Prost, Brauner!

Ich versuchte hier, selbst zu lesen

Am letzten Tag der Reise reite ich an der Spitze meiner Schar in die Festung von Blaye ein. Die wuchtigen Mauern in der Morgensonne, der Widerhall unserer Pferdehufe vom Kopfsteinpflaster der Brücke, die über den Außengraben der Zitadelle in ihr Inneres führt – da spüre ich einen besonderen Geist in mich hineinfahren. Ich bin nun ein spätmittelalterlicher englischer König, der hier im französischen Südwesten seine aquitanischen Ländereien besucht. Dass mich meine Wahrnehmung nicht täuschen kann, merke ich auch an der Begleitmusik: In meinem Kopf höre ich die hymnischen Trompeten aus der Eröffnung der Glagolithischen Messe von Leoš Janáček. In einem Fenster überprüfe ich unauffällig meine Haltung zu Pferde.

Tief bewegt von diesem grandiosen Moment, halte ich, die Zügel in der linken Hand, die rechte in die Hüfte gestemmt, auf die Mauer der Festung zu, um von dort hinunterzuschauen auf die Gironde, den Zusammenfluss von Dordogne und Garonne, mir selbst ein Monument des wachsamen Reiterfürsten. Das geht in mir vor, da ruft es hinter mir: „Hast du nicht gehört? Wir sollen dicht zusammenbleiben!“ Das ist die Schweizerin.

Mit einem Schlag bin ich wieder im Jetzt und lenke mein Pferd eilig zurück zur Gruppe, denn niemand soll warten, nur weil ich royale Gefühle bekomme. In den vergangenen Tagen konnte ich mich peu à peu an sie gewöhnen, ahne aber, dass meine Mitreisenden immer noch nicht so weit sind, mir zu huldigen. Die haben vor allem die Natur im Sinn. Wir, vier weitere Touristen und unsere beiden Führer, reiten seit einer Woche durch die wichtigsten Appellationen für Bordeaux-Wein, und mittags und abends besichtigen wir Güter und probieren.

Als ich die Reisebeschreibung las, dachte ich gleich, das ist meine Chance, mir doch noch ein vernünftiges Verhältnis zum Wein zu erarbeiten. Ich komme nämlich aus einer Familie, die Wein, teurer als drei, höchstens vier Euro pro Tetrapak, mangels Ressourcen als unnötigen Luxus ablehnt. Diese Hemmungen werde ich mir nun wegtrinken. Darum finde ich die Idee mit dem Pferd auch grandios. Erstens ist das sowieso immer der beste Weg, in jeder Beziehung vorwärtszukommen im Leben, und zweitens kann ich mich so diese Woche richtig reinhängen in die Materie und muss mir keine Sorgen um meinen Führerschein machen.

Gleich am ersten Abend lege ich los mit dem Crashkurs. Wir sind in einem sensationell gemütlichen Bed & Breakfast untergebracht, in einer alten Riesenvilla. Vorm Abendessen serviert uns die Dame des Hauses im Salon einen natursüßen Sauternes. Ich habe mein Glas noch gar nicht in der Hand, da riecht und schmeckt Caroline schon einen ganzen Früchtekorb. Und Honig. Sie kaut nach. Findet hinten noch einen feinen Lakritzton, und ich bin vom Fleck weg begeistert von der Expertise der Schweizerin. Der werde ich gut zuhören und eine Menge lernen.

Caroline fragt, wie wir den Wein finden. Helen, eine Freundin von Caroline, nickt nur lächelnd. Sandra, die etwa 70-jährige Engländerin aus Manchester, die seit vielen Jahren in Frankreich lebt und konsequent nicht mehr Französisch spricht als „café au lait, please“, sagt, sie könne süße Weine nicht ausstehen. Keith, 68, aus der Shakespeare-Stadt Stratford-upon-Avon, hat die Frage vielleicht nicht verstanden, weil er nicht nur herzergreifend schlecht sieht. „Vor drei Wochen musste ich meine Katze einschläfern lassen“, sagt er, „ich bin immer noch recht betroffen.“ Außerdem sitzen noch Pierre, den alle Pierrot nennen, und Sarah mit in der Runde, unsere Reitchefs, aber die trinken beide nichts, und noch während des Aperitifs verschwindet Pierrot und verbringt die Nacht bei den Pferden, die ein paar Kilometer weiter auf einer Koppel grasen. Bin ich wohl dran. „Dieser Wein ist die Sonne in der Flasche, ein herrlicher Genuss“, sage ich und trinke aus. Madame und Monsieur Wirtsleute nicken mir wohlwollend zu. „Wenn man aus Nordeuropa kommt, muss man die Sonne nehmen, wo man sie erwischt, es war ein langer, dunkler Winter“, erkläre ich, schenke mir nach und leere in wenigen Zügen. Monsieur guckt ein bisschen irritiert. „Sauternes ist sehr teuer, den musst du genießen“, sagt Caroline. Ein fabelhafter Tipp, den ich gern befolgen würde, aber leider ist die Flasche leer. Dafür spüre ich im Nachgang dieses Genusses eine herrliche Weichheit und Leichtigkeit keimen. Bin ich schon dabei, meinen begrenzten Horizont zu verlassen und die Scheu vor Höherem zu verlieren?

Am nächsten Morgen fahren wir mit einem Minibus zu unseren Transportmitteln der nächsten Tage. Sarah und Pierrot teilen uns die Pferde zu. „Du brauchst eins für schwere Menschen“, sagt Sarah zu mir und verweist mich an einen dunkelbraunen Hengst namens Neptune. Schwer vielleicht, dabei aber zumindest proportional groß, will ich richtigstellen. Ich überlege, ob ich auf Keith aufmerksam machen sollte, der ist garantiert kein Pfund leichter als ich, aber ich ahne: BMI-Vergleiche führen hier zu nichts. Sarah ist nicht sehr groß, sie ist jung, aber sie hat diese extrem bestimmte Pferdefrauenart, die diskutiert auch nicht mit 600-Kilo-Gäulen.

Wir tüdeln unsere Pferde zurecht. Offiziell binden wir Regenjacken hinter die Sättel und stellen die Steigbügelhalter passend, aber vor allem wollen wir sehen: Wer trägt mich da ab jetzt eine Woche lang? Und wie machen wir uns am besten miteinander bekannt? Die Schweizerinnen sprechen mit ihren Pferden. Da ist viel von „Süße“ und „Schöne“ und „Kleine“ die Rede. Das variiere ich, wir sind ja beides Kerle. Ich sage „Hallo“ zu meinem Pferd, wir schauen uns gründlich in die Augen, und mein Pferd wackelt schnell hintereinander mit seinen Ohren: rechts, links, rechts, links. Ich werte das als zustimmendes Signal, Lkw-Fahrer bedanken sich ja auch blinkend auf diese Weise, wenn ihnen nach dem Überholen eine Wiedereinfädellücke in die rechte Spur angezeigt wird. Mehr zu reden fällt mir nicht ein. Sandra und Keith haben statt vieler Worte Obst mitgebracht. Keith streckt seinem Pferd einen Apfel hin und sagt nur: „Nimm ihn als Bestechungsversuch für eine gute Woche. Oder einfach als Apfel.“

Unser Ritt beginnt beim Dorf Preignac etwa 40 Kilometer südöstlich der Stadt Bordeaux. Als Erstes fällt mir auf: Der Wein aus dieser Region hat zwar einen grandiosen Ruf, aber die Landschaft, in der er wächst, ist ziemlich unspektakulär. Das könnte man enttäuschend finden, mich beruhigt es. Ich bin ja hergekommen, um die Hemmungen vor dem Genuss guten Weins loszuwerden, da hilft ein unaufgeregtes Szenario. Das genau genommen sogar extrem abwechslungsreich ist, wenn man erst mal darauf achtet. Pierrot, der vorwegreitet, kennt hier alles, sieht alles, riecht alles, erklärt alles. Hier endet diese Appellation, dort beginnt die nächste, dieses Gut ist 200, jene Weinstöcke sind 40 Jahre alt. Meistens erzählt Pierrot auf Französisch, und Caroline übersetzt dem Rest der Gruppe ins Englische. Zwischendurch versucht sie sich mit ihrem Pferd auf eine Reitweise zu einigen.

Beide Schweizerinnen reiten sehr gut, aber leider auf eine Art, die unsere Pferde nicht kennen. Diese französischen Warmblüter und Anglo-Araber sind aufs Wanderreiten trainiert. Also sind sie es gewohnt, am langen Zügel zu gehen und den Kopf hängen zu lassen und nur mit wenig Beinhilfe und Gewichtsverlagerung dirigiert zu werden. Unterm Strich wissen die eh viel besser als wir, wo es langgeht. Die Schweizerinnen wollen ihre Pferde so reiten wie zu Hause, eng am Zügel, den Kopf schön hoch, den Hals erhaben gebogen. Das sehen die Tiere aber nicht ein, sich in ihre Arbeit reinquatschen zu lassen, und so hat die Schweiz ein bisschen Stress, bis man sich auf einen Kompromiss einigt.

Nebenbei redet Pierrot weiter. Ich lerne, die Informationen zu filtern. Die Appellationen wechseln hier so schnell, das kann ich mir nicht alles merken. Aber ich verstehe, warum das Terroir so wichtig ist für den Wein: weil der Boden hier tatsächlich alle paar Hundert Meter anders zusammengesetzt ist. Sandig, lehmig, steinig, bewaldet und feucht, steppig und trocken, und sogar ich begreife, dass das den Wein beeinflussen kann.

Wir reiten an einer Schule für Weinanbau vorbei, „der größten in Europa“. Sie ist aber kaum größer als ein Dorfkindergarten, und die Gebäude sehen auch nicht mehr ganz taufrisch aus. Ob man in der Gegend um Bordeaux wie in Chile oder Kalifornien auch mit Holzchips in den Tanks noch mehr Fassaromen in den Wein bringe, fragt Keith. Pierrot ist ein gut gelaunter, gelassener Mensch, aber in solchen Situationen wird er sehr ernst und nachdrücklich. „Woanders müssen sie mit solchen Methoden arbeiten, aber nicht hier, nicht bei diesem unübertroffenen Reichtum an Variationen höchster Qualität, die diese Weine ganz natürlich entwickeln. Diese Weine sind das Original, dem sie woanders nacheifern!“

Um zu sehen, ob er damit recht hat, halten wir mittags am Château de Myrat. Château nennen diese Weingüter sich ja alle, selbst wenn sie bloß in Beton sitzen, aber dieses hier ist tatsächlich ein richtiges Schloss. Wir verpflegen unsere Pferde und stieren gierig aufs Picknick. Das steht aufgebaut vorm Tourbus bereit, der unser Gepäck transportiert und in einem umgebauten Pferdehänger Vorräte für die Woche, den Gaskocher, Ersatzhufeisen, Werkzeug und Pierrots Matratze. Noch dürfen wir aber nicht ran an die Tafel. Erst gibt es eine Führung durch den Keller. Die macht der Gutsbesitzer. Sarah stellt ihn uns vor als den Herrn Grafen von Pontac. Meine alte Luxus-Ehrfurcht schlägt noch einmal voll zu. Aber nur kurz.

Der Graf erklärt uns seine Fässer und Tanks und welche Sorte Wein wo wie viel Zeit verbringt. Dann führt er uns hinüber in die Probierstube, und ich teste und teste und teste. Das hat mit meinem Lerneifer zu tun. Aber mehr noch mit dem Verlauf des Vormittags. Drei Stunden sind wir geritten, haben nichts getrunken unterwegs, und nach einem kargen französischen Frühstück ist mir nicht nur mau vor Hunger, ich habe auch Durst. Also nippe ich nicht an den Proben, ich trinke sie aus. Nehme nach, weil ich auch herausschmecken möchte, was Caroline wieder alles findet. Und irgendwo da, immer noch weitgehend klar, kommt mir zum ersten Mal der Gedanke, dass ich ja nicht einfach nur trinke: Ich nehme die Essenz der Früchte dieses Landes in mich auf. Ich bin ein Acker, und der Wein und der Graf und das Schloss sickern da ein. Auch der Aperitif vorm Essen und die Weine dazu bestärken mich in dieser Idee. Will sie mit meinen Mitreisenden teilen, aber sie verstehen mich nicht. Nur Pierrot nickt zustimmend. „Ja, ja, der Wein“, sagt er, „der Wein ist gut für die Moral.“ Und so reite ich mit einem herrlich mondänen Gefühl weiter, das mit jedem Tag und jeder Weinprobe mächtiger wird. Und mit dem leichten Glimmer in der Wahrnehmung wirkt auch die Landschaft immer abwechslungsreicher.

So arbeiten wir uns in Tagesetappen von 30, 35 Kilometern entgegen dem Uhrzeigersinn in einem Halbkreis um Bordeaux herum: überqueren die Garonne, ziehen durch Entre-deux-mers, kreuzen die Dordogne, das Libournais, die Côtes de Bourg und reiten zum Schluss rüber ins Médoc. Am Ende werden wir bis auf Graves im Südwesten alle Hauptgebiete des Bordeaux durchritten haben. Meistens geht es querfeldein, manchmal durch kleine Städtchen, es fühlt sich an wie ein ewig träger Sonntagnachmittag.

St. Etienne hat Wein

Unsere Pferde haben so viel Vollblut in sich, die könnten stundenlang traben und galoppieren, aber wir gehen meistens Schritt. Das klingt vielleicht nicht sehr sportlich, dafür sehen wir bei diesem Tempo am meisten. Müssen wir öffentliche Straßen benutzen, hupt niemand oder überholt hektisch. Von jedem Hausgrundstück bellt ein Hund, aber nie fühlt es sich bedrohlich an. Das liegt auch an der Gelassenheit unserer Pferde. Die leben als Herde zusammen, sie kennen die Wege, und sie vertrauen Pierrot. Würde ich auch als Pferd. Mit 14 hat er angefangen, mit den Tieren zu arbeiten. Er war Traber und Rennjockey, bevor er Reitferien organisierte. Jetzt ist er vielleicht 60, klein, zäh und verwittert. Man hört ihn kaum je mit seinen Pferden sprechen, aber wenn er ihnen seine Hand auf die Stirn legt, ist da vollkommenes gegenseitiges Verstehen. Die Tiere schließen die Augen und machen den Kiefer so locker, dass die weichen Unterlippen lange nachschlackern.

Mein Verhältnis zu meinem Pferd kommt mir sehr abgeklärt vor. Klar, ich bin ihm dankbar, dass es mich so ausdauernd durch das Land trägt. Aber Mann und Pferd, da wollen wir auch nicht zu gefühlsduselig werden. Bis Pierrot an dieser Haltung rüttelt. Während er neben mir reitet, die süßen Blüten einer tief hängenden Akazie pflückt und nascht, erzählt er, dass er mein Pferd vor langer Zeit von einem Hof für misshandelte Tiere zu sich geholt habe. Mehrere Jahre lang ließ er den Hengst auf der Weide. Niemand konnte ihn reiten oder anfassen, er blieb ein Außenseiter in der Herde. Nur nach und nach konnten Pierrot und Sarah das Tier an sich gewöhnen, an den Sattel und schließlich auch an fremde Reiter. Jetzt ist er 19, das stärkste und selbstbewussteste Pferd in Pierrots Schwadron, und dabei so empfindsam, dass er keine Trense verträgt und nie mehr als einen zarten Hinweis braucht, um zu verstehen, was man von ihm möchte. Diese Geduld und das Vertrauen – ganz ehrlich, da kriege ich einen Kloß im Hals.

Neptune, Boss der Schwadron
Monsieur Neptune fährt Fähre über die Garonne

Die Ruhe ringsum legt sich auch über uns, eine kraftvolle Ruhe wie beim Wandern. Sogar Keith löst sich aus seiner Totekatzenstarre. Er reitet neben mir und erzählt von seiner 20 Jahre jüngeren Freundin. Die möchte, dass er zu ihr in die USA zieht. Eigentlich wollte er nicht, sagt er. Aber dann reiten wir an der großartigen Burgruine von Rauzan entlang, die letzte Weinprobe noch frisch im Blut.

Ich habe mir wieder nicht merken können, was diese ganzen verschiedenen Crus bedeuten. Aber inzwischen weiß ich, dass ich mich von schicken Namen nicht einschüchtern lassen muss. Sehe einfach zu, was mir schmeckt und was nicht. Keith streckt sich und sagt, vielleicht sei er doch noch nicht zu alt für etwas Neues. Das kann ich gut nachvollziehen. Zuerst fühle ich mich nur wie ein Mann auf einem Pferd, dem es gut geht. In Rauzan stelle ich mir dann zum ersten Mal vor, wie es wäre, Herzog zu sein und vom Pferderücken aus Länder zu beherrschen. Bespreche das mit Keith und Sandra, doch die haben beide nichts für den Adel übrig. Mit mir aber geht in diesem gleichmäßigen Rhythmus der Tage immer mehr die Fantasie durch. Dieses Aquitanien, die Schlösser, der Wein und am letzten Morgen die mächtige Zitadelle von Blaye: Klar, dass da einer wie ich völlig das Maß verliert.

Eine Antwort zu „Prost, Brauner!”.

  1. Nichts für den Adel übrig haben, aber deren Architektur besuchen .. 🤣😂

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse einen Kommentar