sinngemäß so: „Ich trage stets Stiefel, denn sie geben mir Haltung.“ Bislang konnte ich nicht ausreichend Biss aufbringen, ein Kafka-Werk über das erste Kapitel hinweg durchzuackern, (noch) nicht meine Sorte Literatur. Mit den Stiefeln jedoch und der Idee dahinter gehe ich vollkommen d’accord.

Ich trug meine Schuhe allerweitestgehend mindestens knöchelhoch, seit ich sie mir selbst aussuchte. Ich liebte sie schwer, dicke Sohlen, massives Leder, gern Stahlkappen, zertifiziert für die anspruchsvollsten Anwendungen der härtesten Jobs, unbedingt öl- und hitzebeständig, durchtrittsicher und stets fest geschnürt.

Solche Stiefel geben einen wirklich durch und durch stabilen Auftritt. Stehst du darin, wackelst du nicht. Gehst du darin, überhört man dich nicht. Niemand wird zweifeln, in welche Richtung du dich bewegst, denn mit diesen Klötzen an den Mauken schreitest du bolzengerade, auch weil es schlicht zu anstrengend ist, damit hin und her zu mäandern. Man kann, zusammengefasst, in solchen Stiefeln nicht leichtfüßig durchs Leben tanzen.

Nun denke ich seit Wochen aber endlich gründlich nach über mich und was mich ausmacht und warum ich bin, wie ich bin und warum ich mich manchmal benehme, wie ich mich benehme. Und da fällt mir auf, diese schweren Stiefel, die trage ich vielleicht auch im Kopf, denn wie ich gehe und stehe, das wirkt ja nach innen, das macht ja was mit dem Denken und Fühlen.

Und es keimt der Verdacht, ich habe mir vor Jahrzehnten mit diesen Stiefeln eine Schutzschicht übergestreift. Zuerst fand ich sie schön, dann sah ich Bilder „richtiger“, selbstsicherer Männer mit hochrespektablen, handfesten Jobs in ihnen und dachte, geil, so werde ich auch, schlüpfe ich erst hinein, ich nahm sie also wie Teile eines Kostüms, um mir selbst eine Rolle zu übernehmen, und schließlich machten sie mich, merke ich jetzt, auch innen fester und undurchlässiger. Das war bequem, denn so ersparte ich mir, mich und meine Gefühle und die alten Muster, nach denen ich funktioniere, gründlich kennenzulernen und zu sortieren.

Und weil ich schon mal dabei bin, bei Kleidung, die mich vielleicht ein bisschen zu jemand anders machen sollte, ohne dass mir das lange klar war, gucke ich nicht nur unten, sondern gleich noch nach oben. Da sitzen oft Hüte, Cowboyhüte, ich besitze mehrere. Es gibt in Deutschlands einziger Großstadt am Meer nicht viele zwingende Gründe, diesen Westernstyle zu pflegen. Ich begann als Kind damit und hörte nie ganz auf. Es ist wie mit den Stiefeln: Ich finde sie zuerst schön, ich fühle mich wirklich gut mit ihnen, aber sie verhärten, verdüstern mich auch, wenn ich nicht bewusst gegensteuere.

Eine breite Krempe, betont tief ins Gesicht gezogen lässt dich – Überraschung – kaum fröhlich und zugänglich wirken. Dabei will ich gar nicht wirklich ein schlecht gelaunter Rough Rider sein. Nur etwas von der Unerschrockenheit und Selbstsicherheit, für die so ein Hut steht, sollten vielleicht vom Scheitel ins Gemüt sickern, und auch das klebt wohl an dem Gefühl, ohne so ein Extra nicht genug gewesen zu sein und mit einer Prise Cowboy sichtbar und akzeptabel zu werden.

Was mache ich jetzt mit dem Zeug? Weiterhin tragen, aber anders. Haltung von innen, statt reinzuschlüpfen und aufzustülpen. Allein der Gedanke macht schon viel leichter und befreiter und gleichzeitig größer und gerader, weil unbeschränkter. Oder hängt Ihr Eure Trucker-Caps an die Wand, nur weil Euch auffällt, Ihr besitzt ja keinen Laster? Und eventuell gucke ich bald noch mal bei Kafka nach, ob es da nicht noch vernünftigeres Zeug zu lesen gibt.

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